Tanklager Farge Sanierung ausgeschlossen

Rainald Brede hält den Grundwasserschaden in Farge für den größten der Republik. Das sagte der Vertreter der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in der jüngsten Sitzung des Beiratsausschusses Tanklager Farge.
03.05.2019, 07:00
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Sanierung ausgeschlossen
Von Julia Ladebeck

Farge. Die Worte von Rainald Brede, bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) zuständig für das Sanierungsprojekt „Tanklager Farge“, sind deutlich: „So einen Grundwasserschaden gibt es vermutlich in der gesamten Republik nicht.“ Brede berichtete in der jüngsten Sitzung des Blumenthaler Beiratsausschusses Tanklager Farge über die Boden- und Grundwasserkontamination und den aktuellen Sanierungsstand. Dabei schockierte er die anwesenden Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) Tanklager Farge mit der Aussage, dass die Schadstofffahne vermutlich nie saniert werde. „Wie viele hundert Millionen Euro wollen Sie da versenken?“, fragte er rhetorisch in die Runde. Maximal werde es ein Schutz des Brunnens geben.

Das letzte Wort hatte in der Versammlung Heidrun Pörtner, Vorsitzende der Bürgerinitiative. Sie hatte sich als Zuschauerin zu Wort gemeldet. „Wir fordern, dass die Schadstofffahne mindestens stationär gehalten und möglichst saniert wird“, sagte sie und betonte: „Grundwasserschutz war noch nie so wichtig wie heute. Das ist in dem trockenen Sommer im vergangenen Jahr deutlicher geworden denn je.“ Die Einstellung der Trinkwasserförderung am Brunnen 16 sei für die BI keine akzeptable Option, so Pörtner. Die größte Sorge der Anwohner gelte aktuell der Ausbreitung der MTBE-Schadstofffahne.

Die Schadstoffbelastungen im Untergrund gehen von den Verladebahnhöfen I und II und der Schiffsumschlagsanlage am Hafen aus. Brede sprach zudem von drei alten Grabensystemen und sogenannten Schlammgruben, die offenbar erstmals in den Fokus der Untersuchungen geraten sind. Eine mögliche Einstellung der Trinkwasserförderung am Brunnen 16 war von den anwesenden Vertretern der Umweltbehörde als eine Option in ferner Zukunft genannt worden. Hintergrund ist, dass die Fließrichtung des Grundwassers und somit auch der Schadstofffahne, die sonst Richtung Weser geht, durch die Wasserentnahme am Brunnen möglicherweise in dessen Richtung umgelenkt werden könnte. Für die Bürgerinitiative ist die Einstellung der Trinkwasserförderung selbst in entfernter Zukunft jedoch nicht akzeptabel, machte Pörtner deutlich. Stattdessen müsse der Schutz des Trinkwassers obere Priorität haben.

Zunächst hatte Rainald Brede einen historischen Rückblick auf die Entstehung und Nutzung des Tanklagers gegeben, das 1935 bis 1943 von der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft (WiFo), einer Tarnorganisation der Nazis, gebaut wurde. Dann erläuterte der Bima-Mitarbeiter das Rückbaukonzept für die technischen Anlagen.

Es umfasst unter anderem 16 Behälterblöcke mit insgesamt 78 Tanks von je 4000 Kubikmeter Fassungsvermögen, drei Pumpstationen, eine Pipeline-Anlage, 7,5 Kilometer oberirdische Treibstoffleitungen und 125 Kilometer unterirdische Treibstoffleitungen sowie die Hafenanlage. Grundstückseigentümer ist aktuell noch die Bundeswehr, die das Tanklager von 1960 bis 2013 für die Versorgung von Heer und Luftwaffe genutzt hatte. 2013 war die Stilllegung beschlossen worden. Die Bundeswehr ist auch für den Rückbau der technischen Anlagen zuständig. Danach geht das Areal in den Besitz des Bundes über. Die Verwaltung übernimmt dann die Bima, die bereits jetzt für die Altlastenbearbeitung im Bereich der Verladebahnhöfe zuständig ist.

Bis 2005, so Brede, seien überwiegend „kleinere akute Schadensfälle“ bearbeitet worden. Erst ab dem Jahr 2006 habe es durch den Geoinformationsdienst der Bundeswehr ein Grundwasser-Monitoring mit einer systematischen Erfassung gegeben. 2009 wurde ein Feuerlöschbrunnen am Verladebahnhof II gebaut. Damals habe es eine intensivere Untersuchung in diesem Bereich gegeben.

2010 wurde am Verladebahnhof II eine sogenannte hydraulische Sicherungsanlage in Betrieb genommen, mit der Schadstoffe aus dem Grundwasser extrahiert werden. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Umweltbehörde in einem Bericht für die Umweltdeputation erläutert, dass die Entfernung der Schadstoffe in diesem Bereich, bedingt durch die „vergleichsweise geringen Fließgeschwindigkeiten von Grundwasser und Phase“, zeitaufwendig sei. Es werde Grundwasser aus zehn Brunnen mit einer Leistung von circa drei Kubikmeter pro Stunde gefördert und die sich dabei ansammelnde Leichtphase abgeschöpft. Demnach wurden auf diese Weise durchschnittlich jährlich circa 8,5 Tonnen und insgesamt seit Inbetriebnahme mehr als 64 Tonnen – das entspricht 80 471 Litern – (Stand Dezember 2017) reine Schadstoffe entfernt.

Laut Brede sind die Schadstoffe im Bereich Verladebahnhof II bis zu einer Tiefe von 14 bis 15 Metern in den Boden eingedrungen. Seit Dezember 2017 läuft ein Feldversuch zur Sanierung der Schadstofffahne. Durch ein sogenanntes In-Situ-Verfahren wird durch Zugabe von Sauerstoff der Abbau von BTEX im Boden unterstützt und verstärkt. Zusätzlich soll durch den Einsatz von hochverdünntem Alkohol (Ethanol) als Hilfssubstrat der Abbau von MTBE stimuliert werden. Im Laufe des Jahres startet schließlich ein Pilotprojekt. Im Zuge eines Ideenwettbewerbs werden fünf Ingenieurbüros ausgewählt, die Sanierungsvarianten planen sollen. Die Ergebnisse der fünf Büros sollen laut Brede möglichst noch in diesem Jahr öffentlich präsentiert werden.

„Die Zielstellung ist, ein Verfahren zu finden, mit dem man eingreifen kann, wenn der Trinkwasserbrunnen akut gefährdet ist“, sagte Brede. Dies sei allerdings bisher nicht der Fall, betonte er. An den Messstellen, die von der SWB als zusätzliche Vorfeldmessstellen zum Förderbrunnen 16 errichtet wurden, seien bisher weder BTEX noch MTBE nachgewiesen worden.

Die Ergebnisse der Grundwasseruntersuchungen an der Messstelle Farger Straße / An der Amtsweide deuten laut Umweltbehörde darauf hin, dass sich die Schadstofffahne dort im tiefen Grundwasserbereich „in geringem Maße“ weiter ausbreitet. Brede spricht indes lieber von einer „Präzisierung der Abgrenzung“. Die Belastung sei jetzt an Stellen festgestellt worden, die vorher noch nicht untersucht worden seien.

Die von der Umweltbehörde und dem Gesundheitsamt festgelegten Konzentrationen für BTEX (120 Mikrogramm pro Liter) und MTBE (100 Mikrogramm pro Liter), die als „Bewertungsgrundlage für die Abgrenzung von Informationsgebieten“ gelten, wurden demnach für BTEX noch nicht erreicht. Allerdings werde der Wert für Benzol (sieben Mikrogramm pro Liter) und für MTBE überschritten. 2017 wurden zusätzliche Grundwassermessstellen an der Neurönnebecker Straße und am Weserufer errichtet. Die Schadstofffahnen, die vom Verladebahnhof I und von der Hafenanlage ausgehen, zeigen bisher weder eine Ausbreitung noch einen Anstieg der MTBE- und BTEX-Konzentrationen.

Die Mitglieder der Bürgerinitiative zeigten sich enttäuscht von den bisherigen Sanierungsmaßnahmen. Olaf Rehnisch, stellvertretender Vorsitzender der Bürgerinitiative Tanklager Farge und als sachkundiger Bürger Mitglied im Ausschuss Tanklager Farge, wies außerdem darauf hin, dass insbesondere neu zugezogene Anwohner in den betroffenen Straßen über die Boden- und Grundwasserbelastung oftmals nicht Bescheid wissen. "Viele haben einen Brunnen und kennen die Empfehlung, das Wasser nicht zu nutzen, überhaupt nicht." Sein Vorschlag: Neubürger könnten in der Meldebehörde durch ein Informationsblatt informiert werden."

In der kommenden Woche wird Brede auf Einladung der Bürgerinitiative Tanklager Farge noch einmal über den Sanierungsstand berichten. Bei der Bürgerversammlung am Dienstag, 7. Mai, ab 19 Uhr im Gemeindesaal der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Rönnebeck/Farge, Farger Straße 19, haben Anwohner laut Heidrun Pörtner zudem die Möglichkeit, sich für eine Analyse ihres Gartenbrunnen-Wassers vormerken zu lassen, die von der BI organisiert wird.

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Zur Sache

Die Stoffe in Boden und Grundwasser

MTBE (Methyl-tert-butylether) ist eine organisch-chemische Verbindung aus der Stoffgruppe der aliphatischen Ether, die als Zusatzstoff in Ottokraftstoffen verwendet wird. BTEX ist die Abkürzung für die aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole. Es handelt sich um flüchtige organische Verbindungen. Leichtphasen sind organische Flüssigkeiten, die sich nicht oder kaum im Wasser lösen und eine geringere spezifische Dichte als Wasser besitzen. Im Kontakt mit Wasser bildet sich dadurch eine organische Phase, die auf der wässrigen Phase schwimmt (Beispiel: Öl auf Wasser).

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