Interview

Feuerwehr in Bremen: So wichtig sind die Freiwilligen

Der Ortsbrandmeister in Timmersloh befürchtet, dass der Freiwilligen Feuerwehr die Aktiven ausgehen könnten. An eine Auflösung denke dennoch niemand, sagt der Sprecher der Bremer Feuerwehr, Michael Richartz.
16.07.2020, 11:56
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Feuerwehr in Bremen: So wichtig sind die Freiwilligen
Von André Fesser
Feuerwehr in Bremen: So wichtig sind die Freiwilligen

Beim Großbrand im Industriehafen waren auch die Freiwilligen Feuerwehren aus Lehesterdeich, Blockland, Neustadt, Huchting und Vegesack vor Ort.

Christina Kuhaupt
Herr Richartz, brennt es heute in den Bremer Ortsteilen seltener als vor 100 Jahren?

Michael Richartz: Ja, das würde ich sagen. Die Einsatzzahlen in diesem Bereich gehen zurück. Da zeigt sich, was wir im vorbeugenden Brandschutz machen. Im Bereich der technischen Hilfeleistungen – Tierrettung, Notfalltüröffnungen oder Verkehrsunfälle – steigen die Einsatzzahlen.

Welche Rolle spielen die Freiwilligen Feuerwehren dabei?

Die Freiwilligen Feuerwehren in der Stadtgemeinde werden etwas anders eingesetzt als zum Beispiel im niedersächsischen Umland, dort wirken sie sehr selbstständig. Hier in Bremen haben die Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren einen stark unterstützenden Charakter. Die ersten Maßnahmen am Einsatzort erfolgen meist durch die Berufsfeuerwehr. Wenn wir besondere Lagen haben – Flächen-, Sturm- und Gewitterlagen – fahren die Freiwilligen Feuerwehren auch eigenständig Einsätze. Das ist häufig der Masse an Einsätzen geschuldet.

Der Ortsbrandmeister in Timmersloh macht sich Sorgen, dass seine Wehr bei großen Bränden künftig nicht mehr einsatzfähig ist, weil Aktive fehlen. Ab wann ist eine Freiwillige Feuerwehr nicht einsatzfähig?

In unseren Planungen ist ein Löschfahrzeug einer Freiwilligen Feuerwehr immer mit einem Fahrzeugführer und fünf Einsatzkräften besetzt. Das ist die Mindestausrückestärke. Sind es weniger, wird es schwierig, weil wir auf diesen Fahrzeugen auch Leute haben müssen, die unter Atemschutz arbeiten können. Für sie gibt es sehr eng gefasste, hohe Anforderungen an die körperliche Fitness, die Gesundheit und ans Alter. Freiwillige Feuerwehren, die wenig Zulauf von jungen Leuten haben, bekommen irgendwann Probleme, die Funktion Atemschutzgeräteträger zu besetzen.

Die Timmersloher versuchen seit Jahren, junge Leute zu gewinnen, die genügend Zeit haben und vor Ort wohnen. Das gelingt ihnen nicht gut. Was gibt es für Alternativen?

Das ist insgesamt ein großes strukturelles Problem. In Bremen sind wir noch ganz gut aufgestellt. Wir haben vier Freiwillige Feuerwehren von den 19 identifiziert, die tatsächlich Schwierigkeiten haben mit der Nachwuchsgewinnung. Das liegt gar nicht an der Freiwilligen Feuerwehr selbst, sondern an den Örtlichkeiten. Seehausen ist auch ein abgelegener Ortsteil, dort gibt es aber Neubaugebiete, es sind viele Menschen zugezogen. Das wirkt sich auch auf die Freiwillige Feuerwehr aus. Da wachsen neue Generationen nach - und die wachsen auch in die Feuerwehr hinein. Das ist in Timmersloh anders. Dort hat man wenig Bevölkerungszuwachs, häufiger mit Abwanderung zu tun. Dieses Problem zu lösen, ist sehr schwierig. Wir wissen, dass die Freiwilligen Feuerwehren mit einer Jugendwehr in der Regel weniger Nachwuchssorgen haben.

Michael Richartz ist Sprecher der Feuerwehr in Bremen.

Michael Richartz ist Sprecher der Feuerwehr in Bremen.

Foto: Feuerwehr Bremen
Was passiert mit einer Freiwilligen Feuerwehr, die nicht mehr einsatzfähig ist?

Man wird möglicherweise das Aufgabenspektrum verändern. Wenn es keine Atemschutzgeräteträger mehr gibt, kommt diese Freiwillige Feuerwehr für spezielle Einsätze nicht mehr infrage. Möglicherweise müsste man darüber nachdenken, ob man Wehren zusammenlegen kann, um die Schlagkraft zu erhöhen.

An welchem Punkt löst die Feuerwehr Bremen eine Freiwillige Feuerwehr auf?

Die Freiwillige Feuerwehr St. Magnus zum Beispiel war aufgrund ihrer Altersstruktur nicht mehr existent. Die wenigen verbliebenen Kameraden sind in verschiedene Wehren gewechselt, man hat diese Wehr aufgelöst. Wenn in Timmersloh keine Menschen mehr wären, die die Freiwillige Feuerwehr am Leben erhalten, dann würde man sie auflösen. Aber tatsächlich gibt es diesen Gedanken derzeit gar nicht.

Wie wichtig ist die Freiwillige Feuerwehr in Timmersloh?

Selbst von der noch in Bau befindlichen Feuerwache 7, die ihren Standort am Hochschulring haben wird, bräuchte die Berufsfeuerwehr bis in den entlegensten Winkel Timmerslohs sicherlich länger als eine Viertelstunde. Das kompensiert jetzt die Feuerwehr Timmersloh. Da kann von der Berufsfeuerwehr keiner gegen anfahren. Den deutlichen örtlichen und zeitlichen Vorteil durch den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr würde man im Falle einer Auflösung aufgeben. Das wäre ein großes Problem.

Was geschieht, wenn Freiwillige fehlen?

Man würde schauen, was man umorganisieren könnte. Um den Brandschutz sicher zu stellen, kann der Staat auch Pflichtfeuerwehren einrichten: Menschen werden, ähnlich wie Schöffen, zum Dienst in der Freiwilligen Feuerwehr verpflichtet. Wenn Sie über Qualität und Motivation nachdenken, ist eine Pflichtfeuerwehr aber die schlechteste Lösung.

Wie ist der Plan für Bremens Stadtteil Borgfeld?

Wir wollen die Nachwuchsgewinnung noch früher starten, um noch mehr und jüngere Leute in die Feuerwehr zu bringen und für den Dienst in der Feuerwehr zu begeistern. Aber das ist schwierig in Timmersloh. Insgesamt stehen wir in Bremen noch gut da. Im gesamten Bundesgebiet finden sich Freiwillige Feuerwehren, die mangels Nachwuchs sprichwörtlich vergreisen.

Es gibt Stimmen, die sagen, für die Feuer- und Rettungswache 7 wird es nicht genügend Personal geben. Wird die Feuerwache 7 personell gut ausgestattet sein?

Personell wird die Wache adäquat besetzt sein. Die Einsatzfahrzeuge, die auf der Wache stehen – Löschfahrzeug, Drehleiter, Rüstzug, Rettungswagen – werden wir besetzen. Die Berufsfeuerwehr ist am Aufwachsen. Wir waren 500 Leute, inzwischen sind wir auf über 600 angewachsen – auch, um die Feuerwache 7 besetzen zu können. Innerhalb der Berufsfeuerwehr werden wir auch Strukturen verändern. Wir werden zum Beispiel einen Teil dessen, was jetzt in der Feuerwache 2 in der Bennigsenstraße ist, auf die Feuerwache 7 bringen – näher an Timmerloh und Borgfeld heran.

Das Gespräch führte Antje Stürmann.

Info

Zur Person

Michael Richartz

ist seit 32 Jahren Mitglied und seit zwölf Jahren Sprecher der Bremer Berufsfeuerwehr. Der 55-jährige gebürtige Bremer ist ausgebildeter Karosseriebauer.

Info

Zur Sache

645 aktive Freiwillige in Bremen

Die Feuerwehr Bremen besteht aus einer Berufsfeuerwehr und 19 Freiwilligen Feuerwehren. Unter ihnen gibt es drei Kategorien: Freiwillige Feuerwehren mit Grundausstattung, Schwerpunktfeuerwehren und Freiwillige Feuerwehren mit erweiterter Grundausstattung. Diese Wehren unterscheiden sich zum Beispiel in der Ausstattung mit Löschfahrzeugen vor Ort voneinander, im Personalbestand und darin, ob sie eine Jugendwehr haben oder nicht. Unter den Bremer Freiwilligen Feuerwehren gibt es kleinere wie Timmersloh mit rund 20 Mitgliedern und größere wie die Feuerwehr Neustadt (fast 60 Mitglieder). „Hinsichtlich der Wertigkeit macht das keine Aussage“, betont der Sprecher der Feuerwehr Bremen, Michael Richartz, „die Freiwillige Feuerwehr in Timmersloh ist total wichtig für uns.“ Das hänge mit der Lage und dem Einsatzgebiet am Stadtrand zusammen.

Im Ernstfall bedient die Berufsfeuerwehr laut Michael Richartz mehr als 90 Prozent der Lagen. „Großlagen wie den Containerbrand an der Louis-Krages-Straße Ende Mai können wir nur bewältigen mit dem Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren“, bekennt Michael Richartz.

Aktuell gibt es laut Richartz in den Freiwilligen Feuerwehren Bremens 645 aktive Einsatzkräfte, davon 62 Frauen. 169 Kameraden sind deutlich über 60 Jahre alt, sie gehören den Altersabteilungen an und unterstützen die Wehren zum Teil aktiv. Die Jugendwehren verzeichnen 263 Mitglieder, davon sind 53 Mädchen. Es gibt eine Kinderfeuerwehr in Mahndorf mit 18 Mitgliedern.

Die älteste Freiwillige Feuerwehr befindet sich übrigens in Bremen-Vegesack. Sie wurde am 20. Mai 1897 als erste Freiwillige Feuerwehr in Bremen gegründet.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+