Wahre Verbrechen Doppelmord in Lesum: "Unvorstellbar, dass hier so etwas passiert"

Nachdem in Bremen-Lesum 1995 zwei Bankangestellte kaltblütig erschossen werden, ist Fotograf Christian Kosak vor Ort. Im Interview erzählt er von einem Tag, den er wohl nie vergessen wird.
26.08.2022, 07:16
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von bjs

Herr Kosak, Sie arbeiten schon lange als Fotograf für DIE NORDDEUTSCHE und waren auch nach dem blutigen Banküberfall in Lesum für den WESER-KURIER vor Ort. Welche Erinnerungen haben Sie an den 7. April 1995?

Christian Kosak: Der Tag fing schön an. Es war Freitag und ich war am Abend auf einer privaten Feier eingeladen. Ich wollte früh Feierabend machen, weil ich ins Emsland fahren musste. Ich war schon auf dem Sprung, als ich einen Anruf aus der Redaktion bekam. In Lesum sei es zu einem Banküberfall gekommen, es sollen Menschen erschossen worden sein. Das konnte ich mir im ersten Moment überhaupt nicht vorstellen. Ein Banküberfall mit erschossenen Menschen? So etwas passiert vielleicht in großen Städten, aber doch nicht in Lesum. Vor 27 Jahren hatte dieser Ort noch einen dörflichen Charakter. Es war unvorstellbar, dass hier so etwas passiert.

Was hat sich vor der Bankfiliale abgespielt?

Es war von einer Volksbank in Lesum die Rede. Davon gab es damals zwei. Als ich bei der Ersten eintraf, merkte ich anhand des großen Aufgebots an Polizei und Rettungskräften sofort, dass es hier passiert war. Ich habe dann ein dokumentarisches Foto gemacht, mit der Absperrung, den Polizeiautos und der Bank im Hintergrund.

Waren die Absperrungen notwendig, um schaulustige Passanten vom Tatort fernzuhalten?

Ich kann mich nicht mehr wirklich daran erinnern, wie viele Menschen hier waren. Ich hatte einen Tunnelblick und war sehr auf meine Aufgabe fokussiert. Es ging mir nur darum, ein Bild zu machen, mit dem jeder sofort weiß, wo es passiert ist.

War den Polizisten und Sanitätern anzumerken, dass gerade zwei Menschen getötet wurden?

Auf jeden Fall. Auch für die Menschen, die hier in der Nähe arbeiteten und versucht hatten, zu helfen, war das ein großer Schock. Niemand hatte sich vorstellen können, dass es hier zu solch einer grausamen und kaltblütigen Tat kommen kann. Alle waren sehr aufgewühlt.

Haben Sie auch Spuren der Gewalttat selbst gesehen?

Die Fenster waren zugehangen. Man konnte die Spurensicherung in ihren weißen Anzügen gesehen. Mehr möchte niemand auf Bildern sehen – selbst, wenn ich sie vielleicht hätte machen können. Bei den Fotos vom Tatort ging es um die Frage, wo es passiert ist. Was genau sich in der Bank abgespielt hat, ließ sich besser aufschreiben.

War der Raubüberfall in den Tagen und Wochen danach das dominierende Gesprächsthema in Bremen-Nord?

Egal ob Geschäftsleute, Angestellte oder die Mitarbeiter der Bank – man kannte sich in Lesum. Die Menschen waren nicht anonym, sondern Frau Müller oder Herr Meier von nebenan. Deshalb war es zum Beispiel für die Einzelhändler schockierend, dass plötzlich zwei bekannte Menschen durch solch eine Tat umgekommen waren.

Denken Sie auch heute noch an den Raubüberfall zurück, wenn Sie an der ehemaligen Bank vorbeifahren?

Ja, das ist bei vielen Alteingesessenen so. Wenn wir jetzt ältere Menschen fragen würden, könnten viele sofort sagen, was hier am 7. April 1995 passiert ist.

  • Das Gespräch führte Björn Struß.

Zur Person

Christian Kosak (55) . . .

... arbeitet als Fotograf und war vor 27 Jahren für den WESER-KURIER nach dem Doppelmord in Lesum vor Ort. Derzeit fotografiert er hauptsächlich für DIE NORDDEUTSCHE, der Regionalzeitung des WK für Vegesack, Blumenthal, Burglesum, Ritterhude, Schwanewede, Lemwerder und Berne.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht