Weihnachtstraditionen Der Baum ist nun doch da

Nun steht er da an seinem angestammten Platz an der Hemmstraße. Irgendwie gehört er dazu und doch ist das keine Selbstverständlichkeit. Wieder ist das engagierten Geschäftsleuten zu verdanken.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten

Fast hätte Findorff in dieser Adventszeit Schwarz gesehen. Doch seit gestern leuchtet wieder ein Weihnachtsbaum an seinem angestammten Platz an der Hemmstraße. Diejenigen, die seit Jahrzehnten die Tradition aufrechterhielten, hatten beschlossen, diesmal auf Kosten und Aufwand zu verzichten. Drei „Findorffer Jungs“ wollten das Trauerspiel nicht länger mitansehen, nahmen die Sache selbst in die Hand, und organisierten innerhalb von wenigen Tagen einen Weihnachtsbaum für ihren Stadtteil. Wie groß die Freude ist, konnten alle Beteiligten sofort erfahren: Schon während der Baum aufgestellt und geschmückt wurde, hielten immer wieder Passanten an, um zuzuschauen, zu staunen und sich zu bedanken.

„Wie schön!“, freute sich zum Beispiel Karin Mahrarens, die von ihrem Einkaufsbummel am Ort des Geschehens vorbeikam. „Ohne den Baum hat hier wirklich etwas gefehlt!“. Vor allem beim Nikolausmarkt vor der Martin-Luther-Kirche habe der weihnachtliche Stimmungsmacher arg gefehlt, berichteten andere. Dass dort jetzt wieder die Lichtlein brennen, ist dem Zupacken und dem Gemeinschaftssinn zu verdanken – und dem verbindenden Geist der Weihnachtszeit. Kurz zusammengefasst: Der Verein der Findorffer Geschäftsleute, der seit Jahrzehnten den großen Weihnachtsbaum organisiert und finanziert, hatte das Projekt bereits im Rahmen seiner Jahreshauptversammlung im Frühjahr dieses Jahres mit großer Mehrheit abgewählt. Der alljährliche Posten reiße mit rund 3500 Euro ein zu großes Loch ins Vereinsbudget, das ausschließlich von den Beiträgen der rund 70 zahlenden Mitglieder gespeist werde, hieß es – Geld, das man für andere Projekte nötiger gebrauchen könnte. Nachdem das Defizit zu Beginn der Adventszeit offensichtlich wurde, war das Bedauern im Stadtteil groß.

In den sozialen Netzwerken folgten rege Diskussionen. Während einzelne Kommentatoren die Entscheidung im Sinne der Ökologie begrüßten, äußerte eine deutliche Mehrheit Unverständnis. Sie halte es für „total schade, dass wir auf die Lichtertanne verzichten müssen“, schrieb zum Beispiel Ruth HeiaLükke. „Echt traurig“, bestätigte auch Patricia Sparkles, und erzählte, dass sie sich so auf den Weihnachtsbesuch in der alten Heimat gefreut habe. „Und nun ist der Weihnachtsbaum nicht mehr da?“.

Über die sozialen Netzwerke hatte auch Tarkan Akin davon gehört, und am zweiten Adventssonnabend mit einem befreundeten Brüderpaar, Riza und Mehmet Gündogan, beratschlagt. „Wir sagten uns: Jungs, das geht gar nicht – da müssen wir unbedingt etwas tun!“, erklärt der 46-Jährige. Das Trio wandte sich direkt an den Findorffer Jugendfreund und Bürgerschaftsabgeordneten Oguzhan Yazici, der sie bei Fragen der praktischen Umsetzung an Parteifreund und Beiratsmitglied August Kötter verwies. Ein Nadelbaum in entsprechender Größe war schnell gefunden: Die Gündogans, die den Gebrauchtwagenhandel R.G. Automobile an der Kohlenstraße betreiben, sprachen dafür Björn Bogershausen aus dem benachbarten Autohaus Schmidt + Koch an, der das schlanke 6,50-Meter-Gewächs aus Bremerhaven besorgte.

Mit einer gemeinsamen Kostenteilung und vereinten Kräften aus beiden Unternehmen wurde der Baum gestern Mittag an seinem angestammten Platz aufgestellt und geschmückt. Dass ausgerechnet drei Muslime dafür gesorgt haben, dass Findorff wieder seinen Weihnachtsbaum bekommt, finden sie selbst überhaupt nicht ungewöhnlich. „Wir sind Ur-Findorffer“, erklärt Akim und erzählt, dass er im damaligen Findorffer Krankenhaus geboren wurde und seitdem im Stadtteil zu Hause ist. „Der Weihnachtsbaum ist Tradition“, sagt Mehmet Gündogan. „Er gehört zu unserer Kultur, ganz unabhängig von der Religion.“

Die Findorffer Geschäftsleute hatten für ihre Entscheidung reichlich Kritik einstecken müssen, erzählten Gabriele Greger und Marcella Dammrat-Tiefensee aus dem Vorstand. Immerhin hatte die öffentliche Diskussion zutage gebracht, was in den Vorjahren kaum registriert worden war – dass der Weihnachtsbaum nicht dem Wirken höherer Kräfte zu verdanken war, sondern dem ehrenamtlichen Engagement des Vereins, der, anders als manch andere Werbegemeinschaften der Stadt, komplett ohne öffentliche Zuschüsse haushalten muss. Dass sich für die verbleibende Adventszeit nun doch noch eine solch glückliche Lösung finden ließ, sei „richtig toll. Das ist eben Findorff“, lobte Weinhändlerin Greger.

Auch im Verein habe man sich inzwischen mit der Frage auseinandergesetzt, wie man die Weihnachtsbaum-Frage in Zukunft halten solle. „Wie wurden im Nachhinein von einigen Unternehmen und Privatleuten angesprochen, die uns zusagten, dass sie sich künftig an den Kosten beteiligen wollen“, erzählt die erste Vorsitzende Dammrat-Tiefensee. Bereits zum neuen Jahresbeginn will der Verein eine Spendensammlung initiieren. Auf diese Weise soll so früh wie möglich sichergestellt werden, dass Findorff in der Weihnachtszeit 2020 nicht baumlos bleibt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+