Gestra-Vertreten im Bauausschuss

Umzugspläne sind vom Tisch

In absehbarer Zeit wird es in Findorff kein neues Wohnquartier auf der Fläche geben, auf der die Gestra AG ansässig ist. Der Grund: Das Unternehmen hat alle Umzugspläne verworfen.
18.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Seit fast einem Jahrhundert ist das Unternehmen Gestra ein zentraler Teil von Findorff, und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben. Die Umzugspläne sind Schnee von gestern. Im Rahmen der aktuellen Sitzung des Findorffer Bauausschusses ging es um den Schnee von heute, und um den Wunsch, dass das Unternehmen sein Umfeld etwas liebevoller gestalten möge. Ein Problem, für das noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden wurde, ist der Mangel an Parkplätzen. Die Nachbarschaft rund um das Werksgelände kennt das.

Zum Tagesordnungspunkt „Entwicklung des Geländes und Parksituation“ hatte der Ausschuss Gestra-Personalleiter Jens Höft und Gebäudemanager Uwe Meyenburg eingeladen. Man sehe sich als Teil des Stadtteils, wohl wissend, dass eine Industriestätte mitten in bewohntem Gelände störend und ein Fremdkörper sei, sagte Höft.

Freundlicher präsentieren

Tatsächlich sei es wünschenswert, wenn sich das Firmengelände nach außen hin etwas freundlicher präsentiere, fand man im Ausschuss. Sprecher Ulf Jacob erinnerte sich daran, dass der Vorstand bereits vor Jahren versprochen hatte, den kahlen Zaun entlang der Münchener Straße zu begrünen. Gebäudemanager Meyenburg führte in dieser Hinsicht praktische Probleme an, berichtete aber von Plänen, die Grünanlage vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude an der Hemmstraße „büsch’n hübsch“ zu machen.

Das Gebäude stehe keineswegs seit Jahren leer, so Meyenburg auf Nachfrage. Tatsächlich werde ein Teil der Räume seit zwei Jahren wieder vom Unternehmen genutzt, und weitere Etagen könnten in Zukunft ebenfalls wieder reaktiviert werden. Wiederholten Interessensbekundungen anderer Firmen, die sich gerne darin einmieten würden, erteile die Geschäftsführung daher Absagen. Aufgrund des Eigenbedarfs, aber auch wegen der strengen Sicherheitsvorkehrungen sei die Vermietung „vom Konzern nicht gewollt.“

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Einen Rüffel seitens der Stadtteilpolitik gab es für die Tatsache, dass die Gehsteige um das Firmengelände nach den heftigen Schneefällen tagelang ungeräumt geblieben waren. Die Aufgabe habe man einem Dienstleister überlassen, der seiner Aufgabe nicht nachgekommen sei, erklärte Meyenburg. Die Gestra-Geschäftsleitung sei daher gerade dabei, mit dem Auftragnehmer „ein ernstes Wörtchen“ zu reden.

Ein Problem, das kaum von selbst wegschmelzen wird, sei dagegen die Parkplatzsituation im Stadtteil, bestätigte Höft. Auf dem Werksgelände gebe es rund 100 unter- und oberirdische Stellplätze. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzten zur Anfahrt den öffentlichen Personennahverkehr, Fahrräder oder E-Bikes. Für viele andere, die aus bis zu 50 Kilometern Entfernung zu ihren Arbeitsplätzen kommen, gebe es indes keine Alternative zum Auto. Höft schätzte, dass pro Schichtwechsel rund 60 Gestra-Mitarbeiter in Werksnähe nach Parkplätzen suchen – und in diesem Winter, in dem sich aufgrund der Pandemie viele Fahrgemeinschaften auflösten, seien es eher noch mehr als üblich.

Städtebaulicher Wettbwerb

Die Chronik des Unternehmens beginnt im Jahr 1902. Ende der 1920er-Jahre zog das „Technische Geschäft“ von Gustav Friedrich Gerdts an die Fallingbosteler Straße auf das ehemalige Gelände der Auswandererhallen. Anfang 2010 gab der Gestra-Vorstand bekannt, dass das Unternehmen plane, auf ein mehr als doppelt so großes Grundstück im Technologiepark umzuziehen. Anstatt die 16.000 Quadratmeter im Herzen Findorffs an den Höchstbietenden zu veräußern, wurde auf Initiative des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Lutz Oelsner gemeinsam mit der Baubehörde das kompliziertere, kosten- und zeitintensivere Verfahren eines städtebaulichen Wettbewerbs eingeleitet. Das Siegermodell wurde Ende 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein hochkarätiges Gremium – darunter der ehemalige Senatsbaudirektor Franz-Josef Höing und Landeskonservator Georg Skalecki – betrachtete die Pläne für das verkehrsberuhigte neue Wohnquartier mit abwechslungsreicher Bebauung und Platz für Kultur und Handel mit Wohlwollen. In den folgenden Monaten wurde der angesetzte Umzugstermin immer wieder verschoben.

Spätestens ab 2015 wurden die Pläne endgültig auf Eis gelegt, und da liegen sie auch weiterhin, erklärte Unternehmensvertreter Höft. Die Ölkrise hatte den US-amerikanischen Mutterkonzern Flowserve stark in Mitleidenschaft gezogen. 2017 wurde die Gestra AG an die Spirax Sarco Engineering PLC verkauft. Das Unternehmen mit Sitz im britischen Cheltenham hat eine noch längere Tradition in der Dampftechnik. Die Übernahme durch den zuvor wichtigsten Mitbewerber habe sich für das Findorffer Tochterunternehmen als Vorteil erwiesen, so Höft. Von Umzugsplänen wollen die Briten allerdings zurzeit nichts hören.

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