Petition

Barrierefreiheit für die Stadt Bremen

Die Findorfferin Kassandra Ruhm engagiert sich seit Jahren dafür, dass behinderte Menschen den Platz im kulturellen Leben Bremens erhalten.
26.04.2019, 14:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Kassandra Ruhm engagiert sich seit Jahren dafür, dass behinderte Menschen den Platz im kulturellen Leben der Stadt erhalten, der ihnen zusteht. Seitens der Kulturbehörde und der Einrichtungen habe man die Notwendigkeit bislang nicht eingesehen, berichtet die Findorfferin.

Doch nun setzt sie viel Hoffnung auf Petition L 19/296, über die an diesem Freitag öffentlich verhandelt wird. Mehr als 450 Bremerinnen und Bremer haben sich mit elektronischen und persönlichen Unterschriften ihrer Forderung nach wirklich barrierefreien Rollstuhlplätzen angeschlossen.

Denn diese seien in Bremen keineswegs die Norm, weiß die Bremer Behindertenrechtsaktivistin. Für öffentlich zugängliche Einrichtungen der Kultur und des Bildungswesens gilt wie für Sport- und Freizeitstätten ein Maßstab für barrierefreies Bauen.

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DIN 18040-1 besagt unter anderem, dass Rollstuhlplätze 90 Zentimeter breit und – je nach Position im Raum – 130 beziehungsweise 150 Zentimeter tief sein müssen: Die Mindestvoraussetzung dafür, dass Menschen mit Rollstühlen ausreichend Platz und genügend Freiheit zum Rangieren haben, erklärt Kassandra Ruhm.

Theorie und Praxis

Außerdem dürfen die Rollstühle nicht unfreiwillig Durchgänge und Fluchtwege versperren, und die Begleitperson muss direkt neben dem Rollstuhlplatz sitzen können. Soweit die Theorie, doch in der Praxis fallen ihr kein einziges Bremer Theater, kein Konzert- und kein Kinosaal ein, die diese Vorgaben erfüllen.

Auch die Regel, dass mindestens ein Prozent der Zuschauerplätze rollstuhlgerecht sein müsse, werde selten eingehalten. „Das Argument lautet: So viele Plätze werden sowieso nie benötigt“, erzählt sie. „Dabei kann es genauso gut sein, dass viele Rollstuhlfahrer sich nicht willkommen fühlen, und wegen der schlechten Bedingungen auf einen Besuch verzichten.“

Oft würden Rollstuhlfahrer an den Rand, in Ecken oder beengte Nischen gedrängt, und von ihren privaten Begleitungen und professionellen Assistenzkräften getrennt. „Wenn man sich beschwert, heißt es:

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Alle anderen Besucher wären immer gut zurecht gekommen, und es hätte noch nie Klagen gegeben“ – so habe sie es auch von vielen anderen behinderten Menschen und deren Angehörigen gehört. „Es ist demütigend, wenn behinderte Menschen wie Bittsteller behandelt werden, und manche Einrichtungen so tun, als ob man schon froh sein müsste, dass es vor Ort überhaupt Rollstuhlplätze gibt“, sagt Kassandra Ruhm.

Immer wieder habe sie die jeweiligen Defizite den Veranstaltern selbst und auch den zuständigen Behörden gemeldet. Auch der Landesbehindertenbeauftragte sei in dieser Sache aktiv geworden, berichtet die Psychologin, die selbst seit Studienzeiten einen Rollstuhl braucht.

Umso unverständlicher sei ihr, dass der Senator für Kultur in seiner Stellungnahme zur Petition Verwunderung geäußert habe. Es sei der Behörde bisher nicht bekannt, dass ausgewiesene Rollstuhlplätze in Kultureinrichtungen nicht angemessen barrierefrei nutzbar wären, und die Petentin solle Angaben nachliefern, damit man „etwaigen Einzelfällen“ nachgehen könne.

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Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und erstellte ein 30-seitiges Dossier, für das sie systematisch 13 Bremer Veranstaltungsorte inspizierte – darunter die „Glocke“, vier Bühnen des Theaters Bremen, Schlachthof, Schaulust, und die Shakespeare Company.

In der Regel hätte jede der Kultureinrichtungen von sich behauptet, Rollstuhlplätze nach DIN 18040 anzubieten. Bei ihren Besuchen habe sie jedoch viele Barrieren und keinen einzigen normgerechten Platz vorgefunden. „Der Senator für Kultur und die Kultureinrichtungen selbst zeichnen sich die Situation schön“, kritisiert Ruhm.

Mit ihrer Petition möchte sie erreichen, dass zunächst sämtliche öffentlichen Kulturorte im Land Bremen über die Vorgaben zur Barrierefreiheit informiert werden. In einem zweiten Schritt sollen diejenigen Einrichtungen, die öffentliche Mittel beziehen, aufgefordert werden, Rollstuhlplätze in der korrekten Norm und Zahl einzurichten.

Ehrliches Engagement

Und schließlich soll die Behörde die Umsetzung zeitnah überprüfen und gegebenenfalls ihre Mittelvergabe davon abhängig machen. Um Platz für die behinderten Menschen zu schaffen, würden die Häuser sicherlich einige reguläre Sitzplätze verlieren, weiß Ruhm. An ehrlichem Engagement für eine inklusive Kultur würde Bremen jedoch gewinnen.

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