Sorge um Bewohner Mehr Corona-Fälle in Bremer Pflegeheimen

Zuletzt wurden mehr Corona-Infektionen und auch Todesfälle in Bremer Pflegeheimen gemeldet. Pflegekräfte und Angehörige sorgen sich um die Heimbewohner.
15.04.2020, 06:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Sara Sundermann und Timo Thalmann

Die Corona-Erkrankungen und Todesfälle in Bremer Pflegeheimen werden mehr. Insgesamt wurden in Pflegeeinrichtungen bisher 65 Corona-Infektionen gezählt, 13 Heim-Bewohner starben. Von den 65 positiv auf das Virus getesteten Personen in Heimen waren 38 Bewohner und 27 Beschäftigte. Diese Zahlen nannte Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) am Dienstagmittag in einer Senatspressekonferenz. Zuletzt waren unter fünf neuen Bremer Corona-Todesfällen, die am Montag gemeldet wurden, vier Pflegeheim-Bewohner.

Die Gewerkschaft Verdi, die auch Pflegekräfte vertritt, geht davon aus, dass die Zahl der Infektionen in Bremer Pflegeheimen noch zunehmen wird: „Ich denke, das ist erst der Anfang“, sagt Kerstin Bringmann. „Es ist ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm, eine bange Erwartung, denn natürlich haben alle Angst; vor allem auch davor, dass es eine Welle von Infektionen geben könnte, wenn die Einschränkungen gelockert werden.“ Derzeit sei noch keine erhöhte Zahl von Krankmeldungen bei Pflegekräften zu beobachten, sagt Bringmann.

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In einigen stationären Heimen gebe es nun sogar etwas mehr Personal, weil Tagespflege-Angebote wegen der Pandemie gestrichen wurden und die dort beschäftigten Kräfte nun in Heimen aushelfen. Mit Sorge beobachtet Bringmann die Versorgung mit Schutzausrüstung: „Wir fordern genug professionelle Schutzausrüstung für die Beschäftigten, ich weiß, dass es überall knapp ist.“

Und für die Pflege, wo man Bewohnern sehr nahe komme, reichten Stoffmasken nicht aus: „Wenn es Corona-Fälle gibt, braucht man Kittel, professionelle Masken, Handschuhe und Augenschutz.“ Sie nennt weitere Aspekte, die ihr Sorgen bereiten: „Viele Pflegekräfte sind über fünfzig und gehören selbst zur Risikogruppe, sie sollten nicht mit Infizierten arbeiten.“ Problematisch sei auch, dass man Demenzkranke schwer unter Quarantäne stellen könne. „Einem demenzkranken Bewohner kann man nicht erklären, dass er sein Zimmer nicht verlassen darf.“

Auf weitere Schwierigkeiten in der aktuellen Situation verweist Reinhard Leopold von der Heimmitwirkung, einer Bremer Selbsthilfegruppe von Angehörigen. „Angehörige, Freunde und rechtliche Betreuer sind momentan aus den Heimen quasi ausgesperrt und dürfen die Bewohner nicht besuchen.“ Das bedeute Verunsicherung, wie es ihren Liebsten gehe. „Man hat keinerlei Möglichkeit mehr zu kontrollieren, was gerade in den Heimen geschieht“, sagt er. Leopold kritisiert: „Es wurde in der Vergangenheit immer mehr Pflegepersonal abgebaut, das rächt sich in Situationen wie dieser dramatisch.“

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„Das ist derzeit für unsere Beschäftigten schon eine wahrnehmbar belastendere Situation“, sagt André Vater, Vorstand der Bremer Heimstiftung, die in Bremen als größter Arbeitgeber in der Pflege gilt. Derzeit gebe es in den Häusern der Heimstiftung noch genug Schutzausrüstung, doch man sei wie alle anderen auf Nachschub angewiesen. Die Heimstiftung habe an die Beschäftigten, die nah mit Bewohnern arbeiten, pro Person zwei Stoffmasken verteilt. Die Masken seien vom Theater Bremen, von der Schule an der Delmestraße und von Privatpersonen genäht und gespendet worden, sagt Vater. Das klingt gut, zeigt aber auch, dass professionelle Masken auch in Heimen nur begrenzt vorhanden sind.

Das Leben der Heimbewohner werde stark dadurch verändert, dass nun Besuche von Angehörigen verboten sind, sagt Vater. Es gebe aber zum Teil kreative Lösungen: „Wir haben Tablets für die Fortbildung von Beschäftigten, und Pflegekräfte machen damit für Bewohner Skype-Anrufe bei Angehörigen möglich“, so Vater. Vor drei Einrichtungen der Heimstiftung hätten Musiker aufgespielt: Bewohner des Heims an der Marcusallee konnten durchs geöffnete Fenster einer Opernsängerin und einem Akkordeonspieler lauschen. „Und im Riensberg und in Luisental haben zwei Bläser von außen die Häuser bespielt“, erzählt Vater.

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Die Einrichtungen der Heimstiftung sind dem Vorstand zufolge bislang noch von bestätigten Corona-Fällen verschont geblieben. Es habe aber bislang 50 Verdachtsfälle in acht Heimen der Stiftung gegeben, die nach Tests alle entkräftet werden konnten. Doch auch die Verdachtsfälle zeigten, was Corona-Fälle in einem Heim bedeuten: „Wenn ein Bewohner möglicherweise Corona hat, darf Personal, das ihn betreut, nur noch dort arbeiten. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Nachtwache, die sonst durch das ganze Haus geht, nur auf dem Flur mit dem Verdachtsfall bleibt. Eine zweite Nachtwache muss sie unterstützen und durch das restliche Haus gehen.“ Bei Verdachtsfällen unter Bewohnern würden Flure oder Etagen möglichst vom Rest des Hauses abgetrennt. Beschäftigte, die als Verdachtsfall gelten, blieben zu Hause, bis ein Testergebnis vorliege, so Vater.

„Wir sind diejenigen, die das Virus in die Einrichtungen tragen können, diese Angst begleitet uns ständig“, sagt Pflegekraft Jasmin Burkhardt, die als Stationsleitung in einem Haus der Heimstiftung an der Marcusallee arbeitet. „Wir sind die ganze Schicht mit Mund- und Nasenschutz unterwegs, unsere Hände gehen vom vielen Waschen und Desinfizieren kaputt.“ Viele Bewohner würden ihre Familie vermissen: „Wir brauchen jetzt ein größeres offenes Ohr, ich wünsche mir vor allem mehr Zeit, damit wir die Bewohner beruhigen und uns ihre Sorgen zu Ende anhören können.“

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