Besuch verboten, Briefe erlaubt Bremer Pflegeheime kämpfen mit Besuchsverbot

Das durch die Coronakrise erlassene Besuchsverbot in Pflegeeinrichtung isoliert viele ältere Menschen. Deswegen bemühen sich Angehörige und Pflegekräfte, mit alternativen Methoden den Kontakt zu halten.
30.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Thomas Walbröhl

Es sind harte Zeiten für Pflegebedürftige, ihre Bezugspersonen und jene Menschen, die sich beruflich um sie kümmern. Senioren und Vorerkrankte gehören zur Covid-19-Risikogruppe. Und um sie vor Corona besser zu schützen, haben mehrere Bundesländer Besuche in Pflegeeinrichtungen untersagt oder zeitlich beschränkt, Bayern etwa, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Auch in Bremen gilt seit Mittwoch für vollstationäre Pflegeeinrichtungen ein Besuchsverbot, erlassen per amtlicher Bekanntmachung.

Einrichtungen der Altenpflege und der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen dürfen zum Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr besucht werden, teilte auch Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) am Donnerstag mit. Ausnahmen seien nur bei einem besonderem berechtigten Interesse zulässig. So sollen zum Beispiel Menschen, die im Sterben liegen, weiter Besuch von Angehörigen erhalten können. Auch der Betrieb von Tagespflegeeinrichtungen für Pflegebedürftige ist demnach bis zum 14. April untersagt. Eine Notbetreuung sei unter bestimmten Voraussetzungen möglich.

Doppelt schwierige Situation

Die Situation in Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe ist angespannt. So etwa in den Häusern der Bremer Heimstiftung, in denen nach eigenen Angaben etwa 3000 Bewohnerinnen und Bewohner leben, die alle einer Risikogruppe zugerechnet werden. Durch die Ausbreitung des Coronavirus ergebe sich ein doppeltes Problem, berichtet Alexander Künzel, Seniorvorstand der Bremer Heimstiftung. "Zum einen gilt es, unsere hochaltrigen Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen.

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Es ist aber genauso wichtig, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesund bleiben, denn sie werden auf der Arbeit besonders gebraucht." Das könne zu einem Dilemma führen. "Bleiben die Mitarbeiter wie empfohlen bei Erkältungssymptomen zu Hause, ist die so wichtige Versorgung der älteren Menschen in Gefahr. Kommen sie zur Arbeit, könnten sie zu Infektionsherden werden." Aktuell arbeiten nach eigenen Angaben unter starker Belastung rund 2600 Menschen für die Bremer Heimstiftung, darunter Pflegefachkräfte und Pflegehelfer, Hauswirtschafts- und Reinigungskräfte sowie Sozialpädagogen und Psychologen.

Stark ausgelastet sind auch die Mitarbeiter in Friedehorst in Lesum, nicht erst seit der Corona-Krise. Dort leben etwa 300 Menschen in Altenhilfeeinrichtungen, teilt Sprecherin Gabriele Nottelmann mit. Dazu kommen weitere 400 Menschen mit Behinderung, die im Rahmen der Eingliederungshilfe begleitet werden. In der Altenhilfe sind dort 370 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig, in der Behindertenhilfe 475. „Im Grundsatz erleben wir die gleichen Herausforderungen wie jeder andere Mensch in Bremen und in Deutschland auch“, sagt Nottelmann. „Mit dem Unterschied, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundsätzlich den Umgang mit Infektionen kennen und gut geschult sind im Bereich der Infektionsprävention.“

Den Bewohnern fehle aufgrund der aktuellen Situation der soziale Kontakt, sagt Nottelmann. „Oft ist der Besuch des Angehörigen der Höhepunkt des Tages oder der Woche“, sagt sie. Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern komme es durchaus zu Gefühlen wie Unzufriedenheit oder Traurigkeit. Nicht alle könnten die derzeitige Lage verstehen und einordnen. „Manche fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben und ob das der Grund sei, dass keiner mehr zu Besuch kommt“, sagt Nottelmann. „Natürlich versuchen wir, in einfacher Sprache den Bewohnern die Lage zu vermitteln, insbesondere bei demenziell veränderten Menschen ist das aber schwer, da ihr Kurzzeitgedächtnis betroffen ist.“

Aktiv bleiben ist wichtig

Eine besondere Herausforderung sei aktuell, so viele Betreuungsangebote wie möglich auf die Beine zu stellen. „Durch die Schließung der Tagespflege per Allgemeinverfügung haben wir einige Mitarbeiterinnen, die nun in den anderen Einrichtungen eingesetzt werden können und dort tagesstrukturierende Angebote machen können wie Zeitung lesen, Spielen oder Spaziergänge machen“, sagt Nottelmann. „Spazierengehen oder zumindest an die frische Luft kommen ist im Moment sehr wichtig, und das versuchen wir auch umzusetzen.“

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Besonders bei Verboten von physischem Besuch sei es wichtig aktiv zu bleiben, sagt auch Neurologieprofessor Benjamin Godde von der Jacobs University. „Wir wissen, dass geistige Anregungen – soziale Interaktionen, Kommunikation, Aufgaben und Herausforderungen – ganz entscheidend für den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit und die Prävention des Abbaus sind“, sagt Godde. Aber zum Glück müsse physische Distanz nicht unbedingt soziale Distanz bedeuten. „Hier ist es sehr wichtig, die Kommunikation über digitale Medien und Telefon aufrecht zu erhalten – soweit möglich.“ Auch habe das Pflegepersonal eine wichtige Rolle, um ältere Menschen zu aktivieren, sagt Godde. „Leider sind hier auch die Ressourcen extrem heruntergefahren worden in den letzten Jahren.“

Kreativität mit Postkarten und Briefen

Den Kontakt halten, auch ohne physische Präsenz. Das wünschen sich viele. Dafür ist auch Kreativität gefragt. „Es wäre zum Beispiel toll, wenn Angehörige täglich eine Postkarte schreiben könnten“, schreibt Nottelmann. „Das löst bei den Bewohnern Freude aus, es gibt ein schönes Bild zum Aufstellen und Ansehen – das hilft schon sehr.“ Dass diese „gute alte Tradition wieder in Mode kommt“, kann sich auch Alexander Künzel vorstellen. „Wir laden alle ein, andere Wege der Kommunikation zu nutzen.“

Heimstiftung, Friedehorst und andere Träger der Behinderten- und Altenhilfe im Pflegebereich prüfen aktuell auch, Video-Anrufe zu ermöglichen, um so eine Möglichkeit zu bieten, „sich wenigstens zu sehen“. Friedehorst prüft, ob etwa Tablets für Video-Anrufe bereitgestellt werden können.

Es ist auch eine Zeit für kreative Ideen, wie der Vereinsamung in den Einrichtungen entgegengewirkt werden kann, etwa mit Zeitungs- oder Diskussionsrunden in kleinem Kreis, österlichen Backaktionen oder Spaziergängen. „Es ist jetzt wichtig, ein Stück Normalität zu vermitteln, Beruhigung auszustrahlen und Zuversicht in die Häuser zu tragen“, teilt Alexander Künzel mit. „Einige unserer Bewohner – etwa die, die die Bomben des Zweiten Weltkriegs überlebt haben – nehmen die Corona-Krise recht gelassen. Von ihren Lebensweisheiten können wir auch lernen.“

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