Demo für mehr Wohnraum in Bremen

"Die Stadt muss allen gehören!"

Ein Aktionsbündnis ruft zur großen Demonstration für das „Menschenrecht auf Wohnen“ in Bremen auf. Die Demo am 23. März soll der Auftakt zu einer ganzen Reihe von weiteren Aktionen im Jahresverlauf sein.
12.03.2019, 16:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Marc Hagedorn
"Die Stadt muss allen gehören!"

Gegen fehlenden bezahlbaren Wohnraum will das Aktionsbündnis etwas tun.

Daniel Reinhardt

Als Sarah Schmidt mit ihren Ausführungen am Ende angekommen ist, wird es für einen Moment still. Zuvor war im großen Konferenzraum des Diakonischen Werks wortstark und engagiert über fehlende Wohnungen, steigende Mieten, Politikversagen und Geschäftemacherei auf dem Wohnungsmarkt geredet worden, und dann hatte Schmidt, Psychologie-Studentin im vierten Semester, von ihren Erfahrungen bei der Wohnungssuche in Bremen berichtet. Es war eine Geschichte voller Entbehrungen.

Schmidt ist alleinerziehend, sie hat ein zweijähriges Kind. Bis vor einem halben Jahr hat sie in einer Wohnung des Studentenwerks gewohnt, „eine schwere Zeit“, sagt sie. Damit ging es ihr zwar immer noch besser als vielen Mitstudenten, auch aktuell warten fast 450 auf einen Wohnheimplatz. Aber das Zimmer damals war klein, 21 Quadratmeter für sich und ihr Baby, und das Umfeld laut, „es wurden Partys gefeiert“. Immerhin: Inzwischen ist sie in eine Wohnung der Gewoba umgezogen.

"Wir brauchen in Bremen mehr bezahlbaren Wohnraum"

Räumlich hat sie sich verbessert, lebt jetzt auf 42 Quadratmetern, hat nun Bad und Küche statt Gemeinschafts-WC und Herdplatte. Aber dass sie jetzt keine Sorgen mehr hätte, lässt sich auch nicht behaupten. 572 Euro Miete zahlt Schmidt in der Vahr, warm, sie bekommt BAföG in Höhe von 649 Euro. Wie sie davon leben kann? Gar nicht. Beziehungsweise nur, weil sie ihren Lebensunterhalt vom Kindergeld und den Unterhaltszahlungen des Kindsvaters bestreitet.

„Bedrückend“ nennt Manfred Meyer die Schilderungen der Studentin. Meyer ist Landesdiakoniepastor und Vorstand des Diakonischen Werks. „Wir brauchen in Bremen mehr bezahlbaren Wohnraum.“ Diesen Satz sagt an diesem Vormittag neben Meyer auch Joachim Barloschky, Sprecher des Aktionsbündnisses Menschenrecht auf Wohnen. Und auch Tim Voss, Gewerkschaftssekretär des DGB Bremen-Elbe-Weser, spricht den Satz aus.

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Voss hat auch die Zahlen, die die Wohnraumsituation und die Entwicklung des Wohnungsmarktes in Bremen beschreiben. „Es fehlen 54.000 Wohnungen zu günstigen Mieten“, sagt Voss. Und wenn er von „günstig“ spricht, dann meint er nicht nur Wohnungen für Obdachlose, Arbeitslose und Arbeitssuchende, sondern auch für Studenten und Auszubildende, die am Anfang ihrer Berufslaufbahn stehen, und für Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben.

Auftakt zu einer ganzen Reihe von Aktionen

„Es herrscht Wohnungsnotstand“, sagt Meyer, „und damit steht der innere Frieden auf dem Spiel.“ Der Pastor berichtet davon, dass immer mehr Menschen Cafés und offene Treffpunkte von sozialen Trägern besuchen. „Es sind zunehmend Ältere, die die 70 Euro, die sie für die Miete mehr bezahlen müssen, beim Essen einsparen und sich ein Frühstück oder eine Suppe holen.“ Leuten wie Meyer, Barloschky und Voss reicht es längst, und deshalb hat das „Aktionsbündnis Wohnen“, unter anderem unterstützt von kirchlichen, karitativen, kulturellen, gewerkschaftlichen und alternativen Gruppen, zur „Demo für das Menschenbrecht auf Wohnen“ aufgerufen.

„Die Stadt muss allen gehören!“ lautet das Motto. Am Sonnabend, 23. März, geht es um 11 Uhr am Bahnhofsplatz los und von dort durch die Innenstadt zum Marktplatz, wo bis 14 Uhr eine Abschlusskundgebung „mit viel Kultur und viel Power“ geplant ist, wie Barloschky, einst Quartiersmanager in Tenever, verspricht. Die Demo soll der Auftakt zu einer ganzen Reihe von weiteren Aktionen im Jahresverlauf sein.

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„Es geht darum, Druck auf die Politik zu machen“, sagt Barloschky. Denn die, so die einhellige Meinung am Dienstag, tue zu wenig. „Die soziale und ökonomische Spaltung in Deutschland nimmt seit Jahren zu“, sagt Voss. Er hat weitere Zahlen parat: Demnach gibt es heute in Bremen nur noch 8300 Sozialwohnungen, Anfang der 90er Jahre waren es noch 90 000. Von 2100 angepeilten Wohnungen seien laut Barloschky bis Ende 2018 nur 558 tatsächlich gebaut worden. Voss sagt: „Wir fordern stärkere Anstrengungen beim sozialen Wohnungsbau.“ Das wollen sie der Politik in zehn Tagen noch einmal vielstimmig auf den Kopf zusagen.

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