Vertreibt die Polizei Bremen Obdachlose? Die verschwundene Bettelmeile

Seit Wochen beobachtet der Obdachlose Harald Barzen, wie die Bettler aus dem Stadtbild zwischen Hauptbahnhof und Obernstraße verschwinden. Er glaubt, den Grund zu kennen.
19.08.2018, 18:52
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

„Ich mache das seit 30 Jahren, aber so extrem wie heute ist es noch nie gewesen“, sagt Harald Barzen, 66 Jahre alt. Der Obdachlose beobachtet seit mehreren Wochen, dass Bettler zwischen Hauptbahnhof und Obernstraße aus dem Stadtbild verschwunden sind.

„Die Polizei vertreibt Leute, die für die Öffentlichkeit eine Gefahr darstellen könnten“, glaubt er, „und das sind Dealer und Menschen, die Alkohol trinken. Doch zumindest das Trinken von Alkohol passt doch auf 80 Prozent der Bevölkerung.“ In der Sögestraße seien einst 25 bis 30 Bettler und Zeitungsverkäufer gewesen, jetzt müsse man suchen. „Die Bettelmeile zwischen Hauptbahnhof und Obernstraße existiert nicht mehr und die Leute müssen nun schauen, wie sie ihr Geld verdienen“, sagt er. „Mal schauen, ob die Kleinkriminalität nun steigt.“

Wo sich die Leute nun aufhalten, darüber kann Harald Barzen keine Angaben machen: „Man kann nicht mehr sagen ,Da ist diese Platte und da jene, weil die ständig wandern.“ Es habe schon immer Bettler gegeben und Betteln sei ein Grundrecht, sagt er, aber sobald er jemanden ansprechen würde, käme das aggressiver Bettelei gleich. „Man muss sich aber an die Gesetze halten“, ist er überzeugt, „wo Bettel- und Alkoholverbot ist, ist auch Bettel- und Alkoholverbot.“

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Der Innenbehörde sei eine aktuelle Kritik am Handeln der Polizei nicht bekannt, sagt Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Senators für Inneres. Darüber hinaus habe die Polizei ein großes Interesse an der Errichtung des geplanten Unterstandes für Menschen mit Alkoholproblemen bei der Fußgängerbrücke am Intercity-Hotel. Der Unterstand soll im Herbst fertiggestellt sein und als Szenetreff dienen, um den Bahnhofsplatz zu entlasten. Sie sagt aber auch: „Offensichtliche Gelage am Bahnhof oder aggressives Verhalten untereinander beziehungsweise gegenüber Reisenden duldet die Polizei nicht und schreitet in solchen Fällen ein.“ Doch solange Obdachlose niemanden belästigen würden oder durch Störungen auffallen, werde die Polizei auch künftig nicht einschreiten.

Ziel sei es, die Aufenthaltsqualität am Bahnhof für Pendler und Reisende zu verbessern und dafür sei auch die Polizeipräsenz erhöht worden. Zudem habe sich im Spätsommer vergangenen Jahres auf Initiative und unter Leitung der Innenbehörde die „Sicherheitspartnerschaft Bahnhof“ gebildet: „30 bis 35 Partner sind unserer Einladung sowie mehreren Arbeitsgruppensitzungen seitdem gefolgt, darunter mehrere Anrainer und Geschäftsleute vor Ort, Innere Mission, der Drogenberatungsverein ,Come-Back‘, die Suppenengel und Vertreter der Sozial- und Baubehörde“, sagt Rose Gerdts-Schiffler. Zudem könnten wohnungslose Menschen bereits jetzt im Café Papagei an der Brake Unterstützung erhalten. „Es fällt also niemand durchs Netz, wenn die Polizei stärker als früher darauf achten wird, dass auch Menschen ohne Wohnung sowohl mit als auch ohne Suchtprobleme Regeln einzuhalten haben, wenn sie sich am Bahnhof aufhalten wollen.“

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Dass Verdrängungstendenzen aufgrund der Neustrukturierung des Bahnhofsplatzes zu erkennen sind, sei schade, sagt Bertold Reetz, Leiter der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission. Aber auch er verweist auf den angedachten Unterstand neben dem Intercity-Hotel. „Wir sind bei allem, was am Bahnhofsplatz passiert, beteiligt“, sagt er, „und wir setzen uns dafür ein, dass die Menschen dieser Zielgruppe einen Platz erhalten, wo sie sich gerne aufhalten.“ Bis dahin hielten sich die Menschen mit Alkoholproblemen momentan auch im Café Papagei an der Diskomeile auf. Doch neben diesen Menschen würden auch nach eigenen Angaben die Verkäufer der „Zeitschrift der Straße“ mitunter vertrieben: „Da werden wir das Gespräch mit der Polizei suchen“, sagt Bertold Reetz.

Mit Drogen solle der neue Treffpunkt neben dem Hauptbahnhof nicht in Verbindung gebracht werden, betont Reetz: „Wir lehnen Drogendeals ab, das wollen wir an unserem Treff nicht. Wir sind eher ausstiegsorientiert und unser Schwerpunkt lautet, Alternativen aufzuzeigen, Mut zu machen und zu vermitteln, dass es noch etwas anderes im Leben gibt.“

Während sich die Menschen mit Alkoholproblemen durch die Neustrukturierung des Bahnhofsplatzes derzeit andere Treffpunkte suchen, bis der Unterstand fertig ist, kann Bertold Reetz eine gezielte Vertreibung der Obdachlosen und Bettler von der Bettelmeile nicht erkennen. Harald Barzen hingegen meint, die Bettelplätze würden sich inzwischen nach Findorff, Walle und in die Neustadt verschieben. „Früher hatten sie alle auf einem Haufen, nun sind die Leute alle verteilt: Ob das nun besser ist, weiß ich nicht.“

Er selbst hat seine Hütte, in der er lebt, direkt gegenüber dem Papageienhaus am Güterbahnhof. Allein um den Güterbahnhof herum schätzt er die Zahl der dort Schlafenden auf ungefähr 300 Personen, „und in der Stadt verteilt weitere 200.“ Diese Einschätzung kann Harald Reetz jedoch nicht teilen: „So viel sind das nicht. Es sind vielleicht 20 bis 50 Leute, aber mehr nicht, und wenn man sie vertreibt, dann gehen sie woanders hin.“ Eventuelle Bestrebungen, das Gelände zu räumen, sieht Bertold Reetz kritisch: „Die Leute lösen sich ja nicht auf. Und sie stören dort ja auch nicht.“ Vielmehr könne man dort eine Platzordnung einführen und ein Dixi-Klo aufstellen. „Das sind Dinge, die man angehen könnte. Doch das ist ja mehr als das Dixi-Klo. Wenn die Behörde bereit wäre, die Leute zu dulden, dann könnten wir gemeinsam eine Platzordnung schaffen.“ Die Innere Mission stehe in Kontakt mit der Polizei, der Innen- und der Sozialbehörde, „dort können wir unsere Bedenken äußern, auf Probleme hinweisen und hoffen, dass wir gehört werden.“

Was die Menschen ohne Bettler machen würden, weiß Harald Barzen nicht: „Man würde ihnen ihre Emotionen nehmen, denn jeder reagiert anders auf Bettler.“ Er selbst teilt sich einen Bettelplatz bei der Sparkasse in der Bahnhofstraße mit einem Kollegen. „Ich habe eine Erlaubnis von der Sparkasse, sonst wüsste ich auch nicht, ob ich da noch sitzen dürfte.“ Und Harald Barzen sagt auch: „Sie vertreiben nicht die Obdachlosen, sondern sie vertreiben die Armut.“

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