15 Jahre Integrationskurse

Ein Ticket für die Zukunft

Seit 15 Jahren können Einwanderer und Geflüchtete einen Integrationskurs besuchen. Dort lernen sie Deutsch und Grundwissen über das politische System. Doch es gibt auch Kritik an den Kursen.
27.01.2020, 06:00
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Ein Ticket für die Zukunft
Von Carolin Henkenberens

Was bedeutet Freiheit? „Jeder darf seinen Beruf frei wählen“, sagt ein junger Mann, Brille, weißer Kapuzenpullover. Fast immer, wenn die Lehrerin eine Frage stellt, ist Obada Najma zur Stelle. Der 19-jährige Palästinenser ist hoch motiviert. Er hofft auf eine Ausbildung, wenn er das Zertifikat in der Tasche hat. Bisher bekommt er viele Absagen, sagt er. Dorota Ignatowicz lobt und fragt in die Runde: „Was noch?“ Kurze Stille. Dann ruft jemand: „Meinungsfreiheit.“ Ein anderer: „Und freie Religion." „Und warum haben wir das?“ - „Weil wir in Deutschland sind“, ruft Ibrahim Qudur kokettierend aus der letzten Reihe. Alles lacht.

Einigkeit und Recht und Freiheit. Die Teilnehmer des Integrationskurses sollen nicht nur wissen, wer diese Worte wann verfasst hat (Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 1841). Sie sollen sie auch verstehen und verinnerlichen. Sie lernen an diesem Nachmittag, dass mit Einigkeit nicht gemeint ist, dass sich alle Menschen gut verstehen und zusammenhalten. Dass Recht nicht bedeutet, dass „Deutsche immer recht haben“, wie eine Antwortmöglichkeit im Übungsbuch lautet. Und dass Freiheit herrscht, weil Deutschland eine Demokratie ist. Mit Bleistiften kreuzen sie die Antworten an, radieren das Kreuz wieder aus, wenn sie daneben lagen.

Teilnahmepflicht für Geflüchtete ohne Deutschkenntnisse

Seit 15 Jahren haben Zuwanderer und Geflüchtete die Möglichkeit, in einem Integrationskurs Deutsch und Grundwissen über Politik, Recht und Geschichte zu lernen. Im Januar 2005 trat nach jahrelanger emotionaler Diskussion, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht, ein neues Zuwanderungsgesetz in Kraft. Es reformierte nicht nur sämtliche Aufenthaltsregelungen, sondern schrieb auch erstmals gesetzlich fest, dass der Bund die Integration von Migranten verstärkt fördert. Wer dauerhaft in der Bundesrepublik leben darf, hat Anspruch auf den Kurs. Mit den neuen Rechten gingen auch Pflichten einher: Bestimmte Gruppen, etwa erwachsene Geflüchtete ohne Deutschkenntnisse, müssen an den Kursen teilnehmen, sonst werden ihnen staatliche Zuwendungen gekürzt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) konzipiert und finanziert die Kurse. Wer nicht zur Teilnahme verpflichtet ist, muss in der Regel einen Eigenanteil von 1,95 Euro pro Kursstunde zahlen. Bei 700 Stunden also 1365 Euro. 24 zugelassene Träger wie die Volkshochschule oder das Paritätische Bildungswerk führen die Kurse durch. Die hiesige Bamf-Außenstelle kontrolliert sie.

Menschen aus Ländern wie Albanien, Elfenbeinküste, Lettland, Syrien und der Türkei sitzen im Kurs von Lehrerin Ignatowicz im Paritätischen Bildungswerk Bremen. Qudur und seinen Sitznachbarn trennen 30 Jahre. Qudur ist 19, floh vor dem syrischen Bürgerkrieg. Murat Öcalan ist 49, kommt aus der Türkei und lebt seit mehr als 23 Jahren in Deutschland. Er nimmt freiwillig am Kurs teil. Nach einer gescheiterten Selbstständigkeit möchte er seine Deutschkenntnisse verbessern, um wieder einen Job zu finden. „Gibt es in Ihrem Heimatland eine Nationalhy-hy-hy-mne?“, liest Öcalan vor. Ein freundliches Kichern geht durch die Klasse. Alle kennen diese Situation.

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Die meiste Zeit im Integrationskurs nimmt das Deutschlernen ein mit 600 Stunden. Nicht alle Teilnehmer werden am Ende das vorgesehene B1-Sprachniveau schaffen. Das zeigt die Statistik. Wie die Ergebnisse in Bremen aussehen, konnten weder das Bamf noch das Bremer Sozialressort sagen. Aber bundesweit erreichte einem Bamf-Bericht zufolge Mitte 2018 nur gut jeder zweite Migrant, der die Deutschprüfung ablegte, das B1-Sprachniveau. Seit einigen Jahren ist es auch möglich, dass die Absolventinnen und Absolventen ein Zertifikat für die niedrigere Sprachstufe A2 erhalten. Dieses bekam zuletzt gut ein Drittel der Getesteten.

Die Zahl derjenigen, die die vorgesehene Sprachstufe schafft, ist zuletzt gesunken. Aus Sicht des Bamf liegt das daran, dass seit 2015 viele Menschen in den Kursen sitzen, die in ihrer Heimat gar nicht oder nur kurz zur Schule gegangen sind. „Wenn jemand die Kursanmeldung mit einem Fingerabdruck unterzeichnet, weil er nicht schreiben kann, ist es für die meisten unmöglich, dass sie das B1-Niveau erreichen“, schildert Milda Girdzijauskaite, Abteilungsleiterin für Deutsch als Zweitsprache beim Paritätischen Bildungswerk Bremen. Sie kritisiert, dass selbst einstige Analphabeten, die in Alphabetisierungskursen erstmals lernen zu schreiben, die B1-Prüfung ablegen müssen.

Stahmann: Zugang erleichtern

Sie findet, die Integrationskurse müssten noch mehr an die Menschen angepasst sein, die daran teilnehmen. „Einige sind mündlich viel besser als schriftlich“, berichtet sie. Doch die Prüfungen und Kurse sind immer auf beides ausgerichtet. Girdzijauskaite sieht aber auch Verbesserungen im Laufe der Jahre. So stieg die Stundenzahl des Politikkurses von einst 30 auf 100; und es wurde die Möglichkeit geschaffen, zusätzliche Stunden beantragen zu können, wenn man die B1-Sprachprüfung beim ersten Mal nicht schafft. Auch die Alphabetisierungskurse und Kurse mit Kinderbetreuung gab es zunächst nicht.

„Der Integrationskurs ist ein Ticket für die Zukunft“, findet Lehrerin Ignatowicz. „Für weitere Kurse oder eine Ausbildung.“ Sie motiviert es zu sehen, wie sich ihre Schüler entwickeln, Selbstvertrauen gewinnen. Sie fände es jedoch besser, wenn jeder Teilnehmende einen Anteil selbst zahlen müsste. „Ich bin mir sicher, das würde die Wertschätzung und Motivation steigern.“

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Als Valentina Tuchel in den 90er-Jahren aus Russland zum Studieren nach Deutschland kam, durfte sie einen Deutschkurs belegen. Vielen Zuwanderern sei das verwehrt geblieben, sagt die integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Mit der Einführung der Integrationskurse habe man Fehler der Vergangenheit korrigiert. „Sie sind ein tolles Instrument für Menschen, die zu uns kommen." Handlungsbedarf sieht sie dennoch: Es brauche mehr Kurse mit Kinderbetreuung, die Nachfrage sei enorm. Zudem sollten die Lehrkräfte, die oft auf Honorarbasis arbeiten, für ihre anspruchsvolle Arbeit besser bezahlt und fest angestellt werden.

Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) fordert, dass der Zugang zu den Integrationskursen erleichtert wird: Nicht nur Menschen, die eine Anerkennung im Asylverfahren haben oder denen wegen ihrer Herkunft aus einem Krisengebiet von vornherein eine gute Bleibeperspektive eingeräumt wird, seien auf Unterstützung beim Einleben angewiesen. „Jeder, der bei uns lebt, sollte diese Chance bekommen“, sagt die Sozialsenatorin. Um die Lücke zu schließen, zahlt die Kommune zusätzliche Sprachkurse. Die Kosten: 450.000 Euro im Jahr. Die Kurse nutzen etwa Afghanen, deren Asylanträge oft abgelehnt werden.

Die Klasse von Lehrerin Ignatowicz wird bald ihre Chance gehabt haben. Ende Februar endet der Kurs mit dem Test „Leben in Deutschland“, mit Fragen über Einigkeit und Recht und Freiheit. Gut ein Jahr haben sie an vier Nachmittagen in der Woche gemeinsam gepaukt. Bald können sie ihr Ticket lösen.

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