Hachez-Gelände

Bewohner wollen beteiligt werden

Die Initiative „Schokotopia“ möchte die Zukunft des rund 10.000 Quadratmeter großen Hachez-Areals mitgestalten und hat diverse Nutzungsideen. Das Unternehmen gibt den Bremer Standort Anfang 2020 auf.
21.07.2019, 10:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

Hachez geht – doch was kommt danach? Diese Frage stellen sich nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner der Neustadt. Auch der Neustädter Beirat griff diese Frage auf und fordert den Senator für Umwelt, Bau und Verkehr in einem Beschluss auf, „die Gestaltungsoptionen für das Hachez-Gelände offen zu halten“.

Dabei möchte das Stadtteilparlament einbezogen werden und fordert die Organisation eines Bürgerbeteiligungsprozesses für die Nutzung und Gestaltung des Geländes, denn die Firma Hachez gibt es auf, weil die Produktion zum Jahresbeginn 2020 nach Polen verlagert wird. Außerdem unterstützt der Beirat Neustadt das Anliegen der Initiative Schokotopia. Diese möchte, dass die Stadt Bremen das Vorkaufsrecht für das mehr als 10.000 Quadratmeter große Gelände bei einem möglichen Verkauf ausübt.

„Die Neustadt ist beliebt, immer mehr Menschen ziehen hierher“, sagt Carola Schulz. Sie lebt in der Neustadt und arbeitet bei der Schokotopia-Initiative mit. Die habe einen längeren Vorlauf gehabt, berichtet sie: „Wir haben uns bereits viel früher getroffen und besprochen, wie sich die Neustadt entwickelt.“

Einiges droht auf der Strecke zu bleiben

Denn das Gesicht des Stadtteils verändert sich: Neue Bauten entstehen, alte Betriebe und Industrien verschwinden – und über allem steht der Mietmarkt, dessen Mietsteigerungen für Unruhe bei den Bewohnerinnen und Bewohnern sorgen. Darüber hinaus droht in den Augen vieler Bewohner einiges auf der Strecke zu bleiben: Das Verwirklichen eigener Projekte, von Utopien oder das nachbarschaftliche Miteinander durch die kommerzielle Nutzung von Freiflächen und aufgegebenen Industriebetrieben. „Es gab die Dete, es gab den Grünen Zweig – es fallen viele Institutionen weg, das fehlt irgendwie“, meint die Neustädterin Marika Steinke, ebenfalls bei Schokotopia aktiv.

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„Wir wollten uns daher austauschen, wo sind Flächen und Areale, auf denen das Verwirklichen von Projekten und Utopien möglich ist“, sagt Carola Schulz. Im Januar 2019 habe die Initiative dann erstmals größer eingeladen. 70 Leute seien da gewesen. Das Interesse sei da, konstatiert sie. Und anscheinend auch der Unmut darüber, nicht genügend beteiligt zu werden: „Das Mondelez-Gelände wird auch komplett mit großen Wohnblöcken neu gestaltet, das ploppte dann plötzlich auf der Beiratssitzung auf. Und das wird dann schnell an Investoren und finanzstarke Akteure vergeben, und die planen das alles aus einem Guss.“

Ein klassisches Beteiligungsverfahren sei nur sehr eingeschränkt möglich gewesen, meint auch Marika Steinke: „Wir hatten da nicht das Gefühl, dass wir mitgestalten konnten.“ Die anschließenden Treffen habe die Initiative genutzt – nicht nur um zu sehen, an welchen Räumen es mangele, sondern auch, um nach Möglichkeiten der Vergabe zu suchen. Dabei haben sie sich am Vorbild anderer Kommunen orientiert: „Wir haben zum Beispiel nach Ulm geschaut. Dort kaufen sie viel Land und vergeben es in Erbpacht.“

„Sich darauf zu konzentrieren, dass es einen eigenen Bestand gibt, ist wichtig“, ergänzt Carola Schulz. Sie glaubt, dass Bremen sich nicht so richtig traut und die schlechten Finanzen als Grund ins Feld führt, dass sie keine Flächen kaufen könnten. „Da sollten wir als Kreis mehr auftreten und fragen, warum Bremen keine Flächen kauft und damit Kapazitäten schaffen könnte.“ Der Erwerb des Hachez-Geländes solle das exemplarisch zeigen, so Schulz. „Dass die Stadt sagt, 'wir fangen mal an', als Signal, sich anders aufzustellen.“

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Einen Raum für Kultur sollte es geben, mit Musik und Vorträgen, schwebt den Mitgliedern der Initiative zum Beispiel vor. „Und dann gibt es auch den Wunsch, Wohnraum zu schaffen und Raum für Soziales“, sagt Marika Steinke. „Es braucht mehr soziale Räume für Gruppen, zum Beispiel, wenn sich Eltern mit Kindern treffen wollen. Und es wäre toll, verschiedene Wohnformen zu haben.“

Über die konkrete Realisierung kann dabei bisher nur spekuliert werden: „Auf dem Hachez-Gelände gibt es viele verschiedene Gebäude. Doch dadurch, dass das Gelände geschlossen ist, kann man noch gar nicht sagen, was da ist“, sagt Marika Steinke. „Wir sind auch noch gar nicht konkret festgelegt. Für mich persönlich ist das Thema Wohnen wichtig. Doch es soll kein reines Wohnquartier sein, sondern eine Mischform.“ Abriss und Neubau sind dabei für die Initiative keine Option: „Damals in der Dete habe ich mich mit so vielen Leuten unterhalten, die ich vorher nicht kannte“, erzählt sie von dem temporären Treffpunkt in der Lahnstraße, der sich in einem ehemaligen Möbelhaus befand. „Das wünsche ich mir in größer. Es wäre sinnvoll, Dinge zu erhalten und umzubauen.“

Viel Staub aufgewirbelt

Initiativenmitglied Katrin Windhaeuser aus dem Viertel sieht das ähnlich: „Beim Hachez-Gelände ist es ja auch spannend, was vorher dort passiert ist. Wir wollen daran anknüpfen und es weiterführen.“ Es habe zudem auch seinen eigenen Charakter, wenn Altes erhalten bleibe, findet Marika Steinke. „Und wenn die Stadt sagt, ,das ist unser Gelände', dann kann die Stadt auch sagen, dass das eine Genossenschaft macht, und dass da Kindertagesstätten rein kommen oder so etwas wie Bürgerhäuser.“

Sie seien in eine Lücke gestoßen und hätten dabei viel Staub aufgewirbelt, glaubt Carola Schulz. Der Neustädter Beirat zum Beispiel sei sehr offen für ihre Anliegen gewesen. Doch Konkretes wüssten sie im Grunde nicht viel, auch nicht, ob ein großer Bremer Bauunternehmer das Gelände kaufen wolle oder nicht.

„Es gibt aber ein Interesse im Stadtteil, zu erfahren, was passiert“, betont Schulz. Und Marika Steinke ergänzt: „Die Frage, was im Stadtteil passiert, bewegt die Leute. Der Wunsch nach Transparenz ist da. Bei unseren Treffen wollen wir Bedarfe und Wünsche ausformulieren.“ Für Carola Schulz steht die Bedeutung des Hachez-Geländes fest: „Alle Leute, die hier wohnen, wissen: Das ist die Schokoladenfabrik. Das ist Erinnerung, Genuss. Das ist identitätsstiftend.“

Weitere Informationen

Das nächste Treffen der Schokotopia-Initiative ist für Montag, 22. Juli, um 18.30 Uhr in der Klima-Werk-Stadt, Westerstraße 58, geplant.

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