Hochwasserschutz am linken Weserufer Platanen-Streit eskaliert

Spätestens während des jüngsten Aufeinandertreffens von Befürwortern und Gegnern der geplanten Baumfällungen am Neustädter Weserufer ist die Stimmung gekippt: Eine sachliche Diskussion war so nicht möglich.
26.04.2019, 19:10
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Von Karin Mörtel

Was zur Hölle ist denn da in der Schulmensa los? Dies hat sich wohl so mancher Spaziergänger gefragt, der am Donnerstagabend in den Neustadtswallanlagen an der Schule am Leibnizplatz durch die bodentiefen Fenster der Mensa blickte: Da wurde geschrien, gepöbelt und beleidigt, was das Zeug hält. Aber nicht von Jugendlichen, sondern von scheinbar gestandenen Erwachsenen.

Was ist geschehen? Das Neustädter Stadtteilparlament hatte Vertreter des Deichverbands am linken Weserufer, der Baubehörde sowie des Berliner Architekturbüros „Topotek 1“ eingeladen, um sich berichten zu lassen, wie weit die Planungen zur Deicherhöhung an der Stadtstrecke zwischen Beck‘s und Piepe am Rotes Kreuz Krankenhaus vorangeschritten sind.

Doch nur mit vielen Unterbrechungen durch lautstarke Zwischenrufe gelang es Landschaftsarchitekt Lorenz Dexler von Topotek 1 vorzustellen, wie der siegreiche Wettbewerbsentwurf des Büros nun tatsächlich auf der 1,8 Kilometer langen Deichstrecke am linken Weserufer umgesetzt werden könnte. Mit dem Ziel, den Schutz vor Überschwemmungen zu verbessern und gleichzeitig das Flussufer von Grund auf neu zu gestalten.

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Doch die meisten Zuhörer im Publikum interessierten sich nicht für Baumpflanzungen, grüne Sitztreppen am Beck’s-Ufer, breitere Radwege oder Platz auf „grünen Wellen“ zum Sitzen am Ufer der kleinen Weser. Für sie zählte nur, gegen die im Zuge des Umbaus geplante Fällung der 136 stattlichen Platanen am linken Weserufer zu protestieren. Doch im Gegensatz zu den sonst üblichen emotionalen Äußerungen und gelegentlichen Zwischenrufen eskalierte diesmal die Situation dermaßen, dass Beiratssprecher Ingo Mose mehrfach an die grundsätzlichen Anstandsregeln und einen geordneten Ablauf appellierte – mit nur mäßigem Erfolg.

Baumschutzaktivisten bezeichnen Behördenvertreter als „Umweltschänder“

Nur sehr wenige der anwesenden Vertreter der Bürgerinitiative „Platanen am Deich“ zeigten, wie Gegenargumente sachlich vorgetragen werden können. Deutlich mehr der Baumschutzaktivisten bevorzugte es hingegen, während des kurzen Vortrags immer wieder „Lüge“ zu rufen, anwesende Behördenvertreter als „Umweltschänder“ und „grünes Gesocks“ zu beleidigen oder durch Äußerungen wie „das ist Mord, was ihr da macht“, zu stören.

Mit Gunnar Christiansen (Piraten) und Wolfgang Meyer (Linke) waren es zudem zwei Beiratsmitglieder, die ebenfalls wiederholt den Vortrag unterbrachen, um Behördenvertreter und den Landschaftsarchitekten als Lügner zu bezeichnen und lautstark zu verkünden, „uns wird hier seit Jahren nicht die Wahrheit gesagt“. Eine aufgeheizte Stimmung, die offenbar nicht nur Befürworter der Neugestaltung erschütterte, sondern auch Gegner der Baumfällungen gleichermaßen. „Diese Radikalisierung macht mir Angst“, wurde da geraunt, ebenso wie „die schaden unserem Protest“.

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Christiansen und Meyer, die beide die ­Bürgerinitiative „Platanen am Deich“ mit­gegründet hatten, verteidigten nach der Sitzung im Gespräch mit dem WESER-KURIER den Tonfall und die ständigen Unterbrechungen als Notwendigkeit und eine Art Gegenwehr gegen die aus ihrer Sicht intransparente Informationspolitik der Baubehörde. Christiansen gab sogar zu, „dass das grundsätzlich keine wünschenswerte Diskussionskultur ist, aber das ist keine Kalkulation, sondern Emotion“, so das Beiratsmitglied aus der Piratenpartei.

Es gehört zur Demokratie, sich an Regeln zu halten

Die beiden Neustädter Beiratssprecher zeigten sich hingegen geschockt von dem Umgangston, den einige Baumschutzaktivisten angeschlagen hatten. „Es ist schon ein starkes Stück, den Redner der Lüge zu bezichtigen“, so Mose. Als „Verhalten unter aller Kanone“, bezeichnete Jens Oppermann (SPD) das Geschehene. Es gehöre zur Demokratie, sich an Regeln zu halten. „Und wenn ich etwas höre, das mir nicht gefällt, muss ich das aushalten und kann nicht die eigene Meinung als die Wahrheit darstellen und alles andere ist Lüge, das ist demokratiegefährdende Politik“, sagte der Sozialdemokrat mit Blick auf seine protestierenden Beiratskollegen.

Emotionen und gelegentliches Schimpfen sei im Eifer des Gefechtes noch in Ordnung, findet Mose. „Doch die heutige unerträgliche Steigerung hin zu Beleidigungen, Unterstellungen und dem respektlosen Umgang mit Menschen, die eine andere Position vertreten, muss ein einmaliger Ausreißer bleiben.“

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