Strategiepapier für Bremer Werk Arbeitnehmer legen Zukunftskonzept für Airbus-Standort vor

Der erste Zwischenschritt im gemeinsamen Prozess von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite zur Zukunft des Bremer Airbus-Werks ist gemacht: Betriebsrat und IG Metall haben ihr Konzept für den Standort vorgelegt.
26.04.2021, 21:28
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Arbeitnehmer legen Zukunftskonzept für Airbus-Standort vor
Von Maren Beneke

Gut ein halbes Jahr hat es gedauert, nun haben die Betriebsräte der fünf Luft- und Raumfahrtsparten am Bremer Airbus-Standort und die IG Metall ihr Zukunftskonzept für das Werk in der Hansestadt vorgelegt. Kern des Papiers ist dabei die Forderung nach dem Fortbestand der Flügelausrüstung.

Wie berichtet, war um diesen Teil der Produktion in Bremen zuletzt ein Konflikt zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern entbrannt. In die Politik und in die Öffentlichkeit wurde dieser im Februar von Betriebsräten und Gewerkschaft getragen. Sie wollten darauf aufmerksam machen, dass ein möglicher Abzug der Flügelausrüstung erhebliche Nachteile für den Standort mit sich bringen könnte. Bremer und Berliner Politiker haben sich zwischenzeitlich ebenfalls eingeschaltet und für einen Verbleib der Produktion ausgesprochen.

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„Bis heute ist diese Bedrohungslage nicht entschärft“, heißt es im Zukunftsbild des IG-Metall-Aktionsbündnisses, in dem sich Gewerkschaft und die Betriebsräte der Airbus-Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern am Bremer Standort zusammengeschlossen haben. Die Flügelausrüstung sei nach wie vor nicht abgesichert.

Ziel der Überlegungen im Papier, das den Standort im Jahr 2035 beleuchtet, sei, sowohl auf aktuelle Prognosen zur Entwicklung der Luft- und Raumfahrtindustrie Bezug zu nehmen, als auch auf die sich mittel- und langfristig entwickelnden Zukunftsmärkte zu blicken. Dabei geht das Aktionsbündnis demnach unter anderem davon aus, dass es in Zukunft neue Technologien zum emissionsfreien Fliegen sowie veränderte Antriebe und damit auch veränderte Produktionsprozesse geben muss. In den vergangenen Monaten haben die Arbeitgebervertreter nach eigenen Angaben die fünf Sparten daraufhin beleuchtet, nach Stärken geschaut und für jede Zukunftsfelder am Standort ausfindig gemacht.

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Eine Kernforderung des Konzepts ist, dass es auch in Zukunft mehrere Airbus-Standorte in Europa gibt, auf die sich die systemrelevanten Arbeitspakete, zu denen die Flügelausrüstung gehört, verteilen: „Bremen bleibt weiterhin ein systemrelevanter Standort“, entsprechend müsse die Verzahnung von technischer Entwicklung (Engineering) und Produktion erhalten bleiben. „Wir stellen die Prozesskette High-Lift in den Mittelpunkt“, sagt der Airbus-Betriebsratsvorsitzende Jens Brüggemann. Das Thema Wartung und Reparatur, das der Konzern zuletzt für die Hansestadt ins Spiel gebracht hatte, kann laut Papier ein „komplementäres“, also zusätzliches, Arbeitspaket sein.

Das Papier sieht vier zentrale Eckpfeiler vor, an denen in Bremen gearbeitet werden sollte: das Flugzeug von morgen, der militärische Flugzeugbau, Europas Zugang zum Weltall sowie dessen Erkundung und Erschließung.

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In Bezug auf die Flügelproduktion bedeutet das laut Konzept, dass Bremen aufbauend auf dem schon vorhandenen Wissen „zentrale, systemrelevante Elemente des Flügels von morgen liefern“ könne. Als weiteres Beispiel nennt das Bündnis die Kompetenz im Umgang mit Wasserstoff, auf deren Basis beispielsweise auch Tanksysteme entwickelt werden könnten. Im Militärbereich sieht das Aktionsbündnis am Standort unter anderem die Entwicklung und Fertigung großer, komplexer Strukturen, zu denen es etwa Frachtlade- oder Abwurf- und Landesysteme für Drohnen zählt.

In den Mittelpunkt des Themas Weltraum stellen die Arbeitnehmervertreter zum Beispiel, dass in der Hansestadt Infrastruktur und Logistik, etwa um Mond und Mars zu erschließen, entwickelt werden. Bremen solle weiter als „Kompetenzzentrum für Europas Zugang ins All“ ausgebaut werden. Es solle zudem daran gearbeitet werden, Kosten in Entwicklung und Produktion zu senken.

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„Jetzt wissen alle, wofür wir sind – und nicht wogegen“, fasst Brüggemann zusammen. Auch die Arbeitgeberseite erstellt derzeit ein Zukunftspapier. Öffentlich ist es noch nicht präsentiert worden, erste Ideen sind nach Angaben von Gewerkschaft und Betriebsrat bereits ausgetauscht. „Wir akzeptieren, dass wir Differenzen haben“, sagt die Bremer IG-Metall-Chefin Ute Buggeln, „aber wir wollen miteinander reden und schauen, wo es ähnliche Ideen gibt“. Die spannende Frage sei, ob es gelinge, mit den Bremer und deutschen Unternehmenslenkern eine konkrete Perspektive zu erarbeiten. Blieben am Ende klare Differenzen übrig, die keine der beiden Seiten lösen könne, „dann ist der Zeitpunkt gekommen, den Konflikt wieder aufzunehmen und klare politische Entscheidungen zu fordern“. Am Konzern ist neben Frankreich und Spanien auch Deutschland beteiligt.

Den Diskussionsprozess zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern über die Zukunft eines Airbus-Werkes, der im Herbst abgeschlossen sein soll, lobt die Gewerkschafterin als „einmalig“. Buggeln und Brüggemann sprechen aber auch von „einem Ringen um die Zukunft des Standorts“. Denn: „Letztendlich liegt die Entscheidungsgewalt beim Arbeitgeber. Das bedeutet aber nicht, dass wir Entscheidungen nicht beeinflussen können oder uns mit einem Nein zufriedengeben."

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Während um die Zukunft des Bremer Standorts gerungen wird, wird im Werk weiter umstrukturiert: Mitte des Monats war bekannt geworden, dass die bisherige Standortleiterin Imke Langhorst im Mai durch Joachim Betker, der bislang das Stader Werk geführt hat, abgelöst wird. In Deutschland und Frankreich soll zudem die Flugzeugproduktion über ein weiteres Unternehmen neu aufgestellt werden, in dem die Strukturmontage von Hamburg sowie die Aktivitäten in Stade und die von Premium Aerotec in Nordenham, Bremen und zum Teil Augsburg zusammengeführt werden sollen (wir berichteten).

Der Airbus-Konzernbetriebsrat und Gewerkschafter fürchten durch den geplanten Umbau des Unternehmens die Abwanderung vieler Arbeitsplätze aus Deutschland. „Die Zerschlagung der Premium Aerotec und die Gründung eines Einzelteilfertigers setzt sofort tausende Arbeitsplätze in Deutschland unter massiven Verlagerungsdruck“, erklärte IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner am Montag. „Eine solche Firma stünde unmittelbar im Konkurrenzkampf mit Billigstandorten in Osteuropa und Asien.“ Die Arbeitnehmervertreter sehen die deutschen Airbus-Standorte durch die Umbaupläne „gezielt geschwächt“. Airbus destabilisiere damit die ohnehin stark angeschlagene Branche. „Die deutsche Wertschöpfungskette droht zu reißen, sollten diese Pläne umgesetzt werden“, warnen sie.

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