Stadtteil-Check Oberneuland Nachholbedarf bei der Anbindung

Die Bewohnerinnen und Bewohner von Oberneuland schätzen vor allem eins an ihrem Stadtteil: die Nähe zur Natur. Dem Klischee, dass dort nur die Reichen wohnen, widersprechen einige von ihnen vehement.
14.09.2022, 20:00
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Nachholbedarf bei der Anbindung
Von Eva Hornauer

Es ist Montagmorgen. Auf dem Parkplatz von Edeka Maaß in Oberneuland scheint die Sonne, die Vögel zwitschern und ein leichter Wind fährt durch die Kronen der Bäume, die den Parkplatz umranden. Noch ist hier nicht viel los. Die Woche scheint noch nicht richtig aus den Federn gekommen zu sein. Trotzdem steht das Stadtteil-Check-Team des WESER-KURIER hier und wartet auf gesprächsbereite Bürgerinnen und Bürger.

Die Natur vor der Haustür

Klaus Barth lebt seit 1996 in Oberneuland. „Ich habe nichts zu meckern. Mir geht es gut hier“, sagt der ehemalige Notar. An seinem Stadtteil schätzt er vor allem die Natur: „Hier kann man super Fahrradfahren, hier kommt man schnell in viele schöne Parks. Die Natur hier – das geht nicht besser“. Für Kulturveranstaltungen fahre er aber in die Stadt. 

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„Ich schäme mich manchmal schon fast, wenn ich anderen Menschen erzähle, dass ich in Oberneuland wohne. Der Stadtteil wird von vielen mit Kapital und Wohlstand in Verbindung gebracht. Das stimmt für mich aber nicht, ich bin aus der Mittelschicht“, sagt Ursula Jentsch. Sie wohnt seit zehn Jahren im Stadtteil und hat vorher in Schwachhausen und Borgfeld gewohnt. Nach Oberneuland ist sie wegen der Bäume und der "besseren Luft" gezogen. „Ich komme aus Schleswig-Holstein und brauche viel frische Luft. In der Stadt ist es mir manchmal zu drückend.“ Bremen ist für sie eine offene und lebendige Stadt, weshalb sie mittlerweile auch nicht mehr glaubt, von hier wieder wegzuziehen. Ans Wegziehen denkt Engelbert Bornhöft auch nicht. Seine Familie lebt seit 1856 in Oberneuland. „Ich fühle mich hier sehr wohl. Hier bin ich verwurzelt. Wenn überhaupt will ich hier mit den Füßen zuerst rausgezogen werden“, sagt der Malermeister.

Problemzone Oberneulander Landstraße

Jentsch kritisiert, genauso wie Sigrid Schmahl, die schon seit 40 Jahren in diesem Stadtteil wohnt, den Verkehr und die Gehwege an der Oberneulander Landstraße. „Ich wohne sehr gerne hier. Aber der Verkehr an der Oberneulander Landstraße ist wirklich gefährlich. Da hat mich ein vorbeifahrender Lkw schon mal mit seinem Spiegel vom Fahrrad gestoßen. Eigentlich müsste da durchgehend Tempo 30 herrschen“, sagt Schmahl. Außerdem finde sie es schade, dass man nicht mehr mit dem Bus direkt in die Innenstadt fahren könne.

Die hohe Lebensqualität im überdurchschnittlich grünen Stadtteil Oberneuland steht laut Beiratssprecherin Tamina Kreyenhop (CDU) außer Frage. Was die Infrastruktur betrifft, sei Oberneuland allerdings vom Rest der Stadt abgehängt, kritisiert sie. Besondere Reizthemen seien neben dem desolaten Zustand der Oberneulander Landstraße vor allem die städtebauliche Planung für den Stadtteil und der Ganztagsausbau an den Schulen. Ansonsten lasse es sich sehr gut im Stadtteil leben – „wenn man nicht auf den ÖPNV angewiesen ist“. Denn eine direkte Anbindung an die Innenstadt gebe es nur per Bahn einmal pro Stunde, andernfalls müsse man mit dem Bus über Horn fahren und dort in die Straßenbahn umsteigen.

Von Bremens Stadtplanern erwartet sich Kreyenhop für die Zukunft in erster Linie mehr Einsatz beim Thema Nachverdichtung angesichts der teilweise immens großen Grundstücke in Oberneuland, die sich zudem ohnehin kaum noch jemand leisten könne. „Stattdessen soll das Mühlenfeld bebaut werde“, kritisiert sie. Mittlerweile sei es in Oberneuland leider so, dass nicht mehr die Stadt die Stadtplanung mache, sondern die Investoren, sagt sie.

Kein Stadtteil für die Jugend?

Und dann sei da natürlich noch das Dauerthema Bildung. Der dringend benötigte Ganztagsausbau laufe weiterhin schleppend, moniert die Beiratssprecherin. Ein Thema, dass auch Frauke Blum in Rage bringt. Ihr Sohn gehe zur weiterführenden Schule nach Horn, weil die Oberschule Rockwinkel immer noch kein Ganztagsangebot hat, erzählt sie. Darauf sei aber der Großteil der Eltern in Oberneuland zwingend angewiesen. „Aber das drängendste Problem ist der katastrophale Zustand der Oberneulander Landstraße“, betont Blum. Die müsse dringend komplett saniert werden.

Um die Jugend im Stadtteil kümmert sich Marc Liedtke als kommunaler Sachbearbeiter im Ortsamt Oberneuland. Vor allem vom Jugendtreff „Sasu“ ist er begeistert: „Das ist toll. Dort kann man so viel machen – Podcasts aufnehmen, Billiard oder Tischtennis spielen. Sogar einen Pool haben wir dort. Da ist es dann schon schade, wenn das nur von wenigen genutzt wird“, meint er. Auch ein Jugendbeirat, bestehend aus 13 Jugendlichen, konnte im vergangenen Jahr besetzt werden. „Wenn man mit den Jugendlichen spricht, merkt man schon, dass die auch Bock haben etwas zu verändern“, sagt Liedtke. Ein Projekt, dass er gemeinsam mit dem Jugendbeirat angehen will: eine Skateranlage am Achterdieksee.

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