10 Jahre Ballettschule Pirouette Mit Tanz und Leidenschaft

Die Ballettschule Pirouette wird zehn Jahre alt. Studioleiterin Virginia Antonescu erzählt, wie sie sich in der Neuen Vahr einen Traum erfüllte.
17.11.2021, 12:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Silja Weißer

Virginia Antonescu nimmt es genau. Selbst für eine kleine Pose vor der Kamera macht die Leiterin der Ballettschule „Pirouette“ pflichtbewusst ein paar Dehnübungen. Schließlich könne sie ihren Schülern nicht irgendetwas predigen und es dann selbst nicht richtig machen, meint die 55-Jährige und zuckt lächelnd die Schultern. Dass Antonescu vieles richtig macht, beweist das zehnjährige Bestehen des Studios, das alles andere als leicht zu finden ist. Am Ende eines schmalen Ganges zwischen Fitnessstudio und Supermarkt im oberen Stockwerk des Vahrer Einkaufszentrums, in der Berliner Freiheit 14, geht es drei Etagen hoch. Erst dann steht man vor einer mit Kunstblumen geschmückten Tür. Dahinter verbergen sich ein Aufenthalts- und Umkleideraum sowie ein lichtdurchfluteter Tanzsaal mit Holzboden und Spiegeln an den Wänden. Es ist Antonescus Reich, in dem sie ihre Ballettschülerinnen (und einen Schüler) ausbildet. Zur ihr kommen Kinder ab drei Jahren, Jugendliche und Erwachsene. Sogar eine Seniorengruppe hält sie bei und an der Stange. Die älteste von ihnen ist über 70 Jahre alt.

In Zeiten von Corona war das nicht einfach, blickt Antonescu auf die vergangenen zwei Jahre zurück. Gerade die älteren Teilnehmerinnen hätten den Besuch der Ballettschule aus Sorge vor Ansteckungen gemieden.

Einzelunterricht wegen Corona gefragt

Doch sie dachte nicht ans Aufgeben, bot verstärkt Einzelunterricht an und bat Begleitpersonen zu Hause zu bleiben, um die Anzahl der Personen zu minimieren. Auch wenn sie nun mehr arbeiten musste, ein Online-Angebot anzubieten, stellte für Antonescu keine Alternative dar. „Das ist nicht effizient“, ist sie überzeugt. „Tanzen heißt für mich, nicht nur Figuren zu lernen, sondern eine Welt kennen zu lernen mit Musik und sofortigen Korrekturen.“ Diese Unmittelbarkeit gehe durch die digitale Übertragung verloren. Es sei schlimm genug, dass das Erlebnis, sich in der Gruppe zu synchronisieren und Tanz zu erleben nicht gegeben gewesen sei, bedauert sie.

Die staatlichen Hilfen haben den Betrieb über Wasser gehalten. Finanziell lohnte sich der Einzelunterricht, der zu normalen Zeiten nur mit Aufpreis erhältlich ist, nicht, berichtet die Studioleiterin. Auch der Trainingseffekt durch die langen Abstände zwischen den Tanzeinheiten sei unbefriedigend gewesen. „Es fehlte einfach an Kontinuität“, meint sie. „Wie soll man Muskeln aufbauen bei einer Stunde Training pro Woche?“

Die gebürtige Rumänin tanzt seit ihrem dritten Lebensjahr

Antonescu weiß, wovon sie spricht. Die gebürtige Rumänin tanzt seit ihrem dritten Lebensjahr. Ihre Tante, ihrerseits Profitänzerin, führte ihr den Charme und die Eleganz des klassischen Tanzes vor Augen. Mit zehn Jahren ging Antonescu an ein Ballettinternat nach Cluj-Napoca im Nordwesten Rumäniens. Nach neun Jahren absolvierte sie dort ihr Diplom und unterrichtete in Profischulen.

Dass es Antonescu vor 21 Jahren nach Deutschland verschlug, ist der Lektüre einer Zeitung zu verdanken. Durch Zufall stieß sie auf ein Inserat, in dem Servicekräfte für die Expo in Hannover gesucht wurden. In nur einem Monat lernte sie mithilfe alter Bücher eisern Deutsch und bestand das Vorstellungsgespräch. Ihre beiden Söhne, damals zwölf und 14, ließ sie bei der Großmutter und schuftete fünf Monate bis zur Erschöpfung auf der Weltausstellung.

Wertvolle Kontakte

An einem Tag, der ihr regelrecht als Auszeit verordnet wurde, zog es sie zur Oper Hannover. Mit Bitten und aufgrund der Gutmütigkeit einer Tänzerin durfte sie eine Aufführung mit ansehen. Wie es der Zufall wollte, hatte diese auch die Ballettakademie in Cluj besucht, so wie noch einige andere aus dem Ensemble. Es bildeten sich Freundschaften und wertvolle Kontakte.

Nach der Expo arbeitete sie zwei Tage pro Woche in einem Restaurant und unterrichtete an Tanzschulen in Bremen Nord und Fulda. „Ich habe drei Rollkoffer in dieser Zeit verschlissen“, erinnert sich Antonescu wie sie hin- und herhetzte zwischen Tanzschulen, Bahnhöfen, Gastronomiebetrieb und Haushalt. Inzwischen hatte sie geheiratet und ihre Söhne nach Deutschland geholt. Haushalt, Schule, all das lief zusätzlich nebenher. Die Trennung von ihrem Mann steigerte die Belastung.

Tanz statt Restaurant

Die Erschöpfung zwang sie zu einer Entscheidung: Tanz oder Restaurant? Sie entschied sich für ihre Leidenschaft. Als 2011 das Angebot auf sie zukam, eine Tanzschule in der Vahr zu übernehmen, blieb ihr kaum Zeit. „Ich musste sofort zusagen“, erzählt sie. In zwei Tagen seien hier die Stangen und Spiegel raus, habe ihr der Vormieter prophezeit. Antonescu ergriff die Chance, obwohl sie gerade erst von einer schweren Krankheit genesen war. Einige Schülerinnen aus Bremen Nord folgten ihr, andere kamen hinzu. Heute unterrichtet sie 70 Ballettbegeisterte mit und ohne Vorbildung.

Antonescu ist zuversichtlich, dass es nun mit ihrem Hygienekonzept weitergeht. Vielleicht seien bald wieder Aufführungen möglich, hofft sie. Fünf Mal habe in Corona-Zeiten ein Auftritt verschoben werden müssen, bis ihre Schülerinnen endlich in der Bürgerzentrum auftreten konnten. Was als nächstes von der Tanzschule Pirouette zu sehen sein wird, weiß die Leiterin noch nicht. Vielleicht etwas Klassisches wie „Coppelia“, vielleicht etwas Thematisches wie das Mobbing-Thema zuletzt. „Es muss hier oben Klick machen“, lacht Antonescu und tippt sich an Stirn. „Dann kommt eine Idee zur nächsten und alles entsteht wie von selbst.“

Info

Weitere Informationen unter 0421-4367333 und www.pirouette-bremen.de.

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