Tempo 30

Flickenteppich der Geschwindigkeiten

Kreuzungen in der Bremer Vahr sollen von einer neuen Regelung zur Temporeduzierung ausgenommen werden.
19.09.2018, 18:41
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Flickenteppich der Geschwindigkeiten
Von Christian Hasemann
Flickenteppich der Geschwindigkeiten

Zu den drei Einrichtungen, die schon jetzt profitieren können, gehören die Oberschule an der Julius-Brecht-Allee, die Schule in der Vahr und das Heinrich-Albertz-Haus in der Kurt-Schumacher-Allee.

Bernd Wüstneck

Es war eine Beiratssitzung, die mit guten Nachrichten begann. Zunächst konnte Helmut Weigelt (SPD), Bürgerschaftsabgeordneter aus der Vahr, mitteilen, dass Angestellte von Kita-Bremen in benachteiligten Stadtteilen wie der Vahr mehr Geld bekommen sollen, Beiratssprecher Bernd Siegel überbrachte die Nachricht, dass für den Netto-Markt in der Geschwister-Scholl-Straße ein Nachmieter gefunden sei und das mehrere Stellen für zusätzliche Sozialpädagogen in den Kitas in der Vahr bereitstünden. Erfreuliches versprach auch der Tagespunkt „Tempo-30-Zonen“ in der Vahr, es kam allerdings anders.

Thomas Resch vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV) beschrieb erst den Hintergrund der neu einzurichtenden Tempo-30-Zonen im gesamten Stadtgebiet – eine Änderung der Straßenverkehrsordnung aus dem Jahr 2016 macht diese möglich. „Möglich“ ist aber nicht „verpflichtend“.

Denn, so Thomas Resch, natürlich gebe es auch Ausnahmen, zum Beispiel wenn der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) betroffen sei oder sich der Verkehr in Wohnstraßen verlagern würde. „In den Abwägungsprozess münden dann auch Kriterien wie die Größe einer Einrichtung und vorhandene Querungshilfen, Ampeln und Sperrgitter ein.“

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Und auch die im Gesetz genannte Strecke von 300 Metern ist eine „Kann“-Option: Der Bereich kann kürzer ausfallen, um Auswirkungen auf den Nahverkehr zu verhindern. Von den 30 Einrichtungen – Kitas, Schulen, Seniorenheime, Krankenhäuser und Wohneinrichtungen – in der Vahr, für die eine Tempo-30-Anordnung in Frage kommen, befinden sich demnach ohnehin schon 18 in einer 30er-Zone. Für drei Einrichtungen könne schon jetzt Tempo-30 angeordnet werden, da es dort zu keinen Auswirkungen auf den ÖPNV komme, so Thomas Resch. Bei den weiteren neun Einrichtungen müssten die Auswirkungen noch geprüft werden.

Zu den drei Einrichtungen, die schon jetzt profitieren können, gehören die Oberschule an der Julius-Brecht-Allee, die Schule in der Vahr und das Heinrich-Albertz-Haus in der Kurt-Schumacher-Allee. Was die Beiratsmitglieder zu sehen bekamen, stieß allerdings auf Verwunderung. Beispiel Oberschule Julius-Brecht-Allee: Dort sehen die Pläne des ASV eine Anordnung von Tempo 30 vor. Und zwar für einen Abschnitt, aus Richtung Vahr knapp 150 Meter vor dem Schuleingang an der Ecke Julius-Brecht-Allee / Konrad-Adenauer-Allee.

Die Aufhebung des Tempo 30 allerdings befindet sich – wie viele Beiratsmitglieder vermutet hatten – nun nicht 150 Meter hinter der Kreuzung, sondern unmittelbar davor, nämlich direkt im Eingangsbereich der Schule. Das stieß zunächst auf Verwunderung und dann auf entschiedene Ablehnung im Beirat. Die Sorge: Die Aufhebung direkt vor Kreuzung verleite Autofahrer schon vorher, schneller zu fahren.

Wirre Regelung

Das Beispiel der Grundschule in der Vahr ist eine abermalige Steigerung an Kuriosität. Dort beginnt die Tempo-30-Zone von Hastedt kommend vor der Kreuzung Julius-Brecht-Allee / Vahrer Straße und endet gleich vor der Kreuzung, sie gilt nicht für die Vahrer Straße. Der Eingang der Grundschule allerdings liegt direkt an der Ecke.

In Richtung Berliner Freiheit gilt auf und ab der Kreuzung Tempo 50, ein paar hundert Meter danach im Bereich des Awo-Wohnheims Heinrich-Albertz-Haus dann wieder Tempo-30. Nun wird es verzwickt: An der Kreuzung liegt auch die Paracelsus-Klinik mit dem Eingang zur Straße In der Vahr. Dort ist eine Tempo-30-Zone in Prüfung, denn dort fährt die Linie 21.

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Würde nun auch dort Tempo-30 angeordnet, führte dies zu der Situation, das aus zwei Richtungen Tempo-30-Zonen direkt vor der Kreuzung enden und im Kreuzungsbereich Tempo 50 gilt. „Die Aufhebung ist genau dort, wo der Eingang ist, das ist doch dieselbe Situation!“, ärgerte sich Tim Haga (CDU) über die Pläne für die Grundschule. Oliver Saake brachte einen psychologischen Aspekt in die Diskussion ein: „Ich habe die Sorge, dass das Aufhebungszeichen direkt vor der Kreuzung mit der Ampel ein Signal zum Rasen ist, besonders wenn die Autofahrer noch bei Gelb über die Ampel wollen.“ So sei es eher eine „Verschlimmbesserung“.

Kreuzungsbereiche sollen aufgenommen werden

Schulleiterin Kirsten Ehrhorn wollte wissen, ob der Grund für Tempo-30 durch Schilder angezeigt werde. „Nach langem Abwägungsprozess hat man sich gegen Extraschilder entschieden“, antwortete Thomas Resch. Zusätzliche Schilder verwirrten Autofahrer und lenkten sie zusätzlich ab. Dass große Knotenpunkte wie die beiden Kreuzungen nicht in die Tempo-30-Zonen einbezogen werden, begründete Thomas Resch damit, dass eine Verringerung des Tempos große Veränderungen, zum Beispiel bei den Ampelschaltungen und beim ÖPNV, nach sich ziehen würden. „Deswegen beschränkt sich das auf den Bereich davor.“

Der Beirat formulierte in seiner Stellungnahme die Forderung, dass auch die Kreuzungsbereiche in die Maßnahmen mit aufgenommen werden und auf der gesamten Strecke zwischen Heinrich-Albertz-Haus und Schule In der Vahr Tempo-30 gelten soll.

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