Telefonshopping und Freiluft-Kanzlei

Kreativ durch die Krise

Vier Gewerbetreibende erzählen, wie sie ihre Betriebe trotz Corona am Laufen halten.
29.03.2020, 17:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Patricia Brandt und Lisa Urlbauer
Kreativ durch die Krise

Jürgen und Simone Scharringhausen haben eine Telefonberatung für ihre Kunden eingerichtet.

Christian Kosak

Wer kann, soll in diesen Tagen Zuhause bleiben oder zumindest Abstand halten. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, ist das öffentliche Leben weitestgehend eingeschränkt worden. Für viele Unternehmen ist die Pandemie zu einer wirtschaftlichen Notsituation geworden, die oft nur durch Kurzarbeit bewältigt werden kann. Vier Nordbremer Gewerbetreibende erzählen, welche Strategien sie verfolgen, um ihre Betriebe durch die Krise zu bringen.

Telefonshopping

„Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen“, steht auf dem Infozettel von J.H.G Scharringhausen. Solche Schreiben sieht man derzeit oft in Schaufenstern, Türen und sozialen Netzwerken von Einzelhändlern, Restaurants und anderen Unternehmern. Sie klären Kundinnen und Kunden darüber auf, ob und wie das jeweilige Gewerbe in diesen Wochen weiter betrieben wird. Das Feinkost- und Delikatessengeschäft Scharringhausen darf weiter geöffnet haben – ein Corona-Sonderprogramm gibt es dennoch. „Meine Kunden können anrufen und wir erzählen über das Telefon, was wir haben“, erzählt Jürgen Scharringhausen. „Dabei gehen wir durch den Laden.“ Die Produkte würden dann zusammengestellt und ausgeliefert. Genutzt habe das Teleshopping-Angebot bisher aber noch niemand.

Scharringhausen versuche seine Kunden daran zu erinnern, dass das Geschäft weiterläuft. „Man muss viel anbieten, schreiben, informieren und erinnern, dass wir da sind“, sagt der Firmeninhaber, der das Geschäft in fünfter Generation führt. „Wir als kleines Haus müssen mehr machen, als manch großer Laden. Aber wir haben auch kein Klopapier im Angebot“, sagt Scharringhausen und lacht. Spezialitäten aus Bremen und umzu, nationale und internationale Delikatessen kann man schon seit 2014 auch im Internet bestellen. „Unser Online-Shop ist immer offen.“ So muss die Gaumenfreude auch in Krisenzeiten nicht zu kurz kommen.

Kanzlei unter freiem Himmel

Der Blumenthaler Rechtsanwalt Bernd Schröder (59) hat sein Büro kurzerhand in den Garten verlegt. Garten-Beurkundungen und Freiluft-Beglaubigungen finden nun an Stehtischen unter freiem Himmel statt. „Wir haben überhaupt keinen Publikumsverkehr mehr in unserer Kanzlei, und das ist ein guter Schutz für meine Mitarbeiter.“

Der Fachanwalt für Arbeits- und Erbrecht, der die Kanzlei in zweiter Generation führt, hatte wegen der Ausbreitung des Coronavirus mit vielen Terminabsagen zu tun. „Man kommt bei uns normalerweise im Wartezimmer mit anderen Menschen zusammen – wie beim Arzt.“ Um Abstände einhalten zu können und Ansteckungsgefahr zu minimieren, hat der naturverbundene Anwalt und Pferdehalter nun drei Stehtische im Garten aufgebaut, einen für sich, zwei für die jeweiligen Parteien. Hier verliest er Testamente, erteilt Generalvollmachten oder lässt Grundstückskaufverträge unterzeichnen.

Er spreche so, dass die Mandanten ihn gut verstehen, aber die Nachbarn „keine langen Ohren bekommen“, scherzt Schröder. „Außerdem liegt um diese Jahreszeit sowieso noch niemand im Garten.“ Die Garten-Kanzlei käme bei den Mandanten der ältesten Kanzlei am Gerichtsort Blumenthal sehr gut an: „Es hieß, das sei einzigartig.“ Die Menschen, ist Schröder überzeugt, hätten eine besondere Beziehung zur Natur. „Im Freien fühlt man sich frei und sicherer.“

Vorgezogene Projektphase

„Hörakustiker gelten als systemrelevant“, sagt Jochen Keibel. Dennoch hat sich der Hörakustiker-Meister dazu entschlossen, seine sieben Geschäfte in Bremen und umzu zu schließen und nur noch Notdienste anzubieten. „Die Mehrheit meiner Kunden gehört zur Risikogruppe, aber ich musste feststellen, dass viele leider sehr uneinsichtig sind und nicht zu Hause bleiben.“ In Kurzarbeit schickt der 64-Jährige seine Angestellten nicht, auch wenn zurzeit keine Hörgeräte verkauft und Einsetzungen von Hörimplantaten abgesagt werden. Stattdessen nutzen Keibel und sein Team die Zeit, ein neues Angebot auf den Weg zu bringen, das eigentlich erst für Mai geplant war – die digitale Hörgeräteberatung. Bei „Call2Hear“ (zu Deutsch: anrufen, um zu hören) könnten Hörgeräte zum Testen über das Internet bestellt und dann über das Smartphone und Telefonate eingestellt werden, erklärt Keibel. Ein Besuch im Laden sei nicht notwendig. Ein Bote liefere das Hörgerät, dass man dann zwei Wochen ausprobieren könne.

„Call2Hear“ sollte erst in ein paar Monaten ein zusätzliches Angebote des Hörakustikers werden, der auch eine Filiale in Vegesack und in Schwanewede betreibt. Nun nutzt Keibel die vorübergehenden Geschäftsschließungen, um das Projekt in einer Hauruck-Aktion umzusetzen. „Wir sind geradezu euphorisch, dass wir nun alles in einer Woche umsetzen.“ Das Projekt scheint ideal in einer Zeit, in der soziale Isolation zur Pflicht geworden ist. Dennoch sei die Situation wirtschaftlich gesehen dramatisch, sagt Keibel, denn Geld verdiene er derzeit nicht. „Wir hoffen, dass es nicht so lange dauert.“

Virtueller Flötenunterricht

Das Metronom gibt den Takt vor. Eric Ridder zählt ein und beginnt das Flötenstück zu spielen. Drei Mal, in verschiedenen Tempi. Ein Publikum hat Ridder nicht; in diesen Tagen spielt er nur für ein Tablet, das er auf dem Klavier abgestellt hat. Seine Musikschülerinnen und -schüler können nicht zum Unterricht kommen, also kommt der Unterricht zu ihnen – als Videosequenzen und über Whatsapp-Nachrichten. Gemeinsam mit den über 40 Lehrerinnen und Lehrern an seiner Musikschule hat der 60-Jährige sich dazu entschieden, Musikunterricht online anzubieten. „Meine Schüler können die Videos dann mitspielen.“ Wenn sie Aufnahmen zurücksenden, könne Ridder ihnen auch Feedback geben.

Für das Kollegium habe Ridder ein Intranet erstellt. Wie genau die Lehrer digitalen Musikunterricht anbieten wollen, sei ihnen selbst überlassen. „Wir geben uns gegenseitig Impulse und Ideen.“ Ziel sei es, dass spätestens nach den Ferien alle Lehrer eine Form des Online-Unterrichts anbieten können, sollte der persönliche Unterricht weiterhin pausieren müssen. Ridder, der den Musikschulverein seit 33 Jahren leitet, macht aber auch deutlich, dass das Online-Lernen auf Dauer den persönlichen Unterricht nicht ersetzen könne. „Ich habe ein Vertrauensverhältnis zu meinen Schülern, da gibt es auch mal ein privates Gespräch. Zum Teil kenne ich sie seit elf oder zwölf Jahren.“ Für die jetzige Situation sei der digitale Musikunterricht aber eine gute Alternative.

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