Eine Stadt in der Stadt Die Entwicklung des Grohner Steingut-Geländes

Die Investoren des Steingut-Geländes sind dabei, die Entwicklung der Zehn-Hektar-Fläche voranzubringen. Studenten der Hochschule haben bereits Pläne vorgestellt, wie das neue Quartier werden könnte.
20.03.2021, 05:00
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Die Entwicklung des Grohner Steingut-Geländes
Von Christian Weth

Wie könnte das Gelände der Steingut AG aussehen, wenn der Firmengrund zum größten Wohn- und Gewerbeprojekt im Bremer Norden wird? Erste Antworten liefern inzwischen Studenten der Hochschule. Sie haben die Zehn-Hektar-Fläche in Grohn städtebauliche entwickelt – ohne zu wissen, dass der Fliesenhersteller tatsächlich Platz macht. Ihre Entwürfe sind Monate vor dem Verkauf des Geländes an Thorsten Nagel und Olaf Mosel entstanden. Die beiden Investoren wollen ein Quartier für 1000 Menschen schaffen.

Die Projektentwickler kennen die Arbeiten der Hochschüler, sie in Auftrag gegeben haben aber andere: Linda Velte und Klaus Schäfer. Die eine ist Stadtplanerin im Nordbremer Bauamt, der andere Architekturprofessor an der Hochschule. Behörde und Uni arbeiten seit Längerem zusammen, wenn es um Praxisaufgaben für Studenten geht. Darum ist Velte nicht bloß Planerin, sondern auch Lehrbeauftragte. Die Idee, dass Steingut-Gelände zum Forschungs- und Plangebiet der Hochschüler zu machen, war ihre Idee.

Velte sagt, dass Hochschule und Bauamt immer versuchen, Grundstücke für Semesterarbeiten auszusuchen, auf denen Veränderungen möglich erscheinen. Dass sie im Fall der Steingut AG auch eingetreten sind, nennt sie puren Zufall. Die Grundlage für das Projekt war ihr zufolge deshalb reine Fiktion: Weil ein Industriestandort schließt, soll die Firmenfläche neu genutzt werden – als Quartier mit Wohnungen und Gewerbe. So wie das jetzt auch Nagel und Mosel planen.

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Hochschullehrer Schäfer sagt, dass sich 70 Studenten in 17 Teams der Aufgabe stellten. Dass sie sich das Gelände vor Ort anschauten, aber auch auf Plänen und Fotos. Und dass bei diesem Projekt alles miteinander verbunden werden sollte: die alten Viertel mit dem neuen, der Charakter der Industriebauten mit dem Charakter der Siedlungen drumherum, das Wohnen im Quartier mit dem Arbeiten im Quartier. Schäfer spricht davon, dass eine Stadt in der Stadt zu planen war. Am Ende befanden er und Planerin Velte vier Arbeiten als besonders gelungen.

Ihnen zufolge bricht einer der Entwürfe die Grohner Insellage auf: das Quartier vernetzt sich mit den umliegenden Quartieren – und zwar so, dass Jacobs University und Grohner Düne verbunden werden. Bei einer anderen Arbeit wird der Bahnhof quasi verschoben, sodass vor ihm ein Platz entsteht: Die Studenten sprechen von einer neuen Mitte des Stadtteils. Eine dritte Projektgruppe hat die Wege im Quartier besonders kurz gehalten und ein viertes mehr Industriebauten der Steingut AG stehen lassen als andere.

René Kotte hat sich alle Arbeiten angeschaut. Der Referatsleiter des Bauamtes war dabei, als sie im Vorjahr vorgestellt und benotet wurden. Er sagt, dass ihm einige Idee sehr gefallen haben. Ob sie später auch Einzug halten werden in die tatsächliche Städtebauplanung, darüber kann er allerdings nur spekulieren. Am Freitag hat er sich mit Nagel und Mosel auf dem Gelände getroffen. Bei dem Treffen sollte es noch einmal um die Entwürfe der Studenten gehen, aber vor allem darum, welche Gebäude auf dem Grundstück erhaltenswert sind und welche nicht.

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Die Investoren haben die Pläne der Studenten bei einer Videokonferenz zum ersten Mal gesehen. Beide sagen, dass die Präsentation zu kurz war, um sich ein Urteil über die Arbeiten erlauben zu können. Im Grunde, sagt Nagel, wollen sie auch gar nicht erst auf irgendwelche Idee gebracht werden. Denn dann, meint der Projektentwickler, hätten sie Erwartungen, die sie nicht haben wollen: Die Stadtplaner, die das Steingut-Gelände entwickeln werden, sollen feie Hand und deshalb nicht die Spur einer Vorgabe bekommen.

Er und Mosel wollen ein Büro aus Berlin einschalten. In den nächsten Tagen soll es mit der Arbeit beginnen. Und auf seine Art in Grohn umsetzen, was die Investoren als einen Ort der produktiven Stadt bezeichnen. Auch die Wirtschafts- und die Baubehörde benutzen diese Formulierung. Beide sind seit der vergangenen Woche die Partnerinnen der Projektentwickler. Weil das Vorhaben so groß und so entscheidend für den Norden ist, wurde eine Absichtserklärung unterzeichnet, die Entwicklung des Geländes gemeinsam voranzubringen.

22 Monate haben beide Seiten noch Zeit, das Baurecht für ein neues Quartier in Grohn zu schaffen. Die Frist hat die Steingut AG im Kaufvertrag gesetzt.

Info

Zur Sache

Die Geschichte der Steingut AG

Das Unternehmen gehört zu den ältesten im Bremer Norden. 1869 wurde es von Vegesacker und Bremer Kaufleuten gegründet. Das Werk produzierte erst keramische Haushaltswaren, später ausschließlich Wandfliesen. Grohn wurde dabei nicht nur zum Markenzeichen, sondern auch zum Qualitätsbegriff: Auf der Weltausstellung 1904 gab es für die Produkte eine Medaille.

Mehrmals wurde das Werk vorübergehend stillgelegt: 1932, als es zum Börsensturz des englischen Pfunds kam, aber auch kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach der Währungsreform wurden die Anlagen erneuert. In den 80er-Jahren stellte die Geschäftsführung die Fertigung auf die energiesparendere Schnellbrandtechnologie um.

Seit Anfang 2001 gehört die Steingut AG zur Steuler Fliesengruppen und exportiert in 45 Länder weltweit. Ein Jahr später gründete die Aktiengesellschaft das Unternehmen Nordceram als hundertprozentige Tochter. Zugleich entstand im Bremerhavener Fischereihafen eine neue Produktionsstätte für Fliesen.

2014 wurde die Fertigung in Grohn eingestellt. Andere Unternehmensbereiche wie Logistik, Verwaltung und Lager sollen jetzt ebenfalls nach Bremerhaven verlagert werden.

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