Interview mit Frank Beinhold „Komme immer noch auf 15000 Kilometer im Jahr“

Frank Beinhold ist erster Vorsitzender des Bremer Radsportverbandes, Geschäftsführer beim M Projekt - wohnt in Bremen und ist zudem rund 25 Jahre Mitglied im Velo-Club Sport und Spiel Vegesack (VCV).
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Von Olaf Schnell
Haben Sie eigentlich Kontakt zum gebürtigen Fischerhuder Radrenn-Profifahrer Lennard Kämna?

Frank Beinhold: Zu ihm habe ich direkt keinen Kontakt, aber da sein älterer Bruder John bei uns Mitglied im Verein ist, ergeben sich natürlich immer wieder mit unseren Vereinsmitgliedern Trainingseinheiten, die gemeinsam mit ihm durchgeführt werden. Da Lennard Kämna vorzugsweise sehr gerne in seinem geliebten Blockland fährt, begegnet man sich auch öfters.

Sind Sie mit ihm auch schon mal im Blockland trainingsmäßig unterwegs gewesen?

Nein, ich persönlich nicht. Aber er trifft sich mit Kollegen aus unserem Verein, um mit ihnen zu trainieren.

Wer kommt in den Genuss mit Lennard Kämna zu fahren?

Zum Beispiel Carolin Schiff und Vladi Riha.

Was trauen Sie Lennard Kämna sportlich noch zu?

Ich denke, dass er in die Top Ten der Tour de France fahren kann. Ob es letztlich für einen Gesamtsieg reicht, wird die Zukunft zeigen. Aber es gibt im Moment auch sehr viele talentierte junge Fahrer, wie zum Beispiel den amtierenden Tour de France-Sieger Tadej Pogačar, oder das belgische Wunderkind Remco Evenepoel. Remco überzeugt mit wahnsinnigen Leistungen. Ich glaube, bei Lennard Kämna ist auch noch Luft nach oben. Er muss sich eben über die Dauer einer gesamten Rundfahrt beweisen, was das Ganze natürlich viel härter macht – als, wenn man auszugsweise eben nur auf Etappenjagd geht.

Hat sich der Erfolg von Lennard Kämna auch auf Ihren Verein ausgewirkt?

Nein, noch gar nicht. So wie es früher war, als Jan Ullrich die Tour de France gewonnen hat, gab es ja förmlich ein Radsport-Boom. In Sekunden wurden die Vereine von Menschen überflutet, die meinten, sie müssten es Jan Ullrich gleich tun. Das ist bei Lennard Kämna noch nicht der Fall. Aber wenn es dann irgendwann erfreulicherweise dazu kommen sollte, dass er die Tour gewinnt – dann sind wir uns sicher, dass es in den Vereinen erneut den Aufwind gibt. Vielleicht ist jetzt schon eine gewisse Resonanz vorhanden. Nun kommt aber auch Corona dem Thema aber auch nicht gerade entgegen.

Ihre VCV-Teamkollegin Carolin Schiff hat jüngst den Sprung in das Profiteam von Andy Schleck geschafft. Haben Sie Ihr schon alles Gute gewünscht?

Klar. Das habe ich auf jeden Fall, weil es uns natürlich sehr freut, dass sie jetzt ihre Träume verwirklichen konnte. Mit Andy Schleck hat sie auch einen sehr prominenten Team-Chef, der weiß, wie Rundfahrten gefahren werden.

Carolin Schiff ist aber bereits 34 Jahre alt. Kommt Ihrer Meinung dieser Sprung in die Eliteklasse zu spät?

Da kann man ja sicherlich stundenlang philosophieren, zu welchem Zeitpunkt es der Beste gewesen wäre. Ich würde sagen, es ist gut, dass es jetzt passiert ist. Darüber freue ich mich sehr. Ich glaube, es ergibt wenig Sinn, darüber zu sinnieren, ob vorher schon eine Möglichkeit bestanden hätte.

Was trauen Sie Ihr bei der geplanten Giro d‘ Italia zu?

Es ist sehr schwer einzuschätzen, was Caro beim Giro d‘ Italia leisten kann. Sicherlich traue ich Caro wahnsinnig viel zu, weil sie sehr gut fährt, insbesondere bergauf. Aber es bleibt eben abzuwarten, wie sie eine wirklich sehr harte Rundfahrt besteht. Es ist ein großer Unterschied, ob man eine Thüringen Rundfahrt über eine Woche fährt, oder eine erheblich anspruchsvollere und insbesondere längere Rundfahrt – wie den Giro d‘ Italia der Frauen.

Wie wirkt sich die Corona-Epidemie auf das Vereinsleben aus?

Wir können natürlich nicht mehr in ganz großen Gruppen trainieren, weil es nicht erlaubt ist. Hinzu kommt, dass wir natürlich auch von Treffen im Verein vollständig Abstand genommen haben. Und insbesondere seit Bestehen unseres Vereins ist es erstmals nicht möglich, unsere legendäre Jahreshauptversammlung am 23. Dezember stattfinden zu lassen. Ich denke, wir werden jetzt online abstimmen müssen.

Wie stark sind die Trainingsgruppen?

Zum Beispiel im Harz waren wir mit zwei Haushalten unterwegs, mehr nicht. Wir halten uns absolut konsequent an die bestehenden Regelungen.

Wie gehen Sie persönlich mit Corona um?

Das ist schon sehr einschneidend, anstrengend und auch traurig. Ich schütze mich so gut, wie es mir möglich ist. Und Kontakte vermeide ich außerhalb der Familie. Kürzlich traf ich mich abends aber mit einem Arbeitskollegen, um noch Dinge zu besprechen. Das haben wir dann auch durchgehend mit Maske getan, obwohl wir den gebotenen Abstand einhalten konnten. Das ist natürlich zäh und schwierig. Aber ich versuche, Dritte nicht zu gefährden – so leiste ich meinen Beitrag, damit diese schwierige Situation möglichst schnell ein Ende findet.

Hat sich Ihr Alltag irgendwie verändert?

Ja, klar. Der Alltag hat sich sehr verändert; wenn ich meine Eltern mit meinem Sohn Béla besuche, kommen wir ausschließlich auf der Terrasse im Freien zusammen. Kuchen essen bei plus zwei Grad und leichtem Regen ist nicht sehr komfortabel. Wir nehmen es in Kauf, um uns überhaupt zu sehen. Das sind für uns schon einschneidende Veränderungen.

Zu Weihnachten und Silvester soll es hier ja bekanntlich im privaten Kreis einige Lockerungen geben. Können Sie das unterstützen?

Ich bin da schon etwas irritiert – weil ich auf der einen Seite die angeordneten Maßnahmen für sehr notwendig und richtig erachte. Aber ich habe auch Sorge, dass dann, ab dem Zeitpunkt der Lockerungen im Dezember, in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest die Leute sagen: So, jetzt können wir uns losgelöst von zwei Haushaltsgrenzen treffen. Und ich befürchte, dass Feiern stattfinden, die die Ausbreitung des Virus weiter beschleunigen werden. Ich bin gespannt und hoffe sehr, dass die Menschen verantwortlich handeln.

Sind Sie selbst als Radrennfahrer noch aktiv im Geschäft?

Ja, ich nehme manchmal noch an kleineren Rennen teil, wenn das gerade in diesem Jahr natürlich super sparsam ausgefallen ist, weil es kaum Gelegenheiten gab – Wettkämpfe zu absolvieren.

Wie, wann und wo trainieren Sie in Bremen?

Ich trainiere genau so viel, wie immer. Ich komme so immer noch auf meine fast 15000 Kilometer im Jahr. Wir fahren auch im Blockland, soweit es möglich ist – wobei wir uns hier sehr zurückhalten, wenn dort der übliche Wochenend-Betrieb ist. Dann sehen wir zu, dass wir diese Trainingsmöglichkeit meiden. Wir fahren dann lieber auf einsamen Strecken, um Autofahrern auszuweichen. Radrenner und Autos passen einfach schlecht zusammen. Ansonsten wird abends, weil es eben nicht anders geht, auf öffentlichen Straßen trainiert.

Da gibt es bestimmt auch nicht immer einsichtige Autofahrer?

Das ist mit den Verkehrsteilnehmenden im Auto ein ewiger Kampf, der einfach wahnsinnig unangenehm ist – ja teilweise lebensgefährlich ist. Es bleibt auf den Straßen einfach schwierig und sehr gefährlich. Wir versuchen – das ist die einzige Strategie – da das Auto immer stärker ist als der Radfahrer, ganz konsequent den Straßenverkehr, so weit es möglich ist, komplett zu meiden.

Dann gibt es neben dem Blockland ja sicherlich eine Lieblingsstrecke?

Ja, wo man gut fahren kann ist beispielsweise die Strecke über den Hexenberg, Fischerhude, Quelkhorn und Wilstedt. Da ist vergleichsweise wenig Verkehr. Und es gibt Radwege, die aber teilweise in einem unzumutbaren Zustand sind.

Und wie sieht es mit Bremen-Nord aus?

Unsere Abend- bzw. Nachtrunden führen uns über zwei Stunden fast immer über Bremen-Nord – Schönebeck, Aumund, Vegesack, und Lesum etc. Da wird der Norden abends mit ordnungsgemäßen Licht erobert.

Wie machen Sie sich lichtmäßig bemerkbar?

Wir haben ganz normale Steck-Lampen, die ans Fahrrad angebracht werden. Mehr Möglichkeiten haben wir nicht. Wenn man auf öffentlichen Straßen trainieren muss, um sich auf Wettkämpfe vorzubereiten, ist das sehr schwierig, und immer mit der Sorge verbunden, dass man übersehen wird. Weil Autofahrer oft immer sehr nahe heranfahren, obwohl sie verpflichtet sind, den Abstand zu halten. Aber das bleibt unangenehm und es fährt immer die Angst mit, dass irgendetwas passieren kann.

Weil Sie mit den Rädern ja auch schnell unterwegs sind.

Genau. Die Rennfahrer sind nirgendwo gewollt. Auf dem Radweg ist man zu schnell und bekommt Ärger mit den anderen Radfahrern. Auf der Straße ist man zu langsam und bekommt Ärger mit den Autofahrern. Es ist ganz schwer einen Weg zu finden, wo man in Ruhe gelassen wird und wo man störungsfrei trainieren kann. Deswegen versuchen wir diesen Dingen soweit es geht aus dem Weg zu gehen.

Sie sind ja erster Vorsitzender des Bremer Radsportverbandes. Überlegt man da nicht auch, die beiden Nordbremer Vereine VC Vegesack und den Radsport-Club Vegesack zusammen zu ziehen, um hier sportlich die Kräfte noch besser zu bündeln?

Eine Zusammenlegung wird es sicherlich nicht geben, weil ich glaube, dass die Klubs unterschiedliche Ausrichtungen haben. Es bestehen zwar keine Animositäten, aber beide Vereine haben eine lange Geschichte und das ist auch in Ordnung so.

Wer sind momentan die Aushängeschilder beim VC Vegesack?

Das sind ganz sicher Luca Bockelmann, der deutsche Meister im Cyclocross, Carolin Schiff, die deutsche Bergmeisterin und Siegerin Bundesliga, Vladi Riha, der deutscher Bergmeister und John Kämna.

Zu den VCV-Akteuren gehört auch Ihr 22-jähriger Sohn Béla. Sind Sie mit ihm sportlich auch unterwegs und begleiten ihn auch zu Radsport-Veranstaltungen?

Ich bin immer dabei, wenn Béla unterwegs ist. In diesem Jahr hat er sich in Buchholz bei einem sehr harten Rennen mit reichlich Profi-Beteiligung über die Runden gequält. Da fiebere ich mit, stehe am Straßenrand, jubele ihm zu und freue mich, dass mein Sohn die Leidenschaft für den Sport mit mir teilt. Das finde ich ganz toll, wenn Vater und Sohn auf diesem Weg so fest verbunden sind.

Hat sich das Training wegen Corona in Ihrem Verein verändert?

Die Corona-Einschränkungen haben zum Beispiel Radprofis in Belgien besonders hart getroffen; hier wurde auf dem Balkon auf dem Hometrainer, oder auf der Rolle im Wohnzimmer trainiert, weil es draußen aufgrund der Ausgangssperren nicht mehr erlaubt war. Da sind wir ja total glücklich, dass wir im Freien trainieren dürfen.

Haben Sie noch andere Hobbys?

Ich gehe sehr gerne ins Theater, was ja im Moment leider nicht möglich ist – auch in Konzerte. Insbesondere in diesem besonderen Jahr, im Beethoven-Jahr. Da habe ich ganz viel Konzertkarten – unter anderem für den gesamten Beethoven-Zyklus gehabt – doch das fällt ja auch alles flach.

Wie ernähren Sie sich und was essen sie am liebsten?

Ich muss im Alter aufpassen, mein Gewicht zu halten. Ich gönne mir aber gerne, wenn ich am Tag im Büro bin, ein Mandelhörnchen und dazu einen Salat. Und wenn der Hunger richtig groß ist, gibt es Reibekuchen oder Labskaus.

Wann hat sich die Lage wieder entspannt und man kann auch im Sport wieder zum alltäglichen Geschäft zurückkehren?

Ich hoffe sehr, dass wir im Sommer wieder normal an Wettkämpfen teilnehmen können. Ab dem 4. Juli startet die Mountainbike-Transalp, das bekannteste und härteste Mountainbike-Rennen über die Alpen. Wir sind mit zwei Teams angemeldet und hoffen, dass wir starten dürfen. Ich hoffe insbesondere, dass die drei Impfstoffe, die in der letzten Phase sind, schnell verfügbar sein werden, damit wir wieder zum normalen Leben zurückkehren können.

Können Sie noch weitere Rennsport-Highlights nennen?

Für Carolin Schiff wird es der Giro d‘ Italia sein. Für andere Akteure die deutschen Meisterschaften und Landesverbands-Titelkämpfe. Aber überall stellt sich die Frage, in welchem Umfang und in welcher Form sie stattfinden werden.

Wo und wie feiern Sie Weihnachten und Silvester?

Beide Ereignisse werden natürlich im engsten Familienkreis gefeiert. Wir werden gucken, dass wir uns auch da ganz konsequent an die Regeln halten – um zum Beispiel auch meine Eltern vor dem Virus zu schützen. Sicher wird Silvester bei uns auch ohne Knallerei gefeiert. Bevor ich die Knaller und Raketen sinnlos in die Luft schmeiße, kaufe ich mir viel lieber irgendein schönes Teil für mein Fahrrad.

Das Interview führte Olaf Schnell

Info

Zur Person

Frank Beinhold (52)

ist erster Vorsitzender des Bremer Radsportverbandes, Geschäftsführer beim M Projekt - wohnt in Bremen und ist zudem rund 25 Jahre Mitglied im Velo-Club Sport und Spiel Vegesack (VCV).

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