Feldpostbriefe der Eltern von 1940 bis 1945 "Ich bin immer noch wütend"

Auf dem Dachboden entdeckte Egbert Heiß 2020 eine Kiste, darin rund 1500 Feldpostbriefe der Eltern, 1940 bis 1945. Beim Lesen entdeckt er seine Eltern neu, ist wütend, versteht aber auch, und schreibt ein Buch.
15.10.2021, 19:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Iris Messerschmidt

Vegesack. Während er erzählt, kommen wieder diese Emotionen hoch. Egbert Heiß ist wütend – auf seine Eltern, die er sein Leben lang als gut bürgerlich kannte, die sich dann aber als glühende Anhänger des Nationalsozialismus entpuppten. Auf das rechte System, das eben diese gut bürgerlichen Menschen "einer Gehirnwäsche unterzog". Auf seinen Vater, der nie etwas über diesen Krieg verlauten ließ. Auf seine Mutter, die ebenfalls Jahrzehntelang schwieg. "Sie merken, wenn ich davon berichte, dann wühlt es mich ein ums andere Mal auf", gesteht der 77-Jährige. Kaum verwunderlich, denn die Befürchtung, dass er seine Eltern gar nicht richtig kannte, die kam erst im Frühjahr 2020. Da fand er einen Karton auf dem Dachboden mit persönlichen Briefen, die ein Leben erzählten – Feldpost von 1940 bis 1945. Die Basis für seine Form der Aufarbeitung: ein Buch.

"Ich tat, was wohl viele während der Corona-Pandemie taten: Ich räumte auf dem Dachboden auf", erinnert sich Egbert Heiß an diesen Tag im April vor einem Jahr. Dabei stieß er auf einen Karton. "Den hatte mir meine Mutter – mit vielen weiteren Dingen – übergeben, als sie ins Altersheim ging." Das war 1993, seitdem fristete der Karton sein Dasein auf dem Dachboden. Im April 2020 riskierte Egbert Heiß einen Blick: "Ist ja irre", sei sein erster Gedanke gewesen. Denn im Karton lagen sie: zahlreiche Briefe seiner Eltern. "Sie hatten sich versprochen, sich alle zwei Tage zu schreiben", erzählt Egbert Heiß. Gezählt hat er die Briefe nicht, aber mal so überflogen. "Bis auf Heimaturlaub und Lazarettaufenthalt meines Vaters haben beide wohl die Zwei-Tages-Regel eingehalten. Es könnten somit rund 1500 Briefe sein." Die Besonderheit, sie sind lückenlos erhalten.

Dokumentation über Fronterlebnisse

Egbert Heiß Vater Anton, von seiner Frau "Toni" genannt, sandte die Briefe seiner Frau jeweils in Paketen zum Aufbewahren zurück. Er wollte laut Egbert Heiß eine Art Tagebuch beziehungsweise Dokumentation über seine Fronterlebnisse erhalten. "In einem Brief ist auch einmal die Rede davon, dass diese Briefe ihren Kindern später einmal über die glorreichen Zeiten der ruhmreichen Blitzkriege 1940 berichten sollten", erzählt Egbert Heiß und muss schlucken. Wie sehr seine Eltern in den Briefen gejubelt hätten. "Resi und Toni waren typische Durchschnittsdeutsche, Kinder ,einfacher' Eltern, wie die Mehrheit der Deutschen Ende der 30er Jahre", berichtet Egbert Heiß. Seine Eltern seien zwar keine fanatischen Nazis, aber auch keine Gegner der Hitler-Diktatur gewesen. "Sie waren 1933 mit 20 beziehungsweise 18 Jahren bislang politisch völlig unbedarft, aber von Anfang an von dem verhängnisvollen Sog der NS-Propaganda und dem Führerkult erfasst und von den trügerischen Erfolgen der Wirtschafts-, Aufrüstungs- und Außenpolitik Hitlers unter der Parole einer ,Revision des Versailler Schanddiktats' beeindruckt", berichtet Heiß, der 33 Jahre als Geschichtslehrer am Gymnasium arbeitete.

Bevor der Sohn aber so tief in die Geschichte seiner Eltern einstieg, da entdeckte er erst einmal die liebevolle Seite eines jungen Paares, dass das Kriegsgeschehen auseinandergerissen hatte. "Mein lieber Peter", sei dabei die Anrede des Vaters an die Mutter gewesen. "Manchmal auch mein liebes Peterlein. Warum dieser Name? Nun, meine Mutter war sehr emanzipiert, sie war für meinen Vater auch immer sein Kamerad", ist Egbert Heiß sicher und findet dieses Verhältnis seiner Eltern "sehr sympathisch". Auf weniger Sympathisches sei er beim weiteren Lesen gestoßen.

Erst spät ein Hauch von Zweifel

Sein Vater beispielsweise, der anfangs Büroarbeit leistete, sich bei seiner Frau darüber beschwerte und "seine Soldatenpflicht" doch lieber an der Front ableisten wollte, was dann auch später in Russland passierte. Soldatenleben, Stolz auf das Vaterland, Verleihung des Eisernen Kreuzes, Kriegswirren, Frontverlauf. "Es ist ein Zeugnis davon, wie ganz biedere, brave Deutsche ideologisch auf die schiefe Bahn geraten, und zwar ganz allmählich", so Heiß. Die Identität seines Vaters sei zudem, "zu drei Viertel völlig zurückgedrängt worden, in dem NS-Drill, ein guter Soldat zu sein. Er entwickelte eine positive Einstellung zum Wehrdienst, ein starkes Wehr- und Pflichtgefühl, und war völlig überzeugt davon, dass Hitler das Richtige macht." Nur einmal, kurz vor Kriegsende habe es einen Hauch von Zweifel gegeben, bei den ständigen Parolen vom "Endsieg", da habe Toni gedacht: "Es muss doch etwas dran sein, sonst würde die uns ja alle anlügen." Der Name Hitler sei da schon länger nicht mehr gefallen.

Egbert Heiß hatte Zeit, "der Pandemie sei Dank", immer tiefer stieg er ins Geschehen ein, machte sich chronologisch Notizen, "das war der Historiker in mir", schämte sich, "wenn der Jubel in den Briefen über die NS-Machenschaften wieder groß war", entdeckte ein Paar, dass sich zwar verführen ließ, aber auch zusammen hielt – selbst in ganz schweren Zeiten. Egbert Heiß verstand, "wenn ich auch kein Verständnis für den Systemjubel aufbringen kann".

Nach und nach reifte in ihm der Wunsch, diese Erkenntnis auch der Nachwelt mitzuteilen. Allerdings: "Ein Buch über das KZ-Außenlager Bahrsplate, das ein Freund von mir schrieb, hat ja einen wirklichen Sinn, aber über Briefe meiner Eltern die Anhänger der NS-Ideologie waren?" Egbert Heiß haderte mit sich, um dann doch einen Fürsprecher beim Bremer Kellner Verlag zu finden. Und nicht nur das: "Meine Kinder und Enkel, mein Bruder, meine Cousine, die ganze Verwandtschaft, sie alle haben durchweg positiv von dem Buch gesprochen", erzählt Egbert Heiß. Während er noch erzählt, klingelt sein Telefon. Eine Zeitung aus Fürth interessiert sich für sein Buch beziehungsweise die Geschichte dahinter, "da wohnten meine Eltern, da bin ich aufgewachsen, da wohnt auch noch ein Teil meiner Familie", gibt Heiß Hintergründe preis und bestätigt den Termin in Mittelfranken.

Dabei hatte er selbst zu Anfang befürchtet, zu viel Intimität, zu viele heikle Punkte der Familie frei zu geben. "Gleichzeitig hatte ich den Wunsch, meinen Eltern gerecht zu werden. Ich wollte sie nicht an die Wand stellen, sondern die Wahrheit an die Öffentlichkeit bringen." Für Egbert Heiß war es Vergangenheitsbewältigung, "das habe ich auch als meine Aufgabe für die Familie angesehen".

Zur Sache

Lesung im Geschichtenhaus

Das Buch "Liebe und Krieg Die Feldpostbriefe meiner Eltern 1940 bis 1945" gewährt auf 492 Seiten fast wie in einem Roman anhand ausgewählter Zitate einen intimen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von zwei jungen Menschen, die mit Briefen ihre Liebe über den sechs Jahre dauernden Krieg zu retten versuchen. Der Leser erlebt durch die authentischen Berichte die Fronterfahrung des Mannes in Russland sowie den Alltag der Frau mit ihren zwei kleinen Kindern im Bombenkrieg an der "Heimatfront". Die Kommentare zwischen den Briefausschnitten erläutern aus einer kritischen Perspektive den jeweiligen biografischen Hintergrund und den historischen Kontext dieser Zeit. Das Buch wird Egbert Heiß persönlich in einer Lesung vorstellen, und zwar am 13. Januar im Vegesacker Geschichtenhaus, Zum Alten Speicher 5A.

Info

Das Buch "Liebe und Krieg Die Feldpost meiner Eltern 1940 bis 1945" ist gerade im Kellner Verlag erschienen, und als Hardcover für 24,90 Euro erhältlich. ISBN 978-3-95651-312-1.

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