RAF-Terroristen Auf der Spur der Terroristen

Seit bald 30 Jahren sind drei Ex-Terroristen auf der Flucht. Nicht nur die Staatsanwaltschaft Verden ermittelt. Auch ein Journalist sucht nach Spuren – auch in Vegesack.
11.06.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Auf der Spur der Terroristen
Von Patricia Brandt

Was ist aus Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette geworden? Diese Frage treibt nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft um. Der Journalist Benjamin Reimers aus Winsen (Luhe) beschäftigt sich ebenfalls mit der Frage nach dem Verbleib der ehemaligen Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF). Seine Recherchen haben ihn vor Kurzem bis nach Vegesack geführt.

Ein Zeitungsartikel über eine Raubserie auf Geldtransporte in Nordrhein-Westfalen habe 2012 auf einer Zugfahrt sein Interesse geweckt. Benjamin Reimers sagt, er habe sofort an das ehemalige RAF-Trio gedacht, das noch heute wegen mehrerer Überfälle auf Geldtransporter und Supermärkte gesucht wird. Der Gedanke ließ ihn nicht los: „So begann meine Recherche.“ Die Recherche über die früheren RAF-Terroristen betreibt der Gerichtsreporter für ein Buch, das im kommenden Jahr erscheinen solle.

Der 39-Jährige versucht, die Taten zu rekonstruieren, indem er Zeitungen akribisch sichtet und Tatorte besucht: "Es fällt seit 1991 auf, dass es Überfallserien in Norddeutschland gegeben hat.“ Eine Zusammenarbeit mit der Polizei gebe es aktuell nicht: „Es ist schwer, an Informationen zu kommen. Es heißt, aus ermittlungstaktischen Gründen sind keine Auskünfte möglich.“

Polizei und Staatsanwaltschaft haben die Suche nach Staub, Garweg und Klette seitdem nicht aufgegeben. Nach Jahrzehnten im Untergrund gerieten die Linksterroristen nach einem Raubüberfall in Stuhr wieder in den Fokus der Ermittler. „Am Tatort des Überfalls auf einen Geldtransporter am 6. Juni 2015 in Groß Mackenstedt wurde molekulargenetisches Material gesichert, das den Beschuldigten Staub, Klette und Garweg zugeschrieben wird. Neue Erkenntnisse dazu hat es in der letzten Zeit nicht gegeben“, so Marcus Röske, Sprecher der Staatsanwaltschaft Verden. Die drei gehören zur sogenannten dritten Generation der RAF. Auf ihr Konto sollen auch mehrere Morde gehen.

Liste mit zwölf Überfällen

Es gibt Hinweise darauf, dass die Beschuldigten der Geldtransporter-Überfälle von Stuhr und Wolfsburg im Dezember 2015 weitere Überfälle auf Sammelkassen von Supermärkten begangen haben könnten. „Bei diesen Kassenbüroüberfällen wurden die Beschäftigten der Supermärkte oder Geldboten entweder beim Betreten oder beim Verlassen der Kassenräume mit Pistolen und teilweise mit Elektroschockern bedroht. Die Opfer wurden sodann gezwungen, den Tätern Zugang zum Tresor zu verschaffen oder Bargeld auszuhändigen“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Zugeschrieben werden Staub, Garweg und Klette demnach wegen „der besonderen Tatausführung“ die Raubüberfälle auf den Real-Markt in Celle von 2011, Marktkauf in Stade 2012, Marktkauf in Elmshorn 2014, Kaufland in Osnabrück 2015, Marktkauf in Northeim 2015 und den Rewe-Markt in Hildesheim 2016. Die Ermittler stellten auch Übereinstimmungen beim Ankauf der Tatfahrzeuge fest. Es seien stets drei Monate vor der Tat Wagen der unteren Preisklasse gekauft worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat die Polizei mittlerweile mehr als 4000 Autohändler aufgesucht, wodurch neues Fotomaterial der Gesuchten auftauchte.

Trotz der Veröffentlichung dieser Bilder scheinen die Gesuchten wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Einmal führte ein Hinweis die Fahnder in die Niederlande, weil ein Mobiltelefon, mit dem Kontakt zu einem Autohändler aufgenommen worden war, in den Niederlanden ausgeschaltet wurde. Marcus Röske sagt jedoch: "Zum Aufenthaltsort der Beschuldigten gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.“

Bei der Staatsanwaltschaft Verden werden derzeit Ermittlungen zu insgesamt zwölf Überfällen geführt. Zugeschrieben werden den Ex-RAF-Terroristen inzwischen auch der Überfall auf einen Geldtransporter im Juli 1999 in Duisburg, der Überfall auf das Kassenbüro eines Real-Markts im Dezember 2006 in Bochum, der Überfall auf das Kassenbüro eines Marktkaufs im April 2009 in Löhne und der Überfall auf einen Geldtransporter im Juni 2016 in Cremlingen.

Warum kommt nun ein Journalist aus Winsen ausgerechnet nach Vegesack? Benjamin Reimers glaubt, dass die Ex-Terroristen auch für einen Überfall auf den Marktkauf in Stade 2004 verantwortlich sein könnten. „Die Ermittler gehen davon aus, dass es zwischen 1999 und 2006 keinen RAF-Überfall gab. Das halte ich für nicht nachvollziehbar. Stade passt sehr gut hinein. Ich beziehe mich hier auf die Vorgehensweise. Die Tat wurde wie die in Groß Mackenstedt über Monate geplant. Kennzeichen verschwanden in Oldenburg und Hannover“, meint Reimers.

Für den Überfall am 5. Januar 2004 in Stade war laut Reimers bereits am 21. Dezember 2003 ein Auto vom Parkplatz des Klinikums in Vegesack geraubt worden. Dass das in Vegesack gestohlene Auto tatsächlich als Fluchtfahrzeug genutzt wurde, habe er in einer Meldung der Deutschen Presseagentur gelesen, die damals im Hamburger Abendblatt abgedruckt wurde. In der Meldung wurde sogar das Kennzeichen genannt.

Grünen Golf geraubt

Auch im Archiv der NORDDEUTSCHEN ist der Autoraub zu finden: Ein unbekannter Täter hatte demnach einer 38-Jährigen den Zündschlüssel für einen sechs Jahre alten grünen VW-Golf mit Nordbremer Kennzeichen abgenommen. Der Täter war der Frau bereits kurz zuvor auf dem Parkplatz aufgefallen, teilte die Polizei mit. Als sie sich ihrem Wagen näherte, versuchte er, ihr die Tasche zu entreißen, scheiterte aber am Widerstand der Frau. Sie warf ihm schließlich die Autoschlüssel vor die Füße und flüchtete zurück ins Krankenhaus. Der mit einer Sturmhaube oder Wollmütze vermummte Mann fuhr mit dem gestohlenen Wagen in Richtung Vegesack davon. Der Räuber wurde als 1,60 bis 1,70 Meter groß und stämmig beschrieben.

Hat die Staatsanwaltschaft Verden ebenfalls eine Verbindung nach Vegesack gezogen? Laut Marcus Röske gehört der Fall nicht zu den zwölf Raubtaten, die den Beschuldigten zugeschrieben werden: "Die Ermittlungen werden nicht hier geführt.“ Deshalb könne die Staatsanwaltschaft auch keine Angaben machen – weder zu dem Autoraub noch zu dem Überfall.

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