Literatur im Internet Grass-Stiftung lädt zu virtueller Lesung ein

Das Medienarchiv der Günter-Grass-Stiftung in Grohn lädt zu einer Lesetour mit Schauspielern ein. Zum fünften Todestag des Nobelpreisträgers lesen Schauspieler am Ostermontag aus seinen Werken.
10.04.2020, 11:02
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

Grohn. Am 13. April jährt sich zum fünften Mal der Todestag des Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass. Das Medienarchiv der Günter-Grass-Stiftung Bremen auf dem Campus der Jacobs University in Grohn nimmt das zum Anlass, an diesem Tag mit einer Lesung an den Autor zu erinnern. Und hat sich in Corona-Zeiten dafür etwas einfallen lassen: Am Ostermontag können Literaturinteressierte im Internet zuhören und zuschauen, wenn Schauspieler aus Werken von Günter Grass vorlesen.

Zusammen mit einem Kooperationspartner, dem Unternehmen Net Alive, hat das Medienarchiv der Günter-Grass-Stiftung eigens eine Webseite entwickelt. Unter www.literaturerleben.de startet die virtuelle Lesetour am 13. April um 16 Uhr. „Die Lesungen sind vorher aufgezeichnet worden“, berichtet Stiftungsgeschäftsführer Horst Monsees. Die Schauspieler brauchten dafür nicht einmal das Haus oder die Wohnung zu verlassen. Sie konnten zu Hause am Laptop oder I-Pad mit Kamera und Mikrofon selbst aufnehmen. „Das ging relativ zügig. Nach zwei bis drei Tagen waren die Videos fertig“, erzählt Horst Monsees. Der Kooperationspartner Net Alive übernahm den letzten Feinschliff bei der Bild- und Tonqualität. Horst Monsees selbst wird den literarischen Nachmittag im Internet moderieren. Mit seinem I-Pad hat er dazu ein Video aufgenommen, darin stellt er die Schauspieler und die Grass-Werke, aus denen sie lesen, vor.

Die Werke und Textpassagen für die virtuelle Lesetour unter dem Motto „Memmen, Meuten und Maßarbeit für die Ewigkeit“ hat die Stiftung ausgewählt. Der Titel nimmt auf die vorstellten Werke Bezug. Franziska Mencz liest aus dem Roman „Der Butt“, in dem Grass auf märchenhafte Weise die Geschichte der Menschheit und insbesondere das Verhältnis zwischen Mann und Frau thematisiert. Für die Lesung sei das 1977 erschienene Werk unter anderem wegen seines Einstiegs ausgewählt worden, erklärt Horst Monsees. „Ilsebill salzte nach“ – mit diesem Satz beginnt Grass seinen Roman. „Die drei Worte wurden 2007 zum 'schönsten ersten Satz' in der deutschsprachigen Literatur gekürt.“

Christian Bergmann rezitiert aus dem Roman „Ein weites Feld“. Für Monsees ist das Werk, in dem Grass die deutsche Wiedervereinigung literarisch verarbeitet, nach wie vor aktuell. Ulrike Knospe schließlich liest aus dem posthum erschienenen Band „Vonne Endlichkait“. In dem Band mit Gedichten, Prosa und Radierungen zieht der Schriftsteller im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit eine Lebensbilanz und zeigt dabei laut Monsees auch Humor, wenn er in einer Geschichte erzählt, wie er zusammen mit seiner Frau in den schon zu Lebzeiten in Auftrag gegebenen Särgen Probe liegt.

Wer die Lesungen in Internet miterleben will, ist am Ostermontag ab 16 Uhr mit einem Klick auf www.literaturerleben.de dabei. „Die Videos werden bis Mitternacht online stehen.“ Horst Monsees kündigt außerdem noch ein paar Video-Überrachungen aus dem Medienarchiv an. Geplant sei unter anderem, Ausschnitte aus einem Fernsehbeitrag anlässlich des 75. Geburtstages von Günter Grass zu zeigen. Ein NDR-Team filmte den Schriftsteller damals bei einem Besuch in seiner früheren Wohnung in Paris.

„In der Avenue d'Italie 111 lebte Grass von 1956 bis 1960. Hier schrieb er an einem Stehpult seinen Roman 'Die Blechtrommel'.“ Im vergangenen Jahr erwarb die Stiftung das Pult, seitdem steht es im Medienarchiv auf dem Campus in Grohn. Eigentlich wollte die Stiftung zum fünften Todestag des Schriftstellers am 13. April eine Erinnerungsplakette an der früheren Wohnung in Paris anzubringen, sagt Horst Monsees. Wegen der Corona-Pandemie sei das Vorhaben verschoben worden. „Wir hoffen, es noch in diesem Jahr nachholen zu können.“ Eine gute Gelegenheit dafür wäre nach den Worten des Geschäftsführers der 16. Oktober, Grass' Geburtstag.

„Den Todestag wollten wir aber trotzdem würdigen“, sagt Horst Monsees. So entstand die Idee für die virtuelle Lesung. Bei der Stiftung sieht man es zugleich als eine Art Pilotprojekt. „Wir wollen künftig mehr im Internet machen“, kündigt der Geschäftsführer an. „Als Stiftung und Medienarchiv sind wir bislang vor allem ein Ansprechpartner für die Wissenschaft. In Zukunft möchten wir über verschiedene Kanäle, auch über das Internet, stärker an die Öffentlichkeit gehen.“ Denkbar sei etwa, Lesungen vor realem Publikum via Live-Stream gleichzeitig im Netz zu übertragen. „Vielleicht werden wir eines Tages auch Ausstellungen virtuell präsentieren“, sagt Horst Monsees.

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