Kritik in Aumund Grundschule verliert Sonderstatus

Jahrelang war die Grundschule Borchshöhe eine besondere Schule. Statt vier Jahrgänge wurde sechs unterrichtet. Damit soll jetzt Schluss sein. Eltern kritisieren das – auch das Tempo der Veränderungen.
21.12.2019, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Grundschule verliert Sonderstatus
Von Christian Weth

Vegesack. An der Schule Borchshöhe ist vieles anders gemacht worden als an anderen Schulen. Doch damit ist jetzt Schluss. Der Sonderstatus der Vegesacker Grundschule soll aufgehoben werden: kein Unterricht mehr von Klasse eins bis sechs unter einem Dach, kein Lernen mehr in altersübergreifenden Gruppen. Dabei gewann die Schule genau deshalb mehrere Auszeichnungen auf Bundesebene – und meldeten viele Mütter und Väter ihre Kinder bei ihr wegen der ungewöhnlichen Konzepte an.

Eltern wie Maic Böge und seine Frau zum Beispiel. Vor vier Jahren, als ihre Tochter in die erste Klasse kam, sagten sich beide: Diese Schule und keine andere. Böges finden es gut, dass die Kinder nicht schon nach Klasse vier auf eine Oberschule gehen sollten, sondern erst nach Klasse sechs – weniger Wechsel, sagten sie sich, mehr Kontinuität fürs Kind. Und sie halten es für wichtig, dass Schüler in speziellen Unterrichtsgruppen mit- und voneinander lernen konnten – der Erstklässler vom Drittklässler, der Viertklässler vom Sechstklässler. Und umgekehrt. Böge sagt, dass die Konzepte toll funktioniert haben.

Das sagen auch Juroren. Zweimal hat die Schule Borchshöhe den Deutschen Schulpreis gewonnen. 2016 schaffte sie es unter die besten 20 Schulen der Republik, 2017 auf den zweiten Platz. Die Schule ist noch öfter ausgezeichnet worden – so oft, dass Böge ihren Sonderweg in der eintönigen Bildungslandschaft, wie er sagt, für den richtigen hält. Dafür meint der Vater noch einen anderen und besseren Beleg zu haben als den Schulpreis: seine Tochter. Noch nie habe er es erlebt, dass jemand aus seiner Familie so gerne zum Unterricht geht wie sie. Auch wenn sie krank sei, wolle sie nicht zu Hause bleiben.

Böge kann deshalb nicht verstehen, warum jetzt alles anders werden soll. Vor Kurzem hat er ein Schreiben der Behörde bekommen. Sie teilt ihm mit, was er und seine Frau, als sie ihr Kind bei der Grundschule Borchshöhe angemeldet hatten, eigentlich nicht wollten: Ihre Tochter muss nach der vierten Klasse auf die Oberschule wechseln. Sie und 45 andere Schüler ihres Jahrgangs. In dieser Woche kamen viele von ihnen mit ihren Eltern in der Aula zusammen. Böge sagt, noch nie so viele wütende Erwachsene und weinende Kinder gesehen und noch nie so oft das Wort „unfair“ gehört zu haben wie bei diesem Treffen.

Dabei hatten Eltern und Kindern eigentlich mit etwas ganz anderem gerechnet, was die Behörde mitteilen würde: dass nämlich an der Schule Borchshöhe die Kinder nicht bloß von der ersten bis zur sechsten Klasse bleiben können, sondern fortan von der ersten bis zur zehnten. Die Grundschule wollte auch Oberschule werden. Alles war dafür vorbereitet. Anfang Dezember sollte Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) den Auftrag bekommen, „die notwendigen Planungsschritte einzuleiten“. So steht es in einem Entwurf einer Deputationsvorlage, die der Redaktion vorliegt und nie beraten wurde.

Dass der Entwurf quasi in letzter Minute zurückgezogen wurde, hat nach Angaben der Behörde mit dem sogenannten Bildungsfrieden zu tun: Die Regierungsparteien und die CDU sind Konsenspartner – kann einer eine Entscheidung nicht mittragen, sind alle gegen diese Entscheidung. Und weil sich alle darauf verständigt haben, dass es neue Schulmodelle in Bremen vorerst nicht geben soll, gab es ein Konsens- und damit ein Umsetzungsproblem. Laut Annette Kemp, Sprecherin der Bildungssenatorin, hätte die Behörde das Konzept der Schule umgesetzt, wenn eben alle Parteien das gewollt hätten.

Aus Sicht von Yvonne Averwerser, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, macht es sich das Ressort mit dieser Darstellung zu einfach. Sie sagt, dass keine Partei dem Vorstoß hätte zustimmen können, selbst wenn sie es gewollt hätte. Eine Schule, die alle Klassen von eins bis zehn unter einem Dach vereint, wäre nun mal ein neues Bildungsmodell gewesen, das es laut Konsens nicht geben soll. Das, meint die Unionspolitikerin, hätte die Behörde bedenken müssen, bevor sie eine Vorlage für eine Deputationssitzung entwirft. Laut Averwerser werde stattdessen etwas anderes kolportiert: Die CDU habe das Konzept als einzige Partei abgelehnt.

Dass jetzt die Schule wie jede Grundschule nur vier Jahrgänge haben soll, hat nach Averwersers Kenntnisstand mit gesetzlichen Problemen zu tun. Sie vermutet, dass die jetzt aufgefallen seien, weil die Grundschule den Status einer Oberschule bekommen wollte. Annette Kemp formuliert es anders. Sie sagt, dass die Kooperation der Schule Borchshöhe mit der Oberschule Lerchenstraße, die den Unterricht von Klasse eins bis sechs an der Grundschule erst möglich gemacht hat, nur befristet zulässig war. Und mit der Duldung sei es jetzt vorbei: In Zeiten knapper Schulplätze müsse der Übergang zwischen Klasse vier und fünf rechtssicher gestaltet sein.

Nach Böges Rechnung war er das dann fast 18 Jahre nicht. So lange kooperieren die Grundschule Borchshöhe und die Oberschule Lerchenstraße miteinander. Der Vater kritisiert deshalb nicht nur, das alles anderes werden soll, sondern auch das Tempo, mit dem die Behörde die Veränderungen an der Schule vorantreibt: Im Februar soll seine Tochter auf eine Oberschule gehen. Das Schreiben, in dem ihm und seiner Frau das mitgeteilt wird, ist anderthalb Wochen alt. Böge sagt, dass er es ungerecht findet, einer Familie wenige Wochen zu geben, um sich für eine weiterführende Schule zu entscheiden – besonders, wenn die Familie dachte, noch Jahre lang Zeit dafür zu haben.

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