Haus der Seefahrt Der Kapitän geht auf Schiffsreise

Klaus Thormählen gibt sein Amt als Verwaltender Kapitän des Hauses der Seefahrt in Grohn ab. Er hat viel zu erzählen.
03.03.2021, 17:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Iris Messerschmidt

Grohn. Der 83-jährige Klaus Thormählen, der gerade im Grohner Haus der Seefahrt sitzt, hat viele Geschichten zu erzählen: Etwa als Theo Waigel damals während der Schaffermahlzeit seiner Damenrede nicht folgen konnte, „war ja auch auf Plattdeutsch“ oder seine erste Damenrede abgelehnt wurde, „1993 waren Frauen am Haupttisch noch nicht zugelassen und ich habe in meiner Rede darüber nachgedacht, was passiert, wenn der eingeladene Bundespräsident eine Frau ist“.

Da gibt es auch die Erinnerungen an den aufsässigen jungen Mann, der zwar nach dem Willen des Vaters und Einzelhändlers die Höhere Handelsschule abschloss, aber dennoch nicht der ersehnte Geschäftsnachfolger wurde. Sein Traum hieß 1955 Schiffsjunge. Er ging in Hamburg zur Schule, hatte drei Jahre später seinen Matrosenbrief in der Hand und immer noch die Worte des Vaters im Ohr: „Du wirst dich noch mal umgucken.“ Der Vater hatte recht. Doch Klaus Thormählen wollte nicht aufgeben, getreu dem Motto „jetzt erst recht“, ging es weiter zur See und, „ich habe es nie bereut“. Dem Vater gesteht er allerdings zu, dass ihm die kaufmännische Ausbildung viel geholfen hat.

Denn den gebürtigen Wilhelmshavener zog es nach der Grundausbildung, „normalerweise ging es danach direkt auf Hamburger Schiffe“, nach Bremen, damals noch zur Neptun AG. Er fuhr zur See, als die Verständigung noch schwierig war: „Die digitale Welt macht heute alles einfach, doch damals konnte man nicht mal eben mit dem Reeder sprechen. Da war der Kapitän im Ausland der Vertreter der Reederei, musste weitreichende Entscheidungen treffen.“ Er fuhr für mehrere Reedereien, Stückgut- und Massengut-Schiffe, als dritter und zweiter Offizier bis hin zum Kapitän, ging 1973 an Land, lernte hinter den Kulissen viel über das Seefrachtgeschäft, über Schiffsagenturen, über Charterbetreuung – mal als Selbstständiger, „da habe ich viel verdient“, mal als Angestellter, „das hat mich die letzten sechs Jahre vor der Rente vor dem finanziellen Ruin gerettet“.

Zuvor, da hat er allerdings für eine südamerikanische Reederei einen Containerservice in Europa aufgebaut. „Das war eine tolle und sehr umfangreich, eigenverantwortliche Sache“, schwärmt er. Kontakte hat er immer noch, nach Buenos Aires und Montevideo. „Aber ich habe schon in den letzten Jahren bemerkt, dass mir das Fliegen nicht mehr so bekommt.“ Dann lieber Schiffsfahrten, mit seiner „First Lady“ wie er seine Lebensgefährtin nennt. „Die darf ich als Verwaltender Kapitän des Hauses Seefahrt auch zur Schaffermahlzeit mitbringen“, erzählt Klaus Thormählen. Mit ihr wird er auch im September eine 14-tägige Schiffsreise antreten: „Von Berlin über die Havel, Elbe, Nordostsee-Kanal bis nach Kiel.“ Er freut sich, dass er dafür und für Entspannung bald wieder reichlich Zeit hat.

2002 ging er in den Ruhestand, „nein, stimmt nicht, in Rente, im Ruhestand war ich noch nie“, sagt er und lacht. Als nautischer Sachverständiger war er so manches Mal noch vor Gericht, wenn es ihm gar zu langweilig an Land wurde, dann ließ er sich auch gern mal anheuern. Als seine Ehefrau, mit der er in Delmenhorst ein Häuschen bewohnte und zwei Söhne hat, an Krebs verstarb, da war da auch noch der klassische Chor in Stuhr. „Singen ist eine meiner Leidenschaften“, gesteht der Mann mit der sonoren Stimme. Dort lernte er zudem auch seine jetzige Lebensgefährtin kennen und lieben.

Und dann, kam auch noch die Seemannschaft und wählte ihn zum Verwaltenden Kapitän des Hauses der Seefahrt. „Da ist man manchmal wie der Herbergsvater“, gesteht Klaus Thormählen, dass dazu viel psychologisches Einfühlungsvermögen gehört. Er ist auch der Herr über die Finanzen und die Verwaltung des Sozialwerks. Zweimal in der Woche ist Thormählen in dem Verwaltungsgebäude auf dem Seefahrtshof und kümmert sich um die Belange der Bewohner und die Einrichtung an sich. Bauliche Veränderungen sind nämlich nicht mal eben so gemacht. Das Portal von Haus Seefahrt, die Stiftsgebäude und zwei Plastiken auf dem Gelände stehen allesamt unter Denkmalschutz. Das Amt des Verwaltenden Kapitäns kann man theoretisch bis an sein Lebensende behalten – doch Thormählen gab sich von Anfang an ein Zeitlimit: „Sechs Jahre und aufhören, solange ich noch gesund bin.“

Klaus Thormählen zieht durch, was er sich vorgenommen hat. In Kontakt mit Sponsoren bis zum Schluss bleiben: „Wir haben zwar Rücklagen, aber durch die ausgefallene Schaffermahlzeit sieht es nicht rosig aus, und wir leben als Stiftung von Spenden.“ Sein Nachfolger, Andreas Mai, sitzt auch schon über den Finanzen und arbeitet sich ein. Denn: Die sechs Jahre sind am 27. April vorbei, auf Klaus Thormählen warten der 84. Geburtstag, die Sorge um den klassischen Chor, „uns fehlt der Nachwuchs“, seine Lebensgefährtin und die nächste Schiffsreise, auf die er sich freut: „Auch in Pandemie-Zeiten, denn ich bekomme am 17. März die zweite Impfung.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+