Hochhaus am Vegesacker Hafen „Der Protest kommt einfach zu spät“

Über den Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Haven Höövts wird im Stadtteil kontrovers diskutiert. Wie die Lage aus politischer Sicht zu bewerten ist, erklärt Bausenatorin Maike Schaefer im Interview.
25.03.2020, 09:43
Lesedauer: 4 Min
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„Der Protest kommt einfach zu spät“
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Frau Schaefer, politisch ist das Hochhaus am Vegesacker Hafen beschlossene Sache. Die Proteste von Bürgern und Institutionen aus dem Stadtteil werden aber immer mehr. Können Sie das nachvollziehen?

Maike Schaefer: Ich bin verwundert über den Zeitpunkt. Das ganze Projekt ist ja in den Medien immer wieder vorgestellt worden und auch das Thema Hochhaus. Vor einem Jahr hätte ich die Proteste sehr gut nachempfinden können, als es auch schon darum ging, dass an dieser Stelle ein Hochhaus realisiert werden soll. Jetzt, wo alles quasi durch die Gremien gelaufen ist, kommt der Protest einfach zu spät, weil die Beschlüsse gefällt worden sind.

Wann wäre der richtige Zeitpunkt gewesen?

Es ist eigentlich immer gut, wenn Proteste dann anlaufen, bevor man endgültige Beschlüsse gefasst hat. Dann kann man noch etwas ändern.

Das ist nun nicht mehr möglich?

Das, was im Vorfeld an uns herangetragen wurde, zum Beispiel durch den Landesdenkmalpfleger, haben wir noch in die Planung einfließen lassen. Es gehört auch zur Wahrheit dazu, dass er lieber sieben Etagen gehabt hätte, anstatt neun. Mit den neun Etagen sind wir den Kritikern schon entgegengekommen, denn der ursprüngliche Entwurf hat elf Etagen vorgesehen. Als ich noch in anderer Funktion war, nicht als Senatorin, hätte ich mir damals sieben Etagen auch gut vorstellen können. Der Beirat hatte damals schon elf Etagen beschlossen. Jetzt sind es am Ende im Kompromiss neun geworden, weil wir das Ganze auch realisieren wollen. Der Vorwurf war, das Hochhaus dominiert den alten Speicher. Jetzt ist es gedreht, damit es mit der schlanken Seite zum alten Speicher zeigt. Damit haben wir den Bedenken des Landesdenkmalpflegers Rechnung getragen. Jetzt geht das Verfahren in die nächsten Schritte. Ich glaube, dass es schwierig wird, die Anzahl der Etagen noch mal weiter zu reduzieren. Damit würde einhergehen, dass sich entweder der Wohnraum reduziert oder aber die Fläche für Kita, Polizei, Hotel, Kultureinrichtungen, Restaurants oder Geschäfte, die ebenfalls dort entstehen. Ich habe bisher verstanden, dass der Beirat aber auch die Deputation genau diesen Mix und auch in dieser Anzahl für richtig halten. Die Proteste kommen im Moment von Claus Jäger vom Schulschiff-Verein und vom Museumshaven. Ich werde mich gerne mit den Vereinen und der Bürgerinitiative treffen und höre mir das alles auch an.

Die Bedenkenträger sagen, ein Hochhaus würde den Ort dominieren und die Kulturdenkmäler „Schulschiff Deutschland“, Alter Speicher und Vegesacker Hafen in den Hintergrund rücken. Wie sehen Sie das?

Wenn man sich die alte Architektur anguckt, nämlich das Haven Höövt mit der Glasbrücke, so wie es vorher existierte, ist das, was jetzt neu entsteht etwas, was dem maritimen Charakter deutlich, deutlich mehr entspricht. Das alte Haven Höövt mit dem gläsernen Turm vorne dran war irgendeine Architektur, aber nichts Maritimes. Das, was jetzt entsteht, ist in Anlehnung an alte Speicher, an maritimes Flair und kommt dem Museumshaven und im Übrigen auch dem Schulschiff deutlich mehr zugute als das, was es bisher dort gab. Das Schulschiff ist jetzt auch nicht frei einsehbar. Vom Wasser vielleicht. Aber sonst ist es von einem Steakhouse verdeckt und früher zusätzlich durch die gläserne Brücke. Wenn man sich andere Hafengebiete anguckt, dann ist es sogar üblich, dass dort traditionell höhere Bauten stehen, zum Beispiel Getreidesilos. Das Hochhaus mit Pultdach wird so hoch sein, wie das Blaue Haus am Bahnhofsvorplatz. Das entspricht also einer bereits vorhandenen Gebäudehöhe und stört obendrein den maritimen Charakter des Gesamtensembles nicht.

Wie stehen Sie zu einer möglichen Verlegung des Schulschiffes?

Die Aussage von Herrn Jäger, mit dem Schulschiff gegebenenfalls nach Bremerhaven ausweichen zu müssen, finde ich irritierend. Wenn man sich Bremerhaven anguckt: Das eine Hafenbecken, in dem die „Seute Deern“ lag, befindet sich vor einem großen Hochhaus, nämlich dem Columbus-Center. Das andere ist das Sail-City mit einer Höhe von 147 Metern. Oder es liegt vor dem Time-Port, das sind Würfel, quadratisch, praktisch gut, wo die Kogge liegt. Das hat auch kein wirkliches maritimes Flair. Mir ist es wichtig, dass das Schulschiff in Vegesack bleibt, aber ich sehe auch, dass sich die Rahmenbedingungen für das Schulschiff durch die maritime Architektur, die jetzt angedacht ist, deutlich verbessern. Die Umgebung ist dann deutlich maritimer, als sie es in Bremerhaven wäre.

Ein zentrales Thema bei den Protesten ist auch der städtebauliche Wettbewerb, der nach Ansicht der Kritiker eine Viergeschossigkeit, punktuell fünf vorgesehen habe, aber keine neun Stockwerke.

Dieser Wettbewerb war städtebaulich gut, weil man dadurch diese maritime Architektur herausstellen konnte. Ein Wettbewerb ist aber kein starrer Beschluss, sondern es ist eine Vorgabe, an der sich orientiert werden soll. Und da kann natürlich nach einem Wettbewerb noch immer etwas geändert werden. Ich halte Wettbewerbe für sehr wichtig, ich halte auch die Ergebnisse für sehr wichtig, aber wenn dann weitere Ansprüche formuliert werden, wie etwa, wir wollen da eine Kita und ein Polizeigebäude unterbringen, dann ist das etwas, was sich im Laufe des weiteren Verfahrens natürlich auch auf die anderen Baukörper mit auswirken kann.

Gibt es jetzt noch die Möglichkeit, die Proteste in der politischen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen?

Es gehört zu einer Demokratie, dass die gewählten Vertreterinnen und Vertreter, nach einem langen Abwägungsprozess zu einem Entschluss kommen. Jetzt mag dieser Beschluss nicht allen gefallen, aber es ist ein zutiefst demokratischer Prozess gewesen, in dem auch die kritischen Anmerkungen in öffentlichen Sitzungen gehört und teilweise sogar berücksichtigt worden sind. Am Ende eines demokratischen Prozesses ist es dann so, dass eine Entscheidung fällt. Und das ist nun mit dem Beschluss von Beirat und Deputation der Fall.

Also bleibt es nun bei den neun Geschossen?

Es gehört auch zur politischen Verlässlichkeit dazu, diese Beschlüsse umzusetzen und nicht immer und immer wieder infrage zu stellen. Und ich habe nichts anderes aus der Deputation oder vom Beirat gehört. Beide haben sich sehr klar noch mal positioniert. Der Beirat hat sich sehr klar mit seinem Beschluss hinter diese Entwürfe gestellt, nachdem dieser in der Deputation behandelt worden war. Insofern gehe ich davon aus, dass man im weiteren Prozess an Kleinigkeiten noch etwas ändern kann, aber an der Geschosshöhe sehe ich im Moment keine politischen Signale, dass daran noch mal gedreht werden soll.

Das Interview führte Aljoscha-Marcello Dohme.

Info

Zur Person

Maike Schaefer

ist seit August 2019 Bremer Bausenatorin. Zuvor war sie Fraktionsvorsitzende der Grünen im kleinsten Bundesland. Schaefer lebt in Vegesack.

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