Fünfte Vegesacker Kohlparty

Kassler, Kohl und Kultschlager

Der Andrang bei der Vegesacker Kohlparty ist so groß, dass manche Besucher vertröstet werden müssen – obwohl das Cateringteam hinterm Tresen im Akkord arbeitet.
02.02.2020, 16:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexander Bösch

Vegesack. „Mit anderen gemeinsam zu essen, ist so schön“, sagt eine Frau, blickt vergnügt in die Runde – und dann auf ihren Teller. Wenn Fremde und Freunde wie selbstverständlich nebeneinander auf Zeltbänken sitzen und sich ihrer Portion Kohl und Pinkel hingeben, feiert Vegesack quasi die fünfte Jahreszeit. Zumindest seit 2016. Zum fünften Mal luden das Vegesack Marketing, Händler und die Fleischerei Dohrmann zur Kohlparty ins Festzelt an der Gerhard-Rohlfs-Straße.

In dem Pagodenzelt auf der Ellipse herrscht zeitweilig ein solcher Andrang, dass die Gäste mitunter vertröstet werden müssen. „Haben Sie vielleicht noch etwas zu erledigen und könnten vielleicht in einer halben Stunde wiederkommen?“ Das ältere Ehepaar nimmt den Ratschlag des Cateringteams hinterm Tresen gelassen hin. Die beiden sagen, dass sie jedes Jahr zur Vegesacker Kohlparty kommen.

In dem weißen Festzelt ist es gegen 14 Uhr rappelvoll. 7,50 Euro kostet die Portion, zwei Euro ein kleines Glas Bier. „Da kann man nicht meckern“, sagt Inge Hobbelmann aus Schwanewede. Mit ihrem Mann ist sie extra ein wenig später gekommen. „Das ist für uns Mittag- und Abendessen zugleich“, verrät Harald Hobbelmann und outet sich als passionierter Fan der Pinkelwurst: „Ich habe gefragt, ob ich ein bisschen mehr Speck und Pinkel und dafür weniger Kassler bekommen kann." Wenn seine Frau das vitaminreiche Traditionsgericht zubereite, werde drei Tage lang nichts anderes gegessen.

Unterdessen nehmen Herbert Dohrmann und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine weitere Lieferung aus einem Transporter der Fleischereifiliale an der Landrat Christians-Straße entgegen. Dort wird für den notwendigen Nachschub gesorgt. Immer wieder treffen Rollwagen ein und werden leere Metallschalen durch volle ersetzt.

„Es ging schon kurz nach zehn los, um die Mittagszeit war alles voll“, sagt Herbert Dohrmann. Mit Blick auf den verwendeten Grünkohl vertraut der Landesinnungsmeister und Präsident des Deutschen Fleischerverbands auf die Qualität des Fruchthauses Hulsberg vom Bremer Großmarkt. Für alles andere – Kassler, Bauchfleisch, Kochwurst und Pinkel nach einem wohlgehüteten Rezept – ist die Fleischerei zuständig.

Angesagten Trends wie Grünkohlsmoothies kann Dohrmann wenig abgewinnen. „Jeder soll nach seiner Fa­çon glücklich werden. Aber mit der norddeutschen Tradition, wie sie seit 400 Jahren besteht, kann ich mehr anfangen“, meint er. Während die Schweine- und Rinderhälften am Grohner Standort des Betriebs verarbeitet werden, ist in Blumenthal das Küchengeschäft beheimatet. Von den 70 Mitarbeitern der beiden Filialen sind während der Kohlparty laut Dohrmann „mindestens 69 am Start“.

Claudia Daher organisiert den Cateringbereich und sorgt mit ihrem Team dafür, dass die Portionen – in diesen Jahr sind es nicht 1000, sondern 1500 – sofort auf den Teller kommen. Dass für den gemütlichen Verzehr des deftigen Kohl- und Pinkelgerichts klirrende Kälte grundsätzlich von Vorteil wäre, kann Dohrmann nicht bestätigen. „Es läuft eigentlich noch besser, wenn es draußen etwas wärmer ist, dann ist die Verweildauer länger“. Ob Grünkohl erst nach dem ersten Nachtfrost so richtig aromatisch schmecke, wie oft behauptet wird, daran hat Dohrmann seine Zweifel: „Der geht sowieso durch den Froster – und die Bitterstoffe sind meist schon herausgezüchtet.“

Derweil sorgt das Edan-Jope-Duo mit Kultschlagern und Rockklassikern von Elvis bis Westernhagen für gute Laune. „Musik für die reifere Generation“, steht auf einem Werbebanner. Als einige Vertreter der nicht ganz so reifen Generation mit einem Bollerwagen samt eingebauten Lautsprechern vor dem Festzelt Halt machen, hat das Duo zu kämpfen. Gegen die wummernden Bässe kann Sänger Peter Bagsik mit seiner Interpretation der „Motorbiene“ kaum ansingen. Eine knappe Stunde ist es durch die doppelte Musikbeschallung laut wie auf einer Kirmes.

Birgit Rolf und ihre Freunde haben sichtlich Spaß daran. Einen Tipp für ein humoriges Spiel für eine Kohl- und Pinkelfahrt hat ihre Freundin Susanne Grassoldt auch auf Lager. „An einem Band, das man sich um die Taille bindet, hängt man einen Löffel. Auf dem Boden steht dann eine Flasche – und der Löffelstiel muss in den Flaschenhals rein. Das bringt richtig Stimmung“, meint die Vegesackerin.

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