"Loretta" in Vegesack Nachbarn lehnen Rampe eines Rollstuhlfahrers ab

Hermann Krauß hat das heutige "Loretta am Hafen" vor der Abrissbirne bewahrt und gekauft. Jetzt ist er Rollstuhlfahrer und benötigt eine Rampe. Die Nachbarn haben Bedenken und blockieren den Bau.
13.07.2018, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Imke Molkewehrum

Grellgelbe und rosafarbene Markierungen auf einem Grundstück in der Alten Hafenstraße zeugen von Zoff zwischen Nachbarn. Seit Monaten befehden sich die Eigentümer des Gebäudes mit der Hausnummer 28 / 29 und die "Dorle Herrmann Wohnungsverwaltung", die insgesamt 14 Eigentümer des Mehrfamilienhauses in der Nummer 27 vertritt. Mittlerweile sind die Fronten verhärtet. Zankapfel ist eine Rollstuhlrampe, die über ein gemeinsames Flurstück zwischen den beiden Gebäuden führen soll.

Der Hintergrund: Im Mai hat das rundum renovierte Restaurant „Loretta am Hafen“ seine Pforten geöffnet. Geschäftsführer ist Sven-Marcus Krauß, dessen rollstuhlabhängiger Schwiegervater Hermann Krauß das historische Gebäude einst vor dem Abriss bewahrt, gekauft und restauriert hat. Inzwischen leidet der 80-Jährige an Muskelschwund und kann sein eigenes Haus nicht mehr betreten. Die fünf Treppenstufen, die vom Kito-Vorplatz in das denkmalgeschützte Gebäude führen, sind für ihn ein unüberwindbares Hindernis.

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Die Lösung wäre eine behindertengerechte Rampe mit einer maximalen Steigung von sechs Prozent. „Wir haben das alles mit dem Bauamt durchexerziert“, sagt Hermann Krauß und betont: "Die eleganteste Lösung wäre ein behindertengerechter Zugang über das Gebäude, in dem sich früher die Heißmangel befand und heute die Restaurantküche liegt.“ Bei der Planung stellte sich aber heraus, dass der betreffende Grünstreifen zwischen seinem Haus und dem Wohnblock zwar mittig geteilt ist, aber nur mit Zustimmung der jeweils anderen Partei verändert werden darf. Die Rampe für Hermann Krauß und andere behinderte Restaurantbesucher könnte also nur errichtet werden, wenn auch die Hausverwaltung des Nebengebäudes grünes Licht gibt.

Schreiben vom Anwalt für den Bedürftigen

„Wir haben dann einen Vermesser bestellt, der die Daten der Flurkarte im Beisein beider Parteien mit dem Grundstück abgeglichen hat“, erzählt Sven-Marcus Krauß und zeigt den Zickzack-Kurs, der den Grenzverlauf markiert. "Herausgekommen ist, dass der Nachbar unser Grundstück einen halben Meter überbaut hatte." Der betreffende Gehweg sei später ohne jede Rücksprache verlegt worden, so Sven-Marcus Krauß und schimpft: „Das ist doch wie im Kindergarten. Sein Schwiegervater ergänzt: „Uns hätte es nicht gestört, wenn die Platten dortgeblieben wären. Wir wollen schließlich die Rampe bauen. Und eine Hand wäscht die andere.“

Der Versuch, sich mit der Hausverwaltung am runden Tisch zu einigen, sei jedoch gescheitert. „Stattdessen kam gleich ein Schreiben des Anwalts. Die Gegenseite forderte darin auch die Garantie, dass die Rampe nur von meinem Schwiegervater genutzt wird“, so der Gastronom. „Aber das ist doch absurd, schon weil hier im Umfeld viele Rollstuhlfahren leben.“ Es sei doch blödsinnig, viel Geld für Grundbucheinträge auszugeben, um die Rampennutzung dem Schwiegervater vorzubehalten, Publikumsverkehr im gemeinsamen Flurstück zu verbieten und Warenanlieferungen auszuschließen.

Tatsächlich gebe es seitens der Eigentümergemeinschaft nämlich die Befürchtung, die Waren für das Restaurant könnten über die Rampe ins Haus transportiert werden. „Aber auch das ist abwegig, weil es eine Tür zur Hafenstraße gibt. Hier findet die Zulieferung statt“, erklärt Sven-Marcus Krauß. Und die Bierklappe befinde sich an der Ecke Alte Hafenstraße / Kito-Platz. Verworfen worden sei indes die Idee, Mülltonnen auf das Grundstück zu stellen. „Da ist die Architektin schon zurückgerudert.“

Die Situation ist ziemlich verfahren

Trotz der angespannten Lage hat die Familie aber im Winter mit dem Bau einer Rampe angefangen. Einige senkrecht stehende Platten markieren den Verlauf von der rechten Hausseite bis zum Eingang an der Rückseite. Das sei natürlich eine gewisse Provokation, räumt der Gastwirt ein. „Aber das hat sich aufgeschaukelt.“

„Wir haben im Restaurant jetzt eine behindertengerechte Toilette, aber keinen Zugang zum Haus“, ärgert sich der Restaurant-Geschäftsführer und zeigt auf ein Kabelbündel für einen automatischen Türdrücker, das aus der Wand ragt. „Die einzige Lösung ist ein gemeinsames Gespräch“, findet er.

"Im Moment ist alles ziemlich verfahren“, bedauert auch Hermann Krauß. „Dabei ist die Behindertenrampe doch etwas Gutes.“ Theoretisch bestehe zwar die Option, eine lange Rampe hinter dem Haus anzulegen. Aber die wäre wegen des erheblich größeren Höhenunterschiedes, der zu überwinden sei, mit rund 40 000 Euro sehr teuer und befände sich gegebenenfalls auch auf öffentlichem Raum.

„Die kleinere Rampe könnte in zwei Tagen fertig sein und kostet etwa 5000 Euro“, ergänzt die 76-jährige Elke Krauß, die ihrem Mann sehr wünscht, dass er bald ohne Hilfe in das eigene, nun frisch renovierte Gebäude fahren kann. „Schließlich liegt ihm dieses Haus extrem am Herzen.“ Möglich wäre es dann auch, die Gartenanlage gemeinsam mit Nachbarn schön zu gestalten. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, kommentiert Hermann Krauß.

Mit der Rampe ist der Streit eskaliert

Er war früher Syndikus der Handelskammer und erfuhr daher damals von den Plänen, die maroden, aber traditionsreichen Gemäuer an der Alten Hafenstraße dem Erdboden gleich zu machen. „Ich habe den Verantwortlichen damals gesagt: Wenn ihr das Kito abreißt, könnt ihr Vegesack gleich komplett in die Weser schieben.“ Dank seiner Intervention wurden schließlich tatsächlich einige Gebäude vor der Abrissbirne bewahrt, und das Ehepaar kaufte Anfang der 80er-Jahre zunächst das renovierungsbedürftige Haus Nummer 29 und später noch die Hausnummer 28. "Das war ein echtes Abenteuer", betont Elke Krauß.

Um den Grünstreifen habe sich damals niemand geschert. „Erst mit der Rampe ist der Streit aufgekommen und eskaliert“, sagt Hermann Krauß und betont: „Die Nachbarn haben die Idylle, in der sie hier heute leben, meiner Politik für den Stadtteil zu verdanken.“ Gern würde er ihnen auch das neue Loretta zeigen. „Die können gern rüberkommen und sich das angucken. Wir hoffen auf die Einsicht der Nummer 27 und auf eine gute Nachbarschaft, wo niemand dem anderen das Leben schwer macht.“

Diese Hoffnung hegt auch der der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück: "Das Ziel kann ja nur sein, dass der Zugang barrierefrei ist." Bei Gemeinschaftseigentum gebe es eine Duldungspflicht, sofern die Rampe zumutbar sei. Fakt sei, dass das Amt für Straßen und Verkehr (ASV) sehr ungern Platz im öffentlichen Raum zur Verfügung stelle, sofern auf privatem Grund gebaut werden könne, so der Experte und nennt einen Grund: "Für die Überwindung eines Höhenunterschiedes von 36 Zentimetern muss eine Rampe sechs Meter lang sein."

Dass über die Rampe keine Anlieferung stattfinden solle, sei nachvollziehbar und lasse sich durchaus regeln. Aber die Forderung, dass eine Zuwegung nur von Hermann Krauß genutzt werden dürfe, sei "gegenüber potenziellen Besuchern mit Rollatoren oder Rollstühlen diskriminierend und behindertenfeindlich", betont der Jurist. "Ich würde den Parteien eine Mediation empfehlen, um solche Fragen zu klären."

Heike Herrmann, Geschäftsführerin der "Dorle Herrmann Wohnungsverwaltung" war trotz mehrmaliger Nachfragen aufgrund der Urlaubszeit für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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