Fritz und Hermine Overbeck

Eine Künstlerehe in Briefen

Das Overbeck-Museum hat den Schriftwechsel zwischen Fritz und Hermine Overbeck in einem Buch veröffentlicht. Die Korrespondenz besteht aus mehr als 450 Briefen und Postkarten.
21.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Eine Künstlerehe in Briefen
Von Julia Ladebeck

Vegesack. Fritz Overbeck war um 1893 in die damals noch junge Künstlerkolonie Worpswede gekommen. Drei Jahre später lernte er dort die gleichaltrige Kunststudentin Hermine Rohte kennen. Sie wurde erst seine Schülerin, dann seine Verlobte und später seine Frau. Im Sommer 1896 beginnt ihre Korrespondenz, die aus mehr als 450 Briefen und Postkarten besteht und erst mit dem frühen Tod Fritz Overbecks 1909 endet. Diesen nahezu lückenlos erhaltenen Briefwechsel hat das Overbeck-Museum jetzt veröffentlicht.

Es ist ein dickes Buch geworden: „Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte – Der Briefwechsel“ hat nach Angaben von Herausgeberin und Museumsleiterin Katja Pourshirazi 824 Seiten und mehr als 100 Abbildungen. Ausführliche Anmerkungen erläutern die erwähnten Werke, Ausstellungen und Personen. „Vor allem aber sind viele der in den Briefen erwähnten Gemälde und Radierungen abgebildet, ebenso wie Fotografien aus dem Familienalbum der Overbecks“, so Pourshirazi.

Zahlreiche Faksimiles veranschaulichen, wie die Originalbriefe aussehen: die geschwungenen Handschriften der Künstler, die eingefügten Skizzen und Zeichnungen, den eilig noch an den Rand gekritzelten Nachsatz. „So werden die Zeitzeugnisse des Worpsweder Malerpaares lebendig.“

Die Museumsleiterin betont: „Dieses Buch ist ein Meilenstein unserer Forschungsarbeit.“ Jahrelange Vorarbeiten und akribische Recherchen seien eingeflossen. „Dass die Briefe nun erstmals vollständig und ungekürzt für jedermann zugänglich sind, ist ein großer Gewinn für die Forschung, aber auch für alle Leserinnen und Leser, die sich für Worpsweder Kunst interessieren und gern in die Lebenswelt um 1900 eintauchen möchten. Denn das Buch ist nicht nur informativ, es ist auch ein Lesegenuss.“

Wie sich die Beziehung von Fritz Overbeck und Hermine Rohte entwickelte, zeigt die Anrede, die beide benutzten. „Geehrtes Fräulein Rohte!“ – „Ihr ehrwürdiger Lehrer Fritz O.“: Mit höflichen Floskeln beginnt im Sommer 1896 ihr Briefwechsel. Die damals 27-jährige Hermine Rohte war damals als Kunststudentin nach Worpswede gereist, um Unterricht bei dem gleichaltrigen Maler zu nehmen. Sie wurde seine Schülerin. Nach nur drei Monaten wechselte die Anrede in ein inniges: „Mein lieber Schatz!“ Die Künstlerin und der Künstler hatten sich verlobt.

„Dass die beiden Maler einander überhaupt so viele Briefe schrieben, erzählt viel über ihr Leben: Über eine Zeit, in der Verlobte ein Jahr lang getrennt voneinander leben mussten, bevor sie heiraten durften, sodass in der Verlobungszeit Briefe ihre einzige Verbindung zueinander darstellten“, erläutert Pourshirazi. Auch über den Künstleralltag des Worpsweder Malers Fritz Overbeck, der auf Studienreisen nach neuen Anregungen für seine Bilder suchte, während seine Frau sich zu Hause um die Kinder kümmerte, erfährt der Leser viel. Ebenso über das Schicksal von Hermine Overbeck-Rohte, die sich lange in Sanatorien aufhalten musste, weil sie an Lungentuberkulose erkrankt war. Dadurch war sie von ihrem Mann und den beiden Kindern getrennt und konnte nur über Briefe Kontakt zu ihnen halten.

Pourshirazi: „Der Briefwechsel zeugt von der künstlerischen Arbeit, vom Gelingen und Scheitern, von Ausstellungserfolgen und Bildverkäufen.“ Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte diskutierten in den Briefen ihre Kunstauffassung, aber auch ihr Rollenverständnis: Kann eine verheiratete Frau überhaupt noch Malerin sein? Und was bedeutet das für den ehelichen Alltag um 1900? „Du traust mir nicht genug Talent zu“, beschwerte sich die junge Künstlerin bei ihrem Verlobten. Es folgte eine innige Liebeserklärung: „Schließlich ist es für mich auch genug als Lebensaufgabe, nur für Dich zu leben u. Dich glücklich zu machen, mein Liebster, Du!“

Ihre Liebe zueinander, Hochzeitsplanung und Wohnungseinrichtung, Kontakte zu Freunden und Familie, später die Sorge um die gemeinsamen Kinder und der Kauf eines neuen Hauses – durch die langen räumlichen Trennungen des Paares kommt in den Briefen vieles zur Sprache.

Als Hermine Overbeck-Rohte nach acht Monaten in einer Klinik in Davos endlich wieder zu Hause war, starb ihr Mann nur drei Tage nach ihrer Rückkehr, im Juni 1909, völlig unerwartet. Auf dem letzten Schreiben, das sie in Davos von ihm erhalten hatte, notierte sie später mit Bleistift: „Sein letzter Brief an mich.“

Gefördert wurde die Publikation vom Verein „Freunde des Overbeck-Museums“ und von der Ernst von Siemens Kunststiftung. Katja Pourshirazi zitiert Martin Hoernes, Generalsekretär der Stiftung, mit den Worten: „Mit der Edition der Briefe des Malerpaars Overbeck werden beide Künstler in ihrer ganzen künstlerischen und zwischenmenschlichen Dimension nachvollziehbar, ein wichtiger Schritt für das Museum, die Forschung und die Öffentlichkeit. Der gelungene Band beleuchtet den Worpsweder Künstlerkreis und bereichert die Zeitzeugnisse um diesen persönlichen und facettenreichen Briefwechsel.“

Info

Zur Sache

Hier gibt es das Buch

Das Buch „Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte – Der Briefwechsel“ ist im DCV-Verlag erschienen und kostet 38 Euro. Da das Overbeck-Museum aufgrund der Corona-Verordnungen derzeit geschlossen ist, kann das Buch telefonisch unter der Telefonnummer 04 21 / 66 36 65 oder per E-Mail an info@overbeck-museum.de bestellt werden und wird dann auf Rechnung zugeschickt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+