Spiele meines Lebens

Gänsehautmomente – damals wie heute

Alfred Hartz hat beim Handball, Tennis und Golf viel erreicht und viel erlebt
19.02.2021, 15:57
Lesedauer: 6 Min
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Von Jens Pillnick

Schönebeck. Wer Alfred Hartz jemals abseits der Sportstätte erlebt hat, der weiß, dass dieser Mann einiges zu erzählen hat. Kein Wunder, denn der heute 74-Jährige hatte nicht nur ein bewegtes Berufsleben als Kriminalbeamter, sondern war und ist gleich in drei Sportarten ein Könner seines Faches und viel umher gekommen. Als Handballer spielte er mit dem Polizei Sportverein um den Bundesliga-Aufstieg, beim Tennis reiste er als Jungsenior und Senior hochklassig spielend durch Norddeutschland und beim Golf wurde er Clubmeister.

Das schreit förmlich nach einer Ausnahme in unserer Serie, die den Titel „Spiel meines Lebens“ trägt. Alfred Hartz durfte drei Spiele seines Lebens vorstellen, aus jeder Sportart eins. Und dabei hat er nicht die vermeintlichen Klassiker gewählt: Kein Handballspiel in der Stadthalle vor 4000 Zuschauern als Spieler oder den Oberliga-Aufstieg mit den Damen des TSV St. Magnus als Trainer, keine 6:7, 6:7-Niederlage nach jeweiliger 5:1-Führung bei den Tennis-Verbandsmeisterschaften und auch nicht einen seiner zahlreich Turniersiege beim Golf. Nein, Alfred Hartz hat sich Momente ausgesucht, in denen das besondere Miteinander eine Rolle gespielt hat. Momente, die im Gespräch im Eigenheim des Ehepaares Hartz in Schönebeck noch heute emotional berühren. „Ich krieg' schon wieder eine Gänsehaut“, streicht sich Alfred Hartz mit der rechten Hand über den linken Arm.

Auf nach West-Berlin

Zunächst blickt Alfred Hartz zurück in das Jahr 1968. Als 21-Jähriger befand er sich im dritten Ausbildungsjahr bei der Bereitschaftspolizei und spielte Handball beim Polizei Sportverein. Und eben jener Polizei SV bildete das Fundament der Bremer Polizei-Auswahl, die mit einem Sieg gegen Schleswig-Holstein für eine Überraschung sorgte und die Endrunde der deutschen Polizei-Meisterschaft in Berlin erreichte. Die Fahrt zu dieser Endrunde war der Einstieg in ein Erlebnis der besonderen Art. Per Kolonne machten sich die Bremer Handballer in privaten Fahrzeugen auf den Weg nach West-Berlin, Alfred Hartz hatte zwei Auszubildende im zweiten Lehrjahr mit an Bord und mit ihnen – entgegen seiner Kenntnis – auch entsprechendes Ausbildungsmaterial, schließlich stand für seine beiden Mitfahrer eine Zwischenprüfung vor der Tür.

Ausbildungsmaterial, das die DDR-Grenzer beim Blick in den Kofferraum erspähten und das zu einem Satz führte, den niemand aus der Bundesrepublik bei der Kontrolle hören wollte: Fahren Sie mal rechts an die Seite. Sogleich wurde der Wagen auf den Kopf gestellt. Wenig später wünschten die Grenzer den Polizeischülern viel Erfolg bei den Polizei-Meisterschaften. Alfred Hartz: „Keiner hatten ihnen gesagt, dass wir dorthin fahren.“ Bei der Weiterfahrt mit den sieben, acht Fahrzeugen winkten den Bremern plötzlich Leute am Wegesrand zu. Es stellte sich heraus, dass sich die Bremer auf dem Weg Richtung Leipzig anstatt West-Berlin befanden. „Wir haben auf der Autobahn gewendet“, schmuzelt Alfred Hartz über ein Manöver, das die Autos über einen Grünstreifen führte.

Der weitere Verlauf war reibungslos, jetzt konnte auch Handball gespielt werden. Feldhandball wohl gemerkt. Und die Bremer überraschten weiter. Mit einer Niederlage gegen Hessen und einem Unentschieden gegen Saarland zogen sie als Gruppenzweiter ins Halbfinale ein. Als Halbfinalverlierer (gegen den Bundesgrenzschutz) trafen sie im Spiel um Platz drei erneut auf Hessen und nahmen Revanche. Dieses 15:13 war für den Abwehrspieler Hartz das „Spiel meines Lebens“ im Bereich Handball, denn dieser Sieg hatte ein emotionales Nachspiel: „Wenn ich an die Medaillenvergabe und das Spielen der Nationalhymne denke, kriege ich noch heute eine Gänsehaut.“ Die Urkunde und die Medaillen zieren neben unzähligen Pokalen das Arbeitszimmer des Pensionärs. Mit den Medaillen gingen die Polizeischüler bei der Rückreise besonders sorgsam um. „Die haben wir versteckt, aus Angst davor, dass man sie uns abnimmt“, erinnert sich Alfred Hartz.

Der Borg-Trainer gratuliert

Nach gut 20 Jahren Handball begann für Alfred Hartz ein neues Sportkapitel – Tennis. Ehrgeiz, Talent und die Unterstützung des ehemaligen Verbandstrainers Hans-Jürgen Meyer sorgten dafür, dass Hartz das Spiel mit dem kleineren Ball ebenfalls schnell beherrschte. Eine willkommene Abwechslung zu den Punktspielen und Verbandsmeisterschaften waren stets Turniere, die Hartz gerne als Saisonvorbereitung in wärmeren Regionen bestritt. Mehrmals erreichte er so auch das Robinson-Endturnier. Doch der besondere Moment – und damit das „Spiel meines Lebens“ im Tennis – war der Sieg im Club Aldiana auf dem tunesischen Festland, der ihm 1995 in seiner Altersklasse gelang. Angelockt von den Trainingsformen und den guten Trainern des Veranstalters ever-court hatte sich Alfred Hartz mit einem Freund nach Nordafrika begeben, um seinen Horizont als Trainer zu erweitern und sich beim Turnier Wettkampfpraxis für die anstehende Sommersaison zu holen.

Die fünf Spiele bis zum Turniersieg erwiesen sich als sportlich nicht allzu große Herausforderung, den Druck vor dem Finale machte sich Alfred Hartz selbst. Denn Hartz wollte bei der Siegerehrung unbedingt den Pokal aus der Hand von Lennart Bergelin überreicht bekommen. Von jenem Bergelin, der eine Trainer-Legende ist und Björn Borg bei elf Grand-Slam-Siegen betreute. Hartz: „Ich wusste, dass der die Siegerehrung machen würde und dachte mir: Das Spiel muss du gewinnen. Wann kriegst du wieder die Gelegenheit, einem solchen Menschen zu begegnen.“ Der Endspielsieg erfüllte die sportlichen Erwartungen, und auch die Erwartungen an die Begegnung mit Bergelin. „Nett, freundlich, entgegenkommend“, so hat Hartz den ehemaligen Borg-Trainer und schwedischen Davis-Cup-Kapitän wahrgenommen. Und das, was Bergelin seinerzeit im Club Aldina als Trainer gezeigt hat, hat Alfred Hartz auch beeindruckt: „Der war 72. Ich hätte es nicht vor möglich gehalten, wie der noch Training gegeben hat.“

Einige Jahre später wurden die Bälle, mit denen Alfred Hartz „jonglierte“, noch etwas kleiner. Bis in die Dämmerung übte er auf der Driving Range und den Putting Greens. Der Golf-Virus hatte ihn infiziert. Notgedrungen, wenn man so will. Die orthopädische Diagnose lautete Arthrose im Knöchel, ein niederschmetterndes Urteil für den Laufsport Tennis. Mit Fleiß, Ehrgeiz und Talent schaffte er geradezu Unglaubliches. Im Februar 1999 angefangen, wurde er im Herbst zum „Player of the year“ gekürt. Ein Jahr später hieß der Clubmeister, der sein Handicap später bis auf 5,6 verbesserte, Alfred Hartz. Und dieses Spiel, das zur Clubmeisterschaft führte, ist für Alfred Hartz das „Spiel meines Lebens“ im Bereich Golf.

Beim Titelkampf spielten die drei bis dahin Bestplatzierten die letzte Runde des Turniers. Neben Derrick Lyme und Josef Jöbstle überraschend auch Alfred Hartz, der punktgleich mit Lyme vorne lag. Lyme, mit dem damaligen Golfplatzbetreiber Edmund „Eddie“ Kranz befreundet, war der Favorit. Und stand offenbar unter Druck. „Der hatte Angst, weil Eddie Kranz immer mal wieder vorbeigeguckt hat. Er hat mit zittriger Hand geteet, und der erste Abschlag war auch nicht besonders“, registrierte Hartz, der von Kranz nur „Commissario“ genannt wurde, eine Verunsicherung.

Adrenalinschub an Loch 12

An Loch 12 angekommen, hatte Alfred Hartz zwei, drei Schläge Vorsprung. Dann gab es Stress. In den Abschlag hinein tauchte ein Ehepaar auf der Bahn auf – und Hartz verzog. Der Ball landete irgendwo im hohen Gras, im Rough. Während Jöbstl laut Hartz sofort einen Wiederholungsschlag anbot, hätte Lyme auf die Wertung des Schlages bestanden. Lyme fand den Ball, Hartz musste aus ungünstiger Lage weiterspielen. „Ich habe mich aufgeregt und einen Adrenalinschub bekommen“, erklärt Hartz das, was weniger später geschah. Mit voller Wucht und vollem Risiko hätte er den 120 Meter vom Loch entfernt liegenden Ball aus dem Rough gedroschen. Und wo landete der Ball? „Ungefähr einen Meter am Loch. Ich habe dann einen Birdie gespielt. Für Derrick Lyme war das fast das Ende“, beschreibt Hartz diese emotional brutalen Minuten.

Danach wäre es zwar immer noch eng gewesen, aber am Ende hatte Hartz mit 71 Schlägen vor Lyme mit 73 die Nase vorn. „Es war für mich undenkbar gewesen, nach so kurzer Zeit des Golfspielens die Clubmeisterschaft zu gewinnen“, blickt Hartz zurück und denkt dabei auch an den Moment, in dem er den Pokal in den Händen hielt. Einen Pokal, der mit einem wertvollen Inhalt versehen wurde. Denn Alfred Hartz hatte sich von Eddie Kranz dazu drängen lassen, ihn mit Champagner zum Freundschaftspreis füllen zu lassen. Bei der Begleichung der Rechnung stellte sich heraus, dass er für die prickelnde Füllung einige 50-Mark-Scheine hinblättern musste. Hartz lächelnd: „Mit einer Runde Bier wäre ich günstiger weggekommen.“

Mittlerweile hat sich Alfred Hartz vom Wettkampfsport im Golf zurückgezogen und spielt „nur noch just for fun“. Zumeist in einem Flight mit seinen Golffreunden Heiko, Herbert und Heiner, in dem viel geflachst wird und der den Namen „Flight Harmonie“ trägt. Außerdem leitet er sonnabends das Schnuppergolfen im Bremer Golfclub Lesmona, bei dem er den Appetit auf diese Sportart weckt, und organisiert jährlich für zwei Gruppen einen Golfurlaub in Timmendorfer Strand. Dem Tennissport ist er aktiv in soweit verbunden, dass er beim TV Grohn noch etwas Training gibt.

Weitere Informationen

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer Serie „Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

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