Streit um Stadttauben Tauben erregen Gemüter in Vegesack

Der Vegesacker Ingo Schiphorst fordert, die „vorsätzliche und fahrlässige Fütterung“ von Tauben zu verbieten. Er hat einen Bürgerantrag an den Vegesacker Beirat gestellt.
05.09.2019, 18:02
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Von Klaus Grunewald

Tauben füttern – ja oder nein? Über diese Frage ist in Vegesack ein heftiger Meinungsstreit ausgebrochen. Während der Vorsitzende des Delmenhorster Stadttauben-Vereins, Henning Suhrkamp, die Tiere regelmäßig auf dem Bahnhofsplatz mit Nahrung versorgt, fordert der Vegesacker Ingo Schiphorst, die „vorsätzliche und fahrlässige Fütterung“ zu verbieten. Er hat während der jüngsten Sitzung des Vegesacker Beirats einen entsprechenden Bürgerantrag eingereicht.

Wie berichtet, verstreut Suhrkamp auf dem Bahnhofsplatz Erbsen, Mais und Weizen, weil die Tauben großen Hunger leiden würden. Stadttauben sind Nachkommen von Brief- und Haustauben, die der Mensch gezüchtet hat. Im Gegensatz zu ihren wilden Namensvettern ist ihnen dabei die Fähigkeit abhanden gekommen, selbstständig nach Nahrung zu suchen. Die Folge: Sie halten nur im Umfeld ihres Geburtsortes nach Futter Ausschau.

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Doch für die Tierliebe des Delmenhorsters und seine Fütterungsaktionen am Vegesacker Bahnhof haben manche Bürger offenkundig kein Verständnis, wie der Antrag von Schiphorst deutlich macht. Er bezeichnet den Delmenhorster als radikalen Stadttaubenschützer und klagt: „Seit Jahren konnte die Taubenfütterung in Vegesack nicht verhindert werden, weil sie von offenkundig beschränkt einsichtsfähigen Menschen durchgeführt wurde.“

Schiphorst ist vor allem eine Taubenpopulation in der Gerhard-Rohlfs-Straße ein Dorn im Auge, die sich innerhalb eines Jahres stark vergrößert habe, die Umgebung verdrecke und keine Scheu habe, Passanten direkt anzufliegen. Und mit Blick auf die Außengastronomie in der Fußgängerzone verweist der Vegesacker auf die Verbreitung von gesundheitgefährdenden Keimen und Parasiten durch Gefieder- und Kot-Staub. Stadttauben, unterstreicht Schiphorst, seien Schädlinge im Sinne des Tierschutzgesetzes und dürften grundsätzlich bekämpft werden. Das sei durch eine obergerichtliche Rechtsprechung abgesichert.

Tauben nicht per se als Schädlinge einstufen

Dem widerspricht allerdings der Deutsche Tierschutzbund. Die Einstufung von Tauben als Schädlinge per se aufgrund von Gesundheitsgefahren für Menschen verbiete sich, sagt der Fachreferent für Tierschutzrecht beim Deutschen Tierschutzbund, Martin Wilmsen. Er verweist auf ein Urteil des Landgerichts Osnabrück vom 20. März 2018, mit dem einem Schädlingsbekämpfungsunternehmen die Werbung bestimmter Aussagen untersagt werde.

Die von Tauben ausgehenden Gesundheitsgefahren sind nach den Worten von Martin Wilmsen nicht größer als die durch Zier- und Wildvögel. Auch die Verdreckung und Schäden an Gebäuden rechtfertigten präventive Bekämpfungsmaßnahmen nicht. Tauben dürften nur im Einzelfall nach genauer Prüfung der Schäden bekämpft werden, wobei die mildesten Mittel einzusetzen seien und eine Umsiedlung der Tötung als letztes Mittel vorzuziehen sei. Der Tierschutzjurist: „Tauben sind letztlich als Lästlinge und nicht als Schädlinge einzustufen.“

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Dennoch verweist Ingo Schiphorst in seinem Bürgerantrag darauf, dass viele deutsche Städte die Fütterung der Stadttauben als Mittel zur Verringerung ihrer Zahl verboten hätten. Deshalb, so der Vegesacker, sei das vorsätzliche oder fahrlässige Füttern der Vögel oder das Auslegen von Futter- und Lebensmitteln im Stadtteil und gegebenenfalls darüber hinaus zu untersagen. Zuwiderhandlungen müssten als Ordnungswidrigkeit mit einem erheblichen Bußgeld belegt werden. Dafür solle sich der Vegesacker Beirat einsetzen.

Der Deutsche Tierschutzbund bezweifelt indes, dass Fütterungsverbote einen Rückgang der Taubenbestände bewirken und verweist auf entsprechende Erfahrungen in verschiedenen Städten der Republik. Deshalb sei auch aus Tierschutzsicht, so Martin Wilsmann, eine tierschutzgerechte Lösung des Problems zu fordern. Wilsmann spricht sich gegen den Entzug von überlebenswichtigem Futter für die Tauben aus. Dadurch setze man sie dem Verhungern aus. Stattdessen plädiert er für die Einführung des sogenannten Augsburger Modells auch in Vegesack.

Artgerechte Fütterung

Darunter sind betreute Taubenhäuser zu verstehen, mit deren Hilfe die Vögel artgerecht gefüttert werden und ihr Bestand kontrolliert reduziert wird, indem man die gelegten Eier entfernt oder gegen Imitate aus Gips oder Plastik austauscht.

In diesem Zusammenhang weist der Bremer Tierschutzverein auf ein Taubenparadies im Hamburger Hauptbahnhof hin. Dort wurde eine ehemalige Übernachtungsstätte für Zugbegleiter in eine Vollpension für Tauben umgebaut. Auf zwölf Quadratmetern Fläche mit Nistboxen und Hockhilfen lebten dort rund 150 Tauben von Kernen und Nüssen statt von Fast-Food-Überresten. Und das Konzept funktioniere, werde in den Wandelhallen sowie im Umfeld des Bahnhofs doch nur noch selten eine Taube gesichtet. Zudem plädiert auch der Bremer Tierschutzverein für die Einführung des Augsburger Modells. Betreute Taubenhäuser könnten auch auf Dächern oder in Parkhäusern entstehen.

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