Corona treibt Digitalisierung voran

Im Aufwind: Internet für Seniorenheime

Die rapide Digitalisierung veranlasst immer mehr Menschen, sich intensiv mit Computern und Internet zu befassen. Das gilt auch für Bewohner von Seniorenheimen. Das Interesse wächst langsam, aber stetig.
20.01.2021, 05:01
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Weltweit sind die Freiheiten der Menschen seit Monaten eingeschränkt. Kleine Fluchten sind da besser als nichts: Mal eben im Park einen Freund treffen oder wenigstens beim Einkaufen einen Klönschnack halten. Das beruhigt die Nerven. Körperlich eingeschränkte Menschen, vor allem also auch Senioren, sind dagegen vornehmlich auf das Telefon angewiesen. Manche nutzen auch Computer. Aber dafür benötigen sie die technischen Voraussetzungen. Wie sieht es damit eigentlich in den hiesigen Seniorenheimen aus?

Stefan Pawlowski ist Geschäftsführer der Firma „Bremer Kontor“, die für die Haustechnik der „Bremer Heimstiftung“ zuständig ist. In Bremen-Nord sind das fünf Standorte: Die Stiftungsdörfer Rönnebeck, Fichtenhof und Blumenkamp, die Stiftungsresidenz St. Ilsabeen sowie das Haus Vier Deichgrafen mit Servicewohnungen, in dem die Bewohner selbst für ihren Internetschluss verantwortlich sind.

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„Die anderen vier Häusern verfügen über flächendeckendes WLAN. Außerdem haben wir in der ersten Corona-Welle Tablets zur Verfügung gestellt, und Mitarbeiter haben die Bewohner vor Ort eingewiesen, damit sie mit Angehörigen skypen konnten“, erzählt Pawlowski. „Wir haben danach aber keine steigende Nachfrage festgestellt.“

Das bestätigt sein Kollege Hans-Peter Grots, der im Konzern für den Einkauf zuständig ist. „In den Einrichtungen der 'Bremer Heimstiftung' werden zentral jeweils ein bis zwei Internetarbeitsplätze angeboten. Und das reicht aus“, sagt der 57-Jährige. „Die nächste Generation wird aber andere Anforderungen haben. Darauf sind wir vorbereitet.“

Jens Bonkowski ist Bereichsleiter für die Seniorenheime des Sozialwerks der Freien Christengemeinde. „Wir haben 80 Bewohner, aber das WLAN nutzen nur einzelne, die auch die entsprechende technische Ausstattung, also Tablets oder PCs, haben“, erzählt er. Die Bewohner der Nordbremer Einrichtung „Heimstätte am Grambker See“ bekommen auf Wunsch einen eigenen Zugang im Zimmer. Derzeit sei der älteste Nutzer 93 Jahre alt.

„Man merkt, dass der Bedarf bei Jüngeren steigt“

Die Bewohner zahlen für das Internet eine Einrichtungsgebühr und bekommen dann über ihr Passwort einen eigenen Zugang jenseits des betrieblichen Netzwerkes, erklärt Bonkowski. Wer sich mit Computern nicht auskenne, müsse von Angehörigen geschult werden. Die Nachfrage sei aktuell aber nicht sehr groß, sagt der 50-jährige Bereichsleiter. „Es gibt nur wenige, die einen Bezug haben, aber man merkt, dass der Bedarf bei Jüngeren steigt.“

Zu Beginn des ersten Lockdowns hatte auch das Sozialwerk Tablets angeschafft. „Die Bewohner sollten ihre Angehörigen auch mal von Angesicht zu Angesicht sehen“, sagt Jens Bonkowski. „Das wurde anfänglich auch genutzt, viele Ältere haben dann aber auf das bewährte Telefon zurückgegriffen. Und jetzt, wo Besuche wieder möglich sind, ist das Interesse komplett weg.“ Dennoch werde in Erwägung gezogen - ähnlich wie in der benachbarten Tagespflege - einen zentralen PC-Arbeitsplatz einzurichten.

„Wir haben zwar WLAN im Haus, aber niemand hat einen eigenen PC“, sagt Monika Konietzko, Heimleiterin im Haus Becketal. Der Grund liegt auf der Hand: Im Haus leben fast nur demente Menschen. „Wir hatten noch nie eine entsprechende Anfrage, theoretisch könnte hier aber jeder ins Internet.“

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Aktuell leben 36 Männer und Frauen im Haus Becketal. Die älteste Bewohnerin ist 102 Jahre alt. Sie habe kein Interesse an Computern. Aber auch die anderen seien nicht imstande, einen PC zu bedienen. „Wir vereinbaren die Zeiten deshalb mit den Angehörigen und bringen dann ein Tablet in das jeweilige Zimmer. Wenn der das Gerät selber halten kann, gehen wir auch raus. Wir respektieren die Wünsche der Bewohner“, betont Konietzko und ergänzt: „Einer spricht mit seinen Angehörigen immer eine halbe Stunde.“

„Zu Beginn der Corona-Krise hat die diakonische Stiftung Friedehorst 20 Tablets angeschafft, damit Bewohner in Video-Chats mit ihren Angehörigen sprechen konnten“, erzählt Pressesprecherin Gabriele Nottelmann. „Aber die Tablets wurden uns nicht gerade aus der Hand gerissen.“ Bis dato sei die Internet-Affinität in Friedehorst eher verhalten, sagt die 47-Jährige. Das sei dem Umstand geschuldet, dass hier allein 80 Wachkoma-Patienten betreut werden. Hinzu kämen viele Schwerst-Demenzkranke, für die das Internet zwangsläufig kein Thema sei.

Bewohner, die noch eigenständig leben können, seien Mieter der stiftungseigenen Wohnungen und selbst für ihren Internetzugang zuständig. Dennoch sei es ein Anliegen, alle 52 Friedehorst-Gebäude sukzessive mit WLAN auszurüsten. Auch die Besucher hätten gern eine stabile Internetverbindung, so Nottelmann. „Das ist aber ein Riesen-Aufwand für die IT-Abteilung.“

Zentral zwei Geräte sind nicht ausreichend

Herbert Kubicek begleitet das Projekt "Digitalambulanzen des Senators für Finanzen". Gerade ist er auf dem Sprung zu einem Zoom-Vortrag der Bremischen Landesmedienanstalt. Das Thema „Ältere Menschen und Digitalisierung". Schon lange engagiert sich der emeritierte Informatik-Professor der Universität Bremen für die Unterstützung von Senioren im Umgang mit Smartphones und Tablets.

Es sei nicht ausreichend, den Menschen in den Heimen zentral zwei Geräte zur Verfügung zu stellen. Die Privatsphäre werde nicht gewährleistet, findet Kubicek. „Man möchte ja schließlich nicht belauscht werden.“ Wichtig sei, dass die Bewohner ihr eigenes Gerät problemlos anschließen könnten oder sogar eins vorfänden. Die Frage, ob ein PC, ein Tablet oder Smartphone geeigneter sei, hänge von den jeweiligen körperlichen Einschränkungen ab. Natürlich sei bei Sehbehinderungen das Vergrößern der Schrift sinnig, „andererseits spielt auch das Gewicht eine Rolle“, so Kubicek.

Vonnöten sei in den Seniorenheimen eine „Digitalambulanz“. Kubicek plädiert für digitale Sprechstunden, die möglichst mehrmals in der Woche stattfinden. „Viele Senioren sagen, dass sie sich gern ein Gerät anschaffen möchten, sich aber nicht trauen. Vor allem, wenn sie keine Enkel oder Kinder haben. Das Pflegepersonal ist damit aber überfordert. Die können sich unmöglich sowohl mit Apple als auch mit Android auskennen.“ Netz-Administratoren und Betreuer im Umgang mit den Geräten sind daher ein Anliegen des 75-Jährigen. „Und mit Sicherheit muss in den Seniorenheimen die Anzahl der Router erhöht werden.“

Mittelfristig werden sich die Seniorenheime auf eine neue Generation von Bewohnern einrichten müssen. Ein allseits nutzbares WLAN wird zum Qualitätskriterium für die potenziellen Bewohner. Ob Whatsapp, Skype, Spotify, Youtube, Parship oder Twitter: Computer gehören bald für alle Generationen zum Alltag – und das nicht nur wegen Corona.

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