Mein Verein: Vegesacker Turnverein

Oldenburger bringt das Boßeln mit

Der Vegesacker TV verfügt mit seinen 160 Jahren über eine große Tradition, sucht aber auch nach einem neuen Vorsitzenden
18.06.2021, 11:56
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Von Karsten Hollmann
Oldenburger bringt das Boßeln mit

Der Interimsvorsitzende des Vegesacker TV, Peter Kuleßa (links), und der ehemalige Vorsitzende Ralf K. Müller ziehen gemeinsam am Theraband.

CARMEN JASPERSEN

Bereits vor zehn Jahren feierte der Vegesacker TV seinen 150. Geburtstag. Zu den damaligen Gratulanten in der Festschrift zählte auch der frühere Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen, der voll des Lobes über den Verein war. „Vereine wie der Vegesacker Turnverein tragen viel dazu bei, dass Bremen als sportliche Hochburg bezeichnet werden kann“, urteilte der Ex-Bürgermeister.

Laut Bremens Innensenator Ulrich Mäurer habe der VTV die Entwicklung des Turnens und des Sports in Bremen mitgestaltet. Der Verein wurde im Jahre 1861 gegründet. 15 Jahre später erfolgte eine Neugründung. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg musste noch einmal neu begonnen werden – es folgte ein starker Aufschwung in den folgenden Jahrzehnten. Zahlreiche Traditionsveranstaltungen werden bis heute regelmäßig über die Bühne gebracht.

So fand im Jahre 1930 das erste Kostümfest nach einer Idee von Karl Lühmann statt. Das erste Motto lautete „Tanz um die Dorflinde“. Dazu wurde ein echter Baum in den Saal gestellt. Bis ins Jahr 1997 wurden in der Vegesacker Strandlust rund 60 Turnerbälle immer am ersten Sonnabend im März und immer unter einem anderen Motto gefeiert.

„Die Eintrittskarten waren heiß begehrt. Oft wurden bis zu 1200 Gäste gezählt“, berichtet die frühere stellvertretende VTV-Vorsitzende Waltraud Lemanczyk. Im Jahre 1998 sei dann der Vegesacker Frühlingsball gemeinsam mit dem Verein Wassersport Vegesack ins Leben gerufen worden, um wenigstens die „Ball-Tradition“ aufrechtzuerhalten.

Bereits seit 75 Jahren lädt der VTV auch zur traditionellen Boßeltour am dritten Sonntag im Januar ein. Der damalige VTV-Übungsleiter Ludwig Sundermeyer, der im Jahre 1927 aus Oldenburg als Sportlehrer zum Real-Gymnasium nach Vegesack gewechselt war, brachte den Boßel-Sport aus seiner alten Heimat mit. Organisiert wird das Boßeln von der Turnabteilung „Hermann-Schröder-Riege“. Deren Leiter ist Vegesacks Interims-Vorsitzender Peter Kuleßa.

„Ich bin der Gruppe vor mehr als 30 Jahren auf Anraten meines damaligen Zahnarztes Gerd Thole wegen eines Rückenleidens als seinerzeit jüngstes Mitglied beigetreten“, informiert Kuleßa. Diese Gruppe resultierte aus der Jungborn-Riege, die der damalige kaufmännische Direktor der Bremer Vulkan-Werft, Heinrich Meyer, im Jahre 1927 gründete. Die Jungborn-Riege der 1920er- und 1930er-Jahre mit einer Altersstruktur von etwa 35 bis 70 Jahren betrieb im Wesentlichen Freiübungen und leichtes Geräteturnen. Heinrich Meyer verstand es, jüngere Leute für den Sport zu begeistern und dem Verein zuzuführen.

„Und nach dem Sport traf man sich zum vierten Gerät in Glissmanns Weinstube“, verrät Peter Kuleßa. Der Turnabend, der damals wie heute jeden Mittwoch abgehalten wurde, sei in vier „Geräte“ unterteilt gewesen. „Der Turnabend begann mit dem Ummarsch in der Halle in Zweierreihen mit Turnerlied und Klavierbegleitung“, so Kuleßa. „Gerät“ zwei und drei seien dann Freiübungen und Geräteturnen gewesen, ehe das vierte „Gerät“ bei Glissmann stattfand.

Darüber hinaus gab es in den 1930er-Jahren schon Kohlfahrten im Winter und „Jutta“-Fahrten im Sommer. Bei der Jutta handelte es sich um den Werftschlepper des Bremer Vulkan, der auf Veranlassung von Heinrich Meyer der Jungborn-Riege zur Verfügung gestellt wurde. Dieser Schlepper brachte die Turner nach Blexen, Nordenham, Rodenkirchen und zurück mit fester und flüssiger Verpflegung an Bord.

„Es erwies sich somit als sehr vorteilhaft, einen Mann wie Heinrich Meyer in seinen Reihen zu haben“, sagt Peter Kuleßa. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sei diese Ära geendet. „Es gab beträchtliche Einschnitte im Turnbetrieb“, so Kuleßa. Nach dem Krieg sei zunächst auf Verlangen der alliierten Siegermächte jede Vereinstätigkeit untersagt worden – dann habe sich der VTV neu gegründet.

„Jüngere und ältere Turner fanden sich schnell wieder zusammen, bildeten eine Mittwochs-Turngruppe und gaben ihr den Namen Heinrich-Meyer-Riege in Erinnerung und aus Dankbarkeit“, betont der 74-jährige Kuleßa. Die Leitung der Gruppe übernahm dann der Schneidermeister Hermann Schröder. „Er war ein erstklassiger Geräteturner in Bremen. Unter seiner Leitung wurde der Sport in moderner Form nach alter Tradition fortgeführt“, lässt Peter Kuleßa wissen. Schröder verstarb im Jahre 1981. Ihm zu Ehren wurde der Name der Gruppe in „Hermann-Schröder-Riege“ geändert.

Peter Kuleßa wurde vor acht Jahren zum zweiten VTV-Vorsitzenden gewählt. Seit dem Tod von Jörn Krätsch am 14. Januar 2019 hat der frühere Verkaufsberater für Selbstklebetechnik und Kunststoffverarbeitung kommissarisch die Führung des Vereins inne. „Irgendwann wird sich aber auch wieder ein erster Vorsitzender finden“, ist sich Peter Kuleßa ganz sicher. Dann könne er selber wieder in den Hintergrund treten.

„Ich sehe mich mehr als Taschenträger, der dem Vorsitzenden in der ersten Reihe den Rücken freihält“, versichert Kuleßa, dessen Ehefrau Margrit Kuleßa als Schriftführerin ebenso zum VTV-Vorstand gehört. „Ich bin nur froh, dass wir Heike Tietze und Andrea Schlodtmann in der Geschäftsstelle haben, die diese hervorragend führen und uns im Vorstand viel Arbeit abnehmen“, sagt Peter Kuleßa.

Außerdem sei er dankbar, dass sich die Austritte aus dem Verein im Zuge der Corona-Pandemie in Grenzen hielten. „Es gab aber bereits Rückforderungen von gezahlten Mitgliedsbeiträgen. Da wir aber als eingetragener Verein der Gemeinnützigkeit unterliegen und eine Solidargemeinschaft bilden, gibt es keine rechtliche Grundlage für eine Rückforderung“, erklärt der zweite VTV-Vorsitzende.

Der Reha-Sport habe dem Verein in der Corona-Krise finanziell ein wenig geholfen, da dieser medizinisch verordnet werde. „Ansonsten prosperieren bei uns derzeit vor allem die Tischtennissparte und das Mädchenturnen“, frohlockt der 74-Jährige. Gerade im Tischtennis seien dem Verein einige Spieler aus anderen Vereinen quasi in den Schoß gefallen. Angesichts der zuvor geschlossenen Hallen waren die VTV-Mitglieder froh, wenigstens im Löh in Blumenthal Zeiten an der frischen Luft buchen zu können. „Dafür müssen wir uns aber stets an den Blumenthaler TV wenden“, informiert Peter Kuleßa.

Info

Vegesacker Turnverein

Gründung: 1861

Größe: rund 400 Mitglieder

Geschäftsadresse: Gerhard-Rohlfs-Straße 47, 28757 Bremen

Telefon: 0421-656868

E-Mail: info@vegesacker-tv. de

Homepage: www.vegesacker-tv.de

Vorstand: Peter Kuleßa (2. Vorsitzender/kommissarischer Vorsitzender), Michael Sörgens (Kassenwart), Sabine Saupe-Smith (2. Kassenwartin/Frauen/Web-Administration), Axel Dierks (Sportlicher Leiter), Elke Krupop (2. Sportliche Leiterin), Rico Schnell (Jugendwart), Margrit Kuleßa (Schriftführerin), Björn Wehrs (Pressewart), Horst Witschel (Männerwart), Wolfgang Hartwig (Gerätewart)

Spartenleitungen: Felix Krahe (Basketball), Olaf Schnell (Volleyball), Elke Krupop (Turnen, Gymnastik, Gesundheitssport), Lars Dornstedt (Tischtennis), Madita Lange (Geräteturnen Mädchen), Waltraud Lemanczyk (Rückengymnastik), Joachim Förg (Mollig&Fit), Anja Carstens (Pilates, Gymnastik 60 plus, Fitness-Mix, Herzsport/REHA), Dorothea Lankenau (Gymnastik Frauen), Peter Kuleßa (Männerturnen/Ballspiele), Sabine  Saupe-Smith (Nording-Walking), Thekla Reimler (Rückengymnastik Frauen)

Mitgliedsbeiträge (ganzjährig): Kinder bis 12 Jahre: 70 Euro; Geschwister bis 12 Jahre: 120 EUR; Jugendliche, Studenten und Auszubildende (bis 28 Jahre): 85 EUR; Erwachsene: 135 Euro (Aktive); Mutter oder/Vater plus Kind: 100 EUR; Ehepaare: 195 EUR; Familien: 200 EUR; Passive Mitglieder: 40 Euro; Arbeitslose und Erwerbslose: 90 Euro; Aufnahmegebühr für Kinder und Jugendliche: 5 EUR, für Erwachsene: 10 EUR KH

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