Familienunterstützender Dienst ist kreativ Spezialisten für virtuelle Traumreisen

Finn Riethmöller entdeckt im Freiwilligendienst der Lebenshilfe Kreativität und soziale Kompetenz
23.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Spezialisten für virtuelle Traumreisen
Von Ulrike Troue

„Ich habe unterschätzt, wie schön es ist, wenn man Menschen etwas gibt“, sagt Finn Riethmöller. Dem jungen Mann hat die Pandemie eine neue Perspektive eröffnet. Weil der heute 21-Jährige die geplante Ausbildung zum Tourismuskaufmann in einem Reisebüro plötzlich nicht mehr antreten konnte, absolviert er seit August 2020 ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Lebenshilfe.

Das empfindet Finn Riethmöller als persönliche Bereicherung. Er kann sich aufgrund der neuen Erfahrungen inzwischen sehr gut vorstellen, in einem sozialen Bereich zu arbeiten, auch ohne einen Bezug zum Thema Tourismus.

Auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe war der frisch gebackene Abiturient, der in Schwachhausen wohnt, über eine Zeitungsanzeige auf den Sozialen Friedensdienst gestoßen. Auf Vermittlung des Vereins arbeitet Finn Riethmöller nun seit August 2020 beim Familienunterstützenden Dienst (FUD) der Lebenshilfe, genauer bei Lebenshilfe Tours Bremen. Sie organisiert Reisen für beeinträchtigte Menschen.

Er habe immer Interesse an Tourismus sowie dem sozialen Bereich und Respekt vor den in sozialen Berufen tätigen Menschen gehabt, erzählt er. Seine Eltern arbeiten im sozialen Bereich, aber für sich hat er sich das vorher nicht vorstellen können. Das hat sich durch sein FSJ verändert, das ganz anders abläuft als sonst. „Ich bin damit ziemlich glücklich“, stellt Finn Riethmüller dennoch für sich fest.

Während der Lockerungen im vergangenen Sommer konnte der FSJ-ler noch drei einwöchige Reisen mit behinderten Erwachsenen, Kinder und Jugendlichen begleiten. Aber seit dem zweiten Lockdown bestimmt Büroarbeit wie die Buchungsbearbeitung seinen Arbeitsalltag.

Die eigenständige Planung einer Reise für acht bis zehn Erwachsene ins portugiesische Lagos an der Algarveküste in diesem Jahr ist für den 21-jährigen jungen Mann von daher besonders reizvoll. Dort sind Eigeninitiative und Kreativität besonders gefragt.

Denn daraus ist ein besonderes Teilhabe-Projekt erwachsen: die virtuelle Traumreise. Ende Februar sind 51 reiselustige Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Beeinträchtigung in ihren virtuellen Urlaub gestartet. Acht Wochen lang bekommt jeder Teilnehmer einen Brief von der Lebenshilfe. Darin steckt eine kleine Geschichte und passend dazu eine Aufgabe, wie Mal- oder Bastelaktionen. Die Adressaten können frei entscheiden, ob sie mitmachen wollen.

"Wir dachten, wenn sich 15 Personen melden und zehn bis zum Ende mitmachen, wäre das schön", erzählt Finja Brunke von Lebenshilfe Tours. Mit der "wahnsinnigen Teilnehmerzahl" von 51 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hat das FUD-Team nach ihrer Aussage überhaupt nicht gerechnet. Der Reiseleitung gehören außer ihr und Finn Riethmöller noch Malina Klencke aus dem Bereich Freizeit, Kinder & Jugendliche sowie die für individuelle Begleitung zuständige Jacqueline Heinzel an.

Die Idee für das kostenlose Angebot sei in lockerer Runde entstanden, erzählt Finja Brunke. Im Wissen, dass viele zu Hause oder in einer Wohneinrichtung lebende, behinderte Menschen sich einsam fühlen und auch die Behindertenwerkstätten geschlossen sind, hatten die FUD-Mitarbeiterinnen und der FSJ-ler überlegt, wie sie ihnen die sehnlichst gewünschte Abwechslung vom corona-geprägten Alltag bieten könnten.

„Wenn Freizeitangebote fehlen und man nicht reisen kann, ist alles langweilig“, findet Finja Brunke. „Irgendwie kann man da nur von Urlaub träumen.“ Von diesem Gedanken sei die Initialzündung fürs Brainstorming für das neue Projekt ausgegangen, schildert sie: „Womit können wir die Menschen aufheitern und ihnen etwas Gutes tun?“

Der übliche Ablauf einer Reise ist der rote Faden für die vier Organisatoren, von denen sich jeder eine Aufgabe für zwei Etappen ausgedacht hat. Nach dem Versenden des Angebots wurden in Anlehnung an All-inclusive-Reisen Armbänder in tropischen Farben bestellt und mit dem ersten Brief zum Aufbruch verschickt. Außerdem enthielt er die Bitte an die Teilnehmer, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie sich ihre Reise vorstellen und dazu ein Bild zu malen oder sich eine Geschichte auszudenken und das dann der Reiseleitung zuschicken.

Die Idee fürs „Spaßmobil“, um das es im zweiten Anschreiben ging, stammt von Finn Riethmöller. „Jeder sollte sich überlegen, wie er an das Urlaubsziel kommen möchte“, erklärt der FSJ-ler. Er hat dazu aufgerufen, das Gefährt zu malen, zu bauen oder ein ganz neues zu erfinden.

„Wir haben schon viele schön gemalte Kunstwerke, einige Collagen und auch ein paar Geschichten bekommen“, sagt Finja Brunke hocherfreut über die ersten Rückläufe auf diese Premiere. „Weil es so fantastische Ergebnisse sind, sollten sie nicht in der Schublade verschwinden“, findet sie. Deshalb überlegt die Lebenshilfe-Traumreiseleitung nun, ob sie als Ausstellung oder in anderer Form der Öffentlichkeit präsentiert werden könnten.

„Und für alle Teilnehmer gibt es noch eine kleine Überraschung“, verrät sie. Nicht zuletzt auch, um den virtuell Reisenden noch einen zusätzlichen Anreiz zu liefern, sich von ihrer Fantasie und ihren Wünschen treiben zu lassen, dabei Spaß zu haben und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.

Auch Finn Riethmöllers Einfallsreichtum ist durch Corona viel stärker als vorher gefordert. Den Abzweig über das FSJ auf seinem Weg ins Berufsleben und dadurch gewonnene neue Perspektiven beurteilt der junge Mann als persönlichen Gewinn. „Ich kann jedem Freund nur dazu raten“, sagt der 21-Jährige.

Info

Zur Sache

FUD der Lebenshilfe Bremen
Familien, in denen ein Kind oder ein Erwachsener mit Behinderung lebt, benötigen im Alltag Unterstützung und Hilfe. Die Familienunterstützenden Dienste (FUD) der Lebenshilfe Bremen, die 1960 gegründet worden ist, entlasten Familien bei der Betreuung und Pflege ihrer Angehörigen. Die Kosten können zum Teil von der Pflegekasse übernommen werden. Außer der individuellen Begleitung organisiert die Lebenshilfe auch regelmäßige Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche, zum Beispiel als Projektwochen oder Ferien- und Urlaubsfahrten. Mehr online unter www.lebenshilfe-bremen.de/angebote/kinder-jugendliche-familien/familienunterstuetzende-dienste.

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