Serie „Bremer Institutionen“

Hansewasser: Die Kanal-Kümmerer

Vom Namen kennt jeder Bremer große Institutionen wie die Arbeitnehmerkammer, die Gewoba oder die SWB. In dieser Serie erklären wir, wie sie aufgebaut und was ihre Aufgaben sind.
27.04.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Hansewasser: Die Kanal-Kümmerer
Von Nina Willborn
Hansewasser: Die Kanal-Kümmerer

Im Klärwerk in Seehausen wird unter anderem das Abwasser aus der Innenstadt gereinigt.

Frank Thomas Koch

Rund 2300 Kilometer Kanäle durchziehen Bremens Untergrund. Das Abwassersystem der Hansestadt ist damit ungefähr so lang wie das gesamte Great Barrier Reef vor der Küste Australiens. Gebraucht wird ersteres für die etwa 50 Millionen Kubikmeter Abwasser, die Bremerinnen und Bremer jedes Jahr durch Toiletten, Duschen und Waschbecken rauschen lassen und die in den Produktionsanlagen der Firmen anfallen.

Dass es in Deutschland seit mehr als hundert Jahren normal ist, Abwasser zu sammeln und zu reinigen, hat mit einer ähnlichen Situation wie der aktuellen zu tun – einer Pandemie. Ende des 19. Jahrhunderts wurden auch in Bremen die ersten Kanäle gebaut, weil man erkannt hatte, dass die damals grassierende Cholera durch den Zugang der Menschen zu sauberem Wasser eingedämmt werden konnte. „Dass es heute ein Unternehmen wie Hansewasser gibt, liegt in der hygienischen Stadtentwicklung begründet“, erklärt Jörg Broll-Bickhardt, technischer Geschäftsführer von Hansewasser. „Heute ist Abwasserbehandlung ein zentraler Bestandteil der Gesundheitspolitik. Sie hat dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung im vergangenen Jahrhundert um 30 Jahre gestiegen ist.“

Seit 1999 für das Abwasser zuständig

Hansewasser als Unternehmen der Daseinsvorsorge mit derzeit rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es seit dem 1. Januar 1999. Damals wurde die bis dahin kommunale Entsorgung des Wassers ebenso wie die Versorgung damit (heute Aufgabe der SWB) teilweise privatisiert. Heute gehören der Stadt noch 25,1 Prozent der Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die restlichen 74,9 Prozent sind in der Hand der Hansewasser Ver- und Entsorgungs-GmbH, die wiederum zur Gelsenwasser AG (49 Prozent) und der SWB (51 Prozent) gehört. „Das Konstrukt funktioniert seit 20 Jahres sehr erfolgreich, zum Vorteil von Kunden wie Mitarbeitern“, sagt Broll-Bickhardt.

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Foto: Grafik Weser Kurier

Herzstück für eine der zentralen Aufgaben des Abwasserentsorgers ist das 2002 in Seehausen eingeweihte Prozessleitcenter, so heißt die Leitwarte bei Hansewasser. Dort werden die gesamten Anlagen für das Abwasser jeden Tag im Jahr und rund um die Uhr überwacht. „Unsere Infrastruktur ist darauf ausgelegt, sehr lange Zeit zu halten. Durchschnittlich sind die Bremer Kanäle 45 Jahre alt, mit einer Lebenserwartung von mindestens 80 Jahren“, erklärt der Technische Geschäftsführer. Die Leitungssysteme müssen ständig instand gehalten, inspiziert und von Schlamm und Sand gereinigt werden – letzteres machen die Spülwagen von Hansewasser auf einer Länge von rund 700 Kilometern im Jahr. Auf weiteren 240 Kilometern überprüfen Teams der Abwasser-Spezialisten jährlich per Kameras, ob das Wasser ungehindert seinen Weg durch die vielen Pump- und Steuerwerke bis zu einer der beiden Kläranlagen in Seehausen (dort landet das Abwasser der City und unter anderem das aus Lilienthal, Ritterhude, Stuhr und Weyhe) und in Farge (Abwasser aus Bremen-Nord plus Lemwerder und Schwanewede) findet. Beide Kläranlagen arbeiten laut Broll-Bickhardt seit 2015 durch den Strom, der in der Windkraftanlage und im mit Klärgas betriebenen Blockheizkraftwerk erzeugt wird, energetisch autark und klimaneutral. „Die Inbetriebnahme unserer Windkraftanlage und modernerer Blockheizkraftwerke mit einem deutlich höheren Wirkungsgrad waren wichtige Meilensteine.“

Der digitale Wandel geht auch nicht an der Abwasserentsorgung vorbei

In anderen Hansewasser-Abteilungen arbeiten Ingenieure und Wissenschaftler an Konzepten für die Zukunft der Abwasserentsorgung. Natürlich spielt der digitale Wandel auch in diesem Bereich eine Rolle. Fragestellungen sind, wie Innovationen bei der Technik, aber auch Prozesse an sich beim „Abwasser 4.0“, wie sie es intern nennen, integriert beziehungsweise angepasst werden können.

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Ein weiterer Aspekt ist eine ebenfalls zentrale Aufgabe von Hansewasser: der Schutz von Gewässern. Nicht nur Schadstoffe wie Phosphor und Stickstoff müssen in den Kläranlagen aus dem Wasser gefiltert werden, sondern in zunehmendem Maß auch Mikroplastik (laut Broll-Bickhardt gelingt das zu 90 Prozent) und aufgrund der immer älter werdenden Gesellschaft immer mehr Rückstände von Medikamenten. „Bei uns arbeiten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ich als Überzeugungstäter bezeichnen möchte“, sagt der technische Geschäftsführer. „Menschen, die sich sehr für Themen wie Umwelt-, Klima- oder Gewässerschutz interessieren.“

Ihr Thema ist auch die wassersensible Stadtentwicklung. Unter Federführung des Ressorts von Klimaschutz-Senatorin Maike Schaefer (Grüne) entwickelt Bremen eine Strategie für den Umgang mit den von Experten prognostizierten häufigeren Starkregen. Bei Hansewasser macht sich darüber die Abteilung Generalplanung Netz Gedanken. Unter anderem war sie auch am Starkregen-Vorsorgeportal beteiligt, das eine kostenlose Beratung für Hauseigentümer durch die Hansewasser-Kundenbetreuer enthält.

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Foto: Grafik Weser Kurier

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Bei Hansewasser greifen im Moment besondere Maßnahmen, um die kritische Infrastruktur der Stadt aufrecht zu erhalten. Mehr als 300 Mitarbeiter sind im Homeoffice, vor Ort arbeiten nur noch die in den zwingend notwendigen 65 Funktionen. Die Kundenhotline unter 04 21 / 9 88 11 11 ist rund um die Uhr erreichbar.

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