Versorgungslücken

Wieso die Nahversorgung in der Überseestadt hinterher hinkt

Seit Jahren wird in der Bremer Überseestadt ein Supermarkt geplant. Der Bedarf ist groß. Trotzdem lahmt das Projekt. Jetzt soll es zunächst einen provisorischen Supermarkt geben.
29.01.2020, 22:06
Lesedauer: 4 Min
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Wieso die Nahversorgung in der Überseestadt hinterher hinkt
Von Jürgen Hinrichs

Die Bäckerei heißt Backstage, sie steht ganz hinten auf der Bühne, ganz hinten in der Überseestadt, am äußersten Rand, wo es nicht mehr weitergeht, der Strand noch, dann kommt das Wasser. An diesem Tag ist Landsend ein unwirtlicher Ort, der Wind pfeift, es ist kalt und regnet. Arbeiter bewegen Sand hin und her, woanders bohren sie Löcher in die Erde und setzen Pflanzen.

Baustelle überall, auch und sowieso in den Gruben und Rohbauten für die Häuser, so viele, die es davon mittlerweile gibt. Der alte Hafen läuft langsam voll, und das ist der Grund, weshalb Backstage geografisch zwar hinten liegt, sonst aber weit vorn – als wichtiger Versorger und Treffpunkt für die Bewohner. Die Verkäuferinnen berichten von ihren Stammkunden. Bewohner aus der Nachbarschaft, die regelmäßig zum Frühstück kommen.

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Die Bäckerei betreibt ein Café, sehr nett, sehr gemütlich. Jeden Tag in der Woche ist geöffnet, auch am Sonntag. „Dann brummt der Laden besonders“, sagt die Bedienung. Ausflügler, die sich ein Bild davon machen wollen, wie es in der Überseestadt vorangeht. Permanent, dass sich etwas verändert, und wenn nicht gerade Schietwetter ist, fährt man am besten mit dem Fahrrad durch die Straßen und an den Promenaden entlang, um sich auf Stand zu bringen.

Die Bewohner wissen auch so, was los ist, es ist ihr Alltag. Sie sind Pioniere, die einiges aushalten müssen: Staus, Parkchaos, Lärm und Dreck – und die Not, an Wurst und Käse zu kommen. „Es gibt Kunden, die kaufen bei uns Aufschnitt, ein paar Scheiben, wenn sie nichts mehr zu Hause haben“, erzählt die Frau hinterm Tresen. Wurst und Käse vom Bäcker, der damit normalerweise seine Brötchen belegt. Aber so ist das, wenn es sonst fast nichts gibt in der Gegend. Einen Aldi immerhin, der zwei Kilometer entfernt am Europahafen seine Filiale hat, aber keinen Laden mit frischer, unverpackter Ware. Die hat der Bäcker vielleicht auch nicht, aber es fühlt sich anders an als beim Discounter.

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Die Überseestadt ist ein Projekt. 20 Jahre her, dass ein Masterplan aufgestellt wurde. Seitdem wächst die Bevölkerung in dem Ortsteil von Walle rasant und liegt jetzt bei rund 2500 Bewohnern. Die Zahl der Unternehmen ist im selben Zeitraum von 300 auf mehr als 1100 angestiegen. Annähernd 17 000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz heute in den Speichern und Schuppen oder sitzen in den neu gebauten Bürogebäuden. Der Hafen gilt als hip, gerade bei den Jungen und Kreativen. Er ist eine Erfolgsstory. An diesem Punkt.

Anders sieht es mit der Infrastruktur aus. Nimmt man die Überseestadt als Kleid, ist es zu eng und platzt aus allen Nähten. Ein neuer Schnitt, eine Korrektur? Das ist besonders beim Verkehr, bei den Straßen und der Anbindung an die Linien der Busse und Straßenbahnen, nur noch schwer möglich. Was früher wandelbar war, ist heute abgesteckt. Die Stadt war nicht optimistisch genug, sie ist von der Entwicklung überwältigt worden und kann jetzt nur noch mit Flicken arbeiten.

Früh wurde erkannt, dass der Aldi nicht reicht und die Supermärkte in Walle zu weit weg liegen. Ein Befund, der sich aufdrängt und vor vier Jahren durch ein Einzelhandelskonzept untermauert wurde. Die Überseestadt liegt getrennt vom übrigen Stadtteil, die Barriere sind mehrspurige Straßen. Keine unüberwindliche Grenze, aber ein Hemmnis, zumal zum Beispiel das Walle-Center tatsächlich erst in einiger Entfernung zu erreichen ist.

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Die Behörden fanden einen Ort, an dem der Supermarkt und die Fachgeschäfte entstehen sollten: eine Ecke auf dem Gelände des Großmarkts, wo heute Lastwagen abgestellt sind. 2017 gab es dazu eine Machbarkeitsstudie. Ein Jahr später stellte das Bauressort bei einer Einwohnerversammlung die Pläne vor. Nach dem Bebauungsplanverfahren sollte es noch einen Architektenwettbewerb geben. Alles in allem, so die Ankündigung damals, dürften mindestens noch zwei Jahre vergehen, bis die Arbeiten beginnen. Doch das ist Makulatur.

Der Zeitplan gilt nicht mehr. Hat es am Großmarkt gelegen? Oder daran, dass die Pläne zu ambitioniert waren? Fakt ist, dass sie nicht vorangekommen sind. Die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB), zuständig für die Überseestadt, wird nach eigenen Angaben erst jetzt das Grundstück für die neue Nutzung ausschreiben, voraussichtlich im Frühjahr. Danach, so eine WFB-Sprecherin, dürfte es noch drei bis vier Jahre dauern, bis das Projekt verwirklicht ist.

Viel Zeit also noch, die ins Land geht, und so lange, das ist den Behörden klar, können sie mit dem Supermarkt nicht warten. Die Lösung wird nun erst einmal ein Provisorium sein. Am vergangenen Wochenende hat die WFB das Angebot ausgeschrieben: 5500 Quadratmeter für einen Supermarkt in der sogenannten Greenyard-Halle. Die Verkaufsfläche soll 1620 Quadratmeter betragen, der Rest wird für das Drumherum des Marktes benötigt.

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Als monatlichen Mietzins ruft die WFB drei Euro pro Quadratmeter auf. Geliefert werden könne die Fläche frühestens zum 1. September dieses Jahres, heißt es in der Ausschreibung. Die Laufzeit des Vertrages ist zunächst bis zum 30. Juni 2023 befristet. Über eine mögliche Verlängerung der Zwischennutzung soll spätestens ein halbes Jahr vorher Einigung erzielt werden.

Die Greenyard-Halle an der Straße „Am Winterhafen“, benannt nach dem Fruchtimporteur, der dort bis Juni 2018 sesshaft war, hat im Ganzen eine Nettogeschossfläche von knapp 14 000 Quadratmetern. Der Auszug von Greenyard war für den Großmarkt ein schwerer Schlag.

Sollte für ein gutes Drittel der Fläche jetzt ein neuer Mieter kommen, könnte der Verlust zumindest zu einem Teil kompensiert werden. Nach dem Zeitplan der Behörden soll bis Ende März feststehen, welcher Bewerber für den Supermarkt in Frage kommt. Möglich wäre die Koppelung an den späteren, festen Standort. Der Mieter müsste dann nur ein paar Hundert Meter weiter ziehen.

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