30 Jahre Bremer Treff Steigende Besucherzahlen im Bremer Treff

Die kirchliche Begegnungsstätte Bremer Treff ist seit 30 Jahren für Menschen in Notlagen an fünf Abenden die Woche geöffnet. Viele Ehrenamtliche engagieren sich dort.
23.09.2019, 18:15
Lesedauer: 3 Min
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Steigende Besucherzahlen im Bremer Treff
Von Ulrike Troue

Bis zu 90 Gäste pro Öffnungstag besuchen den Bremer Treff. Die 1989 eröffnete kirchliche Begegnungsstätte am Altenwall 29 bietet Menschen in materiellen oder seelischen Notlagen von Dienstag bis Sonnabend jeweils von 17 bis 21 Uhr die Möglichkeit, sich aufzuwärmen, Leute zu treffen, ihre Wäsche zu waschen, zu duschen oder eine warme Mahlzeit zu essen.

Aus ganz Bremen kommen Menschen mit und ohne Arbeit, Arme oder Obdachlose, Einsame, Rentner oder Hartz-IV-Empfänger nach Mitteilung der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) regelmäßig in diese Bremer Begegnungsstätte, die inzwischen 30 Jahre besteht. Sie sind von 18 bis 88 Jahre alt.

Allein im vergangenen Jahr besuchten 19 000 Menschen den Bremer Treff, 15 214 Abendessen wurden ausgegeben. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden laut BEK bereits rund 10 000 Besucherinnen und Besucher gezählt. In einer von Arbeitslosigkeit, Sozialkürzungen und Leistungsdruck geprägten Zeit sind solche Angebote heute offenbar gefragter denn je.

Ärztliche Notversorgung

Darüber hinaus stellen die Ärzte Georg Kückelmann und Masiar Amirkhizi an zwei Tagen pro Woche eine ärztliche Notversorgung sicher. Psychotherapeut Michael Oppermann bietet donnerstags therapeutische Gespräche an, denn nicht wenige Gäste der Begegnungsstätte sind psychisch krank. Und die Kunsttherapeutin Angelika Weber leitet eine kreative Malwerkstatt.

Alle vier arbeiten ehrenamtlich im Bremer Treff, der inzwischen von 13 evangelischen und katholischen Kirchengemeinden und Einrichtungen finanziert wird. Dass in der Begegnungsstätte alles rund läuft, dafür sorgen außerdem die übrigen 56 Helferinnen und Helfer, die sich dort freiwillig engagieren. Als Dankeschön und zum 30-jährigen Bestehen des Bremer Treffs ist in der vergangenen Woche eine Geburtstagskaffeetafel veranstaltet worden.

An dieser Feier konnte Roswitha Clawien leider nicht teilnehmen, da sie an ihrem 75. Geburtstag selber Gäste empfangen hat. Aber sonst ist die ehrenamtliche Helferin schon seit 30 Jahren und damit von Anfang an immer dabei. Das Trio der „Frauen der ersten Stunde“ komplettieren die 90-jährige Lisa Oehlmann, die nach wie vor sonnabends hilft, und 86-jährige Anne Vogel, die kürzlich wegen Umzugs verabschiedet worden ist. In den ersten Jahren hat Roswitha Clawien zwei Schichten im Tresendienst übernommen, nun ist sie nur noch in der Frühschicht aktiv. Fünf Stunden stehen sind ihr inzwischen zu beschwerlich. „Ich mache es gerne“, betont die Pastorenfrau. Diese Einrichtung in Bremen sei notwendig, begründet sie ihre selbstlose Hilfe.

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„Ich hatte schon immer Kontakt zu Menschen, die irgendetwas in ihrem Leben aus der Bahn geworfen hat“, sagt sie. Denn als ihr Mann als Pastor der Friedensgemeinde tätig gewesen ist, haben sie neben der Kirche gewohnt. „Da haben uns immer wieder Menschen um jegliche Art von Unterstützung oder Hilfe gebeten“, blickt Roswitha Clawien zurück. Darüber hinaus gehört ihr Mann zu den Gründungsmitgliedern des Bremer Treffs.

In der kirchlichen Begegnungsstätte leistet die Pastorenfrau jeden Mittwoch Freiwilligendienst. Sie und weitere Helfer beginnen um 16 Uhr mit dem Kochen von Kaffee und Tee und Schmieren der Brote „als erste Vorspeise“. Ab 17 Uhr werden die Essensbestellungen aufgenommen und Getränke ausgegeben. Die meisten Kunden lösen Gutscheine für eine Hauptspeise, die zwei festangestellte Köchinnen und ein Küchenhelfer zubereiten, und ein Getränk ein, das sie von Kirchengemeinden bekommen haben.

Viele junge Menschen besuchen die Einrichtung

Der Besucherzuspruch im Bremer Treff hängt nach Clawiens Einschätzung ein wenig von der Speisekarte ab. „Manche kommen aber regelmäßig um der Gesellschaft Willen."

Überwiegend Männer, stellt sie fest. Sie seien nicht willens zu kochen oder ihnen fehle die Gelegenheit, glaubt sie. Viele Ältere hätten eine ähnliche „Karriere“ hinter sich, eine Scheidung, die sie in finanzielle Probleme und später zum Alkohol gebracht hätten.

Inzwischen kämen auch sehr viel mehr jüngere Menschen, manchmal noch halbe Kinder, erzählt Roswitha Clawien. Viele von ihnen hätten noch nie Arbeit gehabt, weiß sie. „Warum auch immer.“ Darüber zu urteilen, das verbiete ich mir“, bekennt sich Roswitha Clawien in dem Zusammenhang zu ihrem Credo für ihr ehrenamtliches Engagement im Bremer Treff.

Die 75-jährige Seniorin aus dem Gete-Viertel hat auch ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte der Gäste. Wegen der vielen organisatorischen Arbeit bleibt dafür jedoch kaum Zeit. Das ist vielleicht auch gut so. Denn manche Schicksale berühren sie tief.

„Mir tut besonders eine Mutter von zwei drogenabhängigen Söhnen leid, die von ihnen bedroht, geschlagen und bestohlen wird“, gesteht Roswitha Clawien. „Das geht mir immer nah, wenn sie erzählt.“

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