Bremen übernimmt Hälfte der Kosten Stelle für Streetworker Jonas Pot d'Or gesichert

Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt will die die Hälfte der Kosten für die Stelle von Jonas Pot d'Or langfristig übernehmen. Damit endet für den Streetworker eine 18-jährige Hängepartie.
08.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Stelle für Streetworker Jonas Pot d'Or gesichert
Von Anke Landwehr

Als Jonas Pot d’or zum ersten Mal versuchte, mit Menschen in Kontakt zu treten, die überwiegend auf der Straße leben, hörte er: „Komm heute Abend zum Güterbahnhof und bring deine Frau mit. Dann trinken wir einen und rauchen ’nen Joint. Danach können wir reden – vielleicht.“ Pot d’or ging hin, mit Frau. Trinken und rauchen musste er nicht, um akzeptiert zu werden.

Das war vor 17 Jahren. Ebenso lange wusste der Streetworker nie, ob Bremen seine Stelle zur Hälfte finanzieren würde. Den Zuschuss musste sein Arbeitgeber, der Verein für Innere Mission, jährlich neu beantragen. Seit Freitag hat die Ungewissheit ein Ende: Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) überbrachte die Nachricht, dass die Arbeit des Streetworkers „langfristig gesichert“ sei. Obwohl ihr Parteifreund, Bürgermeister Carsten Sieling, die Absicht bereits Ende Juli verkündet hatte, ging bei diesen Worten dennoch ein erfreutes Leuchten über das Gesicht des Sozialpädagogen.


Gut sei, so Pot d’or, dass er seine Arbeit fortsetzen könne: „Ich gehe dahin, wo Menschen sich vergessen und verlassen fühlen.“ Andererseits gebe es auch eine traurige Seite der Medaille, weil er grundsätzliche Dinge nicht ändern könne. Die von ihm betreuten Menschen bräuchten Arbeit und Unterkunft, um sich wieder als wichtige Mitglieder der Gesellschaft fühlen zu können.
Gesundheitsvorsorge im Fokus

Eva Quante-Brandt geht es indes in erster Linie um eine verbesserte Gesundheitsprävention, wie sie bei dem Treffen im Café Papagei erklärte. Das Haus dient als Anlaufstelle und vielfach auch als Postadresse für Wohnungslose. Wenn diese Menschen im Durchschnitt schon mit 50 Jahren stürben, müssten sie verstärkt motiviert werden, medizinische Angebote in Anspruch zu nehmen. „Wie das geschehen kann, werden wir dann in den Zuwendungsbescheid reinschreiben“, erklärte die Politikerin.

Berthold Reetz, Bereichsleiter Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission, war hoch erfreut über die „sehr gute Nachricht“ der Senatorin. „Schön, dass wir nicht mehr jedes Jahr einen Antrag schreiben müssen.“ Reetz unterstrich freilich auch, dass es spezielle Programme geben müsse, damit die von Pot d’or betreuten Menschen gesundheitlich, aber auch mental wieder auf die Beine kämen. Ihr Tag brauche Struktur, damit sie ihrem Leben allmählich wieder einen Sinn geben könnten. Darauf ausgelegte Projekte hätten Erfolg. „Da bin ich sicher“, sagte Reetz.

„Die Brücke zum ersten Arbeitsmarkt – das ist das Problem“, erwiderte Quante-Brandt. Sie sei aber zuversichtlich, dass entsprechende Programme entwickelt würden. Reetz hatte noch eine Aussage von Carsten Sieling im Ohr. „Er hat signalisiert, dass man sich stärker um Langzeitarbeitslose kümmern wird.“
Sodann informierte er die Senatorin über die weiteren Pläne der Inneren Mission mit dem Café Papagei. Als nächstes solle der Innenhof verschönert werden – ein Unternehmen, dass Quante-Brandt schon aus Gründen begrüßte, die weit in ihre Vergangenheit zurückreichen. Als Kind sei sie auf den Weg zum nicht mehr existierenden Zentralbad immer über diesen Platz gegangen, und jedes Mal sei ihr dabei mulmig gewesen. Dass er nun neu gestaltet werden solle, finde sie daher „sehr gut“. Berthold Reetz: „Fehlt nur noch das Geld.“ Diesen Satz konnte die Besucherin schon deshalb geflissentlich überhören, weil sie für Gesundheit zuständig ist.
"Ich habe mich wahnsinnig gefreut"
Herr Pot d’or, hinter Ihnen liegt eine 18-jährige Hängepartie. Fühlen Sie Erleichterung oder Genugtuung, dass Ihre bisher jährlich verlängerte Stelle als Streetworker für die Menschen des Szenetreffs vom Grünzug West jetzt dauerhaft gesichert ist?

Jonas Pot d’or: Ich habe mich wahnsinnig gefreut – vor allem für die Betroffenen in Gröpelingen, die für den Erhalt der Stelle demonstriert haben und sich nun wahrgenommen fühlen. Das ist ganz wichtig, weil sie prinzipiell ja meinen, alleine gelassen zu werden.

Nachdem bekannt wurde, dass Bremen die Hälfte Ihrer Stelle nicht mehr finanzieren wollte, gab es viele Proteste quer durch die Bevölkerung. Vielleicht hat das die Politik zum Umdenken bewogen und nicht etwa reine Menschenfreundlichkeit?

Wie auch immer. Mir kommt es nur darauf an, dass ich mindestens die nächsten zehn Jahre meine Arbeit für die Menschen vom Treffpunkt fortsetzen kann.

Der ja immer mal wieder woanders ist ...

Das ist richtig. Der vom Treff ausgehende Lärmpegel ist bei 15 bis 20 Leuten schon ziemlich hoch. Das wird von manchen als unzumutbare Belästigung empfunden. Dann werden meine Leute verdrängt.

Jetzt aber sind Sie zuversichtlich, dass dieses Verscheuchen aufhört?

Ja. Das Schöne ist, dass ich mit meinen Leuten einen Unterstand an der Stapelfeldstraße bauen kann. Damit wird nach 18 Jahren endlich ein Ort geschaffen, an dem sie willkommen sind. Er ist so gewählt, dass es keine Störungen mehr geben wird: Er liegt an einer stark befahrenen Straße, an der lautstarke Unterhaltungen im Verkehrslärm untergehen. Außerdem haben wir auf der einen Seite einen Friedhof, und auf der anderen Seite befinden sich Bahngleise. Es gibt dort keine unmittelbare Wohnbebauung und damit auch keine Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten. Dieses Konzept ist von Polizei und Ortsamt unterstützt worden.

Nach einem gemütlichen Treffpunkt klingt das aber nicht.
Nein, aber die Betroffenen wissen zu schätzen, dass sie einen Treffpunkt haben, von dem sie nicht vertrieben werden.

Eines Ihrer größten Anliegen ist es, Arbeit für die Betroffenen zu finden. Viele erwecken allerdings den Anschein, als seien sie schon körperlich dazu nicht in der Lage.

Das wirkt so, ja. Aber ich sage, wenn sie eine Chance bekommen, ihre Fähigkeiten zu zeigen – zum Beispiel die Handwerker unter ihnen –, dann sehen sie auch wieder einen Sinn im Leben, was ihnen Durchhaltekraft gibt. Langfristig sehe ich für etliche Leute die Möglichkeit, nach entsprechender Förderung die Kurve in den ersten Arbeitsmarkt zu kriegen.

Das Gespräch führte Anke Landwehr


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