Schnürschuh-Theater Stillgestanden!

Wie macht man aus dem 640-Seiten-Roman „Neue Vahr Süd“ von Sven Regener ein Theaterstück mit wenigen Szenen? Regisseur Helge Tramsen macht es im Schnürschuh-Theater vor.
16.09.2018, 06:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Buntentor. Wie macht man aus einem 640-Seiten-Roman ein Theaterstück mit wenigen Szenen? „Das geht natürlich nur, indem man vieles weglässt“, sagt Regisseur Helge Tramsen, der den Bestseller Neue Vahr Süd von Sven Regner bearbeitet hat. Jeglicher Leerlauf, der die Geduld des Romanlesers manchmal auf die Probe stellt, ist in der Theaterversion eliminiert. Auch sie spielt über weite Strecken in Bremen.

Höchst dramatisch geht es los: mit lautem Geschrei. Denn als Frank Lehmann im Jahr 1980 seinen Wehrdienst antritt, ist der Ton – gelinde gesagt – rau: „Wenn es stillgestanden heißt, könnt ihr ein bisschen mit den Zehen wackeln, mehr ist nicht erlaubt“, schreit der Fahnenjunker, als Lehmann seine ersten Tage bei der Bundeswehr verbringt. Damals mussten junge Männer noch 18 Monate Wehrdienst leisten, es sei denn, sie verweigerten diesen sogenannten Kriegsdienst. Für Lehmann kommt der harsche Befehlston mehr als überraschend, und er fängt an zu grinsen. „Raus, raus, raus“, schreit der Fahnenjunker, der Lehmann Drohungen und wüste Beschimpfungen hinterherwirft.

Im Stück Neue Vahr Süd im Schnürschuh-Theater spielen Mathias Hilbig, Ulrike Knospe, Pascal Makowka, Holger Spengler und Andrea zum Felde insgesamt 30 Rollen, „doch eigentlich hätten wir einige Hundertschaften als Akteure gebraucht, schließlich ist ein wichtiger Schauplatz des Stücks die Bundeswehr“, sagt Helge Tramsen. Die Proben beschränken sich auf eine Auswahl von Szenen – bei einem ausgesprochen minimalistischen Bühnenbild: „Wir machen alles mit Bierkisten“, sagt Helge Tramsen, „die sind sehr günstig und flexibel.“

Bierkisten – wohlgemerkt leere – dienen denn auch als Sitzgelegenheit für den Standortpfarrer, bei dem die jungen Rekruten seelischen Beistand finden können. Die gerade eingezogenen Soldaten haben Trost und Beistand bitter nötig, denn brutal wird ihnen eingetrichtert, dass sie nichts wert sind, wenn sie nicht stramm dienen. Frank Lehmann lässt alles eher passiv über sich ergehen.

Doch er wird aktiver, als er sich in der Wohngemeinschaft (WG) am Sielwall in Bremen ein Mädchen namens Sibylle verliebt, das ausgerechnet gegen die geplante Rekrutenvereidigung im Weserstadion zu Felde zieht. In der Mensa der Uni Bremen hält sie Reden gegen das Gelöbnis, das am 6. Mai 1980 stattfand und massive Proteste bei allen pazifistisch Gesinnten hervorrief. Um sich in der WG einzurichten, muss zunächst eine Wand durchbrochen werden – wozu sich die aufgetürmten Bierkisten hervorragend eignen. „Und was machen wir mit den vielen Steinen?“ fragt Lehmanns Freund Martin Klapp. „Wenn er auszieht, bauen wir sie in die Wand wieder ein.“ Weil schließlich etwas mit der Revolutionärin Sibylle läuft, entschließt sich Herr Lehmann den Kriegsdienst zu verweigern, während er schon seinen Grundwehrdienst ableistet. Doch erst sein vorgetäuschter Selbstmordversuch führt dazu, dass er aus der Bundeswehr entlassen wird – einer Stätte, die von der liebenswürdigen, aber wenig leidensfähigen Figur Lehmann als Hölle empfunden werden muss.

Die Kürzung des umfangreichen Romans hat gut getan. Schließlich sind nicht alle der vielen Seiten in Sven Regners Roman amüsant, sondern oft auch ein Durchhänger. Im Theaterstück von Helge Tramsen sind solche Schwachstellen eliminiert, er präsentiert verdichtetes Geschehen aus einer politisch höchst aufgeheizten Zeit, in der zum Beispiel die gewaltbereite Autonome Bewegung ihren Anfang nahm.

„Der Reiz des Romans liegt für mich darin, dass im Mai 1980 Bremer Politik auf Weltgeschehen stieß“, sagt Regisseur Helge Tramsen, denn die Rekrutenvereidigung im Bremer Weserstadion habe zwei Lebenshaltungen aufeinander prallen lassen: die restaurative, verkörpert in der Bundeswehr, und die progressive aus den linken und grünen Protestbewegungen. Das Atom spaltete die Gesellschaft: Über dem Wettrüsten zwischen West und Ost hing das Damoklesschwert eines Atomkriegs, und Atomkraftwerke ließen Hunderttausende auf die Straße gehen – ihre Befürchtungen wurden sechs Jahre später mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wahr.

Bei der öffentlichen Probe fehlten noch Requisiten, die bei der Aufführung dazugehören werden: ein Fernsehapparat aus den 1980er-Jahren, in dem das Aalto-Hochhaus – Symbol für die Neue Vahr Süd – zu sehen sein wird und Fotos aus dem Viertel in Bremen, wie es vor fast 40 Jahren aussah. Ansonsten übt sich das Bühnenbild in angenehmer Zurückhaltung: „Das Schauspielerische soll im Vordergrund bleiben“, sagt Helge Tramsen, nicht zuletzt wegen des eher passiven, aber neugierigen und weltoffenen Herrn Lehmann, der mit seiner Persönlichkeit das Geschehen an sich bindet und zahlreiche Leute zusammenbringt.

Über dem Stück schwebt eine Weisheit, die der Regisseur in seiner Inszenierung verpackt hat. Denn: „So lange Menschen miteinander im Gespräch bleiben, lässt sich viel Schlimmes verhindern“, sagt Regisseur Helge Tramsen.

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