Bremer Küstenschutz

Sturmflut von 1962 markiert Zeitenwende

Vegesack. "Die Gefahr einer Sturmflut ist unverändert groß." Der Mann, der das sagt, ist Wilfried Döscher, Geschäftsführer des Deichverbands am rechten Weserufer. Deshalb erhöht Bremen derzeit mit Millionenaufwand seine Anlagen.
17.02.2012, 05:00
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Sturmflut von 1962 markiert Zeitenwende
Von Patricia Brandt
Sturmflut von 1962 markiert Zeitenwende

Sturmflut

dpa

Vegesack. "Die Gefahr einer Sturmflut ist unverändert groß." Der Mann, der das sagt, ist Wilfried Döscher, Geschäftsführer des Deichverbands am rechten Weserufer. Deshalb erhöht Bremen derzeit mit Millionenaufwand seine Anlagen. In Bremen-Nord sollen nicht nur die Deichkronen um einen auf acht Meter erhöht werden. Auch rund ums Einkaufszentrum Haven Höövt wird nach derzeitigen Plänen demnächst eine acht Meter hohe Spundwand gezogen.

Für Küstenschutz-Fachleute war die Sturmflut von 1962 ein Schlüsselereignis. "Bis dahin hatte man immer geglaubt, die Deiche wären hoch genug", meint Wilfried Döscher, Geschäftsführer des 88.000 Mitglieder starken Verbands am rechten Weserufer. Doch die Flut-Katastrophe in der Nacht zum 17. Februar zeigte die Unzulänglichkeiten dieses Schutzes auf. Das lag nicht nur an der Höhe des Wasserpegels, der damals an der großen Weserbrücke bei 5,40 Meter über Null lag, sondern auch am Orkantief.

Mit Stärke 11 soll der Wind damals über das Land gefegt sein. Wellen türmten sich Döscher zufolge zwei Meter und höher auf. In der Folge liefen die Deiche über. Das schnell steigende Wasser überraschte viele Menschen. Nach Verbandsangaben starben bei der Katastrophe 380 Frauen und Männer in Norddeutschland, in Bremen gab es sieben Tote. Allein in Bremen-Nord wurden nach Darstellung des Heimat- und Museumsvereins für Vegesack und Umgebung 110 Menschen evakuiert. Mehrere hundert Bundeswehrsoldaten und Helfer vom Technischen Hilfswerk waren damals im Einsatz. Mit Schlauchbooten retteten die Helfer demzufolge in Farge Anwohner, die bereits bis zum Hals im eiskalten Wasser standen.

Nach dieser Darstellung waren die Schäden im Bremer Norden groß. In den Keller des Kraftwerks Farge waren die Fluten eingedrungen. Die Stromversorgung brach zusammen. In Ganspe hatte sich das Schwimmdock der Rolandwerft losgerissen und trieb weseraufwärts. Bevor es auf dem Schönebecker Sand hängen blieb, zerstörte es einen Fähranleger und versenkte ein Fährschiff.

"Bremen ist noch mit einem blauen Auge davon gekommen", urteilt Verbandsgeschäftsführer Döscher. In der Folge der Katastrophe entstand ein neues Deichkonzept für die Unterweser. Es sei von Beginn an klar gewesen, dass ein Schutz für Lesum und Ochtum nur durch Sperrwerke gewährleistet werden könne, berichtet Döscher. Zudem begann das Wasserwirtschaftsamt ab 1962, die Deiche zu erhöhen. Im Ergebnis könne Bremen seit den 1980er Jahren auf sieben Meter hohe Deiche verweisen.

Lösung für Hafen gefunden

Doch Überflutungsszenarien des Verbands zeigen: Bremen ist nach wie vor zu 90 Prozent gefährdet. Bremen setzt deshalb in einer Gemeinschaftsaktion mit dem Bund und der Europäischen Union noch einen drauf: "Wir bauen für mittlerweile 200 Millionen Euro in Bremen und Bremerhaven die Deiche höher. In Bremen-Nord werden die Deichkronen acht Meter über normal Null erreichen", erläutert Döscher. Die Arbeiten werden voraussichtlich bis 2025 dauern. Der erste Bauabschnitt, das Gebiet vom Bunker Valentin bis zur Fähre Farge, gilt als abgeschlossen. Dieses Jahr sollen die Bagger zwischen Bürgermeister-Dehnkamp-Straße, Bahrsplate und Kläranlage Farge anrücken. Einer der Knackpunkte beim künftigen Hochwasserschutz war bisher der Vegesacker Hafen. Mehrere Ingenieurbüros hatten Döscher zufolge im Auftrag des Wirtschaftsressorts nach einer Lösung gesucht. "Wir haben erst überlegt, ob wir den Hafen dicht machen, in dem wir Schleusentore davor setzen." Diese zumindest technisch machbare Lösung sei aber zugunsten des Hafenbetriebs schnell verworfen worden.

Döscher skizziert die neuesten Pläne, die demnächst politisch beraten werden sollen: Vorhandene Schutzeinrichtungen werden verbessert. Die Treppe am Museumshaven etwa soll um eine Stufe erhöht werden, ebenso soll die dortige Spundwand und die beim Seniorenwohnheim vis a vis der "Schulschiff Deutschland" wachsen.

Eine Besonderheit stellt der Hochwasserschutz für das Haven Höövt dar. Der Grund: "Die definierte Hochwasserschutzlinie geht mitten durch das Gelände durch." Derzeit werde deshalb darüber nachgedacht, eine acht Meter hohe Spundwand rund ums Einkaufszentrum zu ziehen. Eine weitere Maßnahme betrifft die Alte Hafenstraße. Hier soll das große Fluttor ersetzt werden. Das bisherige, elektrische Tor sei nicht ganz wasserdicht und damit nicht sicher genug.

Einen Schritt weiter sind die Fachleute in Blumenthal: Für den Hochwasserschutz am BWK-Gelände liegen nach Döschers Worten Pläne in der Schublade, und für die Arbeiten auf dem Areal Fähranleger laufen Genehmigungsverfahren. Die Abwicklung birgt immer auch Konfliktstoff mit Grundstückseigentümern. Hintergrund: Die Mittel, die der Bund im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe Küstenschutz für Baumaßnahmen zur Verfügung stellt, dürfen nicht für private Flächen verwendet werden.

Deichhauptmann Michael Schirmer geht indes davon aus, dass die Deicherhöhung nicht die letzte war. "Wir sind 1:1 mit der Nordsee verbunden. Wir werden die Deiche alle 30 bis 40 Jahre erhöhen müssen." Wegen des Klimawandels und eines veränderten Meeresspiegels würden sich die Zyklen möglicherweise verkürzen. Die nächste Ausbaustufe könnte schon in 15 Jahren fällig sein.

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