Branche steht in Bremen unter Druck Wenn das Taxi still steht

30 Prozent der Wagen stillgelegt, Umsatzeinbruch von 80 Prozent, Kurzarbeit – eine Branche steht unter Druck. Unternehmer Koffi Doglo aber hofft, dass es 2021 besser wird.
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Von Helke Diers

Den Taxifahrern geht es wirtschaftlich schlecht. Wie schlecht, beschreibt mit Fred Buchholz der Vorsitzende der Zentrale Taxi-Ruf so: „Wir haben eine noch nie dagewesene Situation. Wir buhlen nicht nur um Verständnis, sondern auch um Hilfeleistung.“ Mit dem sogenannten Lockdown light seien die Umsätze erneut dramatisch eingebrochen. Taxifahrer und Unternehmer Koffi Doglo spricht von „großen, aber leeren Versprechungen.“ Er wisse nicht, wie er von den gesunkenen Einnahmen seine Familie ernähren solle.

Das Bremer Taxigewerbe sichert tausenden Menschen ihr Erwerbseinkommen. Buchholz erläutert, es gebe rund 480 Taxen in Bremen, von denen 422 über die Taxizentrale vernetzt seien. Rund einhundert Fahrer seien als Soloselbstständige unterwegs, in etwa gleich viele Unternehmer beschäftigten noch einmal 1200 Fahrer als Festangestellte oder Aushilfen.

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Von den über Taxi-Ruf vernetzten Taxen seien rund dreißig Prozent im Frühjahr stillgelegt worden. Der Umsatz sei um 80 Prozent zurückgegangen, sagt Buchholz. Gründe dafür seien fehlende Touristen und Veranstaltungen wie Fußballspiele, Messen oder Hochzeiten. Momentan spitze sich die Situation ähnlich zu, wie während des ersten Lockdowns. „Wir haben Umsatzrückgänge von 70 bis 75 Prozent.“ Im Tagesgeschäft würden viele kranke Menschen zu Behandlungen gefahren. „Das ist natürlich viel zu wenig, um alle Taxifahrer finanziell am Leben zu erhalten.“

Dass es nicht mehr reicht, spürt auch Koffi Doglo. Er ist Unternehmer mit zwei Taxen und fährt auch selbst. Vor der Pandemie beschäftigte der 49-jährige in seiner Firma Doglo’s Taxi Service zwei weitere Fahrer. Einer musste gehen, sagt er. Das Geld habe nicht mehr gereicht, im Frühjahr stand eines seiner Fahrzeuge still. Er hofft aber, den Fahrer nach der Pandemie wieder einstellen zu können – wann immer das sein mag. Er selbst arbeite manchmal 14 bis 16 Stunden am Tag. Oft sei er wach, bevor sein Wecker klingele, morgens zwischen vier und fünf. „In unserer Branche muss man viel Zeit investieren“, sagt Doglo. Trotzdem käme er nicht über die Runden.

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Die staatliche Unterstützung kommt nicht ausreichend an, finden viele Fahrer und Fahrerinnen. Der Bundesverband Taxi und Mietwagen (BVTM) hatte Ende November einen Brandbrief an die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) geschrieben. Es hieß, bei den finanziellen Hilfen fielen viele Unternehmer und Soloselbstständige durchs Raster. Kritisiert wurde unter anderem, dass die Unternehmer sich von der Überbrückungshilfe keinen Lohn auszahlen durften. Das sei ein Problem für die regelmäßig selbstfahrenden kleinen Inhaber. So ist es auch bei Doglo. „Ich brauche auch als Chef Unterstützung. Ich habe keine Einnahmen, wie soll ich meine Familie ernähren?“, sagt er. „Meine Familie und meine Kinder, alle leiden unter dieser Situation. Es ist eine ganz, ganz bittere Zeit“, findet der Vater von vier Kindern.

Mit den sogenannten Novemberhilfen werden Unternehmen unterstützt, die geschlossen wurden oder direkte Vertragspartner der geschlossenen Unternehmen sind. Taxiunternehmen seien laut BVTM davon nicht erfasst. „Novemberhilfen bekommen wir nicht, weil unsere Gäste nicht die geschlossenen Hotels und Restaurants sind, sondern eben deren Gäste“, heißt es. „Wir sind nur indirekt von den Schließungen abhängig“, erläutert Buchholz von der Taxi-Zentrale. Unter dem Titel „Es ist fünf vor zwölf – Bitte helfen Sie uns!“ hätte die Bremer Fachvereinigung Personenverkehr kürzlich einen Brief an die Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) geschrieben. „Wir hoffen auf Unterstützung“, sagt Buchholz, der auch der Vorsitzende der Fachvereinigung ist. Auch in der Zentrale Taxi-Ruf seien alle 35 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

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Vielleicht könnten die leeren Taxen das gebeutelte Gesundheitssystem unterstützen, hofft Buchholz. Die Taxen könnten kurzfristig bei der Verteilung von Impfstoffen oder für den Transport von Risikogruppen eingesetzt werden. „Unsere Fahrzeuge sind da und stehen nutzlos am Taxenplatz“, sagt er. Aber, das müsse auch jemand bezahlen, gibt er zu bedenken. Die Taxen seien alle mit Trennwänden ausgestattet und die Fahrer seien angehalten, Masken zu tragen.

Wie wird es nach der Pandemie im Bremer Taxigewerbe aussehen? Unternehmer Doglo sagt: „Ich gehe davon aus, dass viele Kollegen aufgeben und das nicht überstehen werden.“ Ähnlich sieht das Buchholz. „Wir haben in diesem Jahr noch keine Schließungen, aber wir erwarten das fürs nächste Jahr. Es ist sehr, sehr schwierig, sich über Wasser zu halten.“ Koffi Doglo hofft, nicht zu den Unternehmern zu gehören, die nach der Pandemie nicht mehr am Markt zu finden sind. Er sagt: „Ich werde hart kämpfen, um die Pandemie zu überstehen. Das ist meine Existenz.“ So denken auch viele seiner Kollegen. Sie alle eint die Hoffnung: 2021 wird ein besseres Jahr.

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