Zweiter Lockdown trifft Taxibranche mit Wucht Bremer Taxi- und Mietwagengewerbe in Not

Nur mit Not kommen Taxiunternehmen über die Runden. In Bremen-Nord und im Umland halten sich die Firmen vor allem mit Krankenfahrten über Wasser.
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Von Imke Molkewehrum

Die Corona-Pandemie bringt auch das hiesige Taxi- und Mietwagengewerbe in Not. Bundesweit leidet die Branche unter dem abermaligen Lockdown. Süleyman Özdemir lässt sich trotzdem nicht entmutigen. Der 44-Jährige ist einer von vier Einzelunternehmern, deren Mietwagenbetrieb in Vegesack unter dem Namen „Autoruf Günther“ firmiert. „Unser Unternehmen existiert seit 35 Jahren, und wir hatten schon mal solche Probleme“, sagt er.

„Die Zeit ist natürlich sehr schwierig, aber auch die Umstellung von Mark auf Euro hat uns 1999 fast das Genick gebrochen“, betont Özdemir. „Plötzlich hatten die Menschen nur noch 1500 Euro statt 3000 Mark im Portemonnaie.“ Das habe sich anfangs auf das Konsumverhalten ausgewirkt. In schlechter Erinnerung hat er auch die Gesundheitsreform im Jahr 2005. „Bis dahin konnte jeder mit dem Taxi zum Arzt fahren.“ Fortan hätten die Krankenkassen aber nur noch chronisch Kranken diese Fahrten erstattet. „Das hat uns hart getroffen.“

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Aktuell manifestiere sich die Corona-Krise vor allem in der Nachtschicht. Özdemir: „Abends ist es richtig tot.“ Nach 18 Uhr seien etwa 80 Prozent der Einnahmen weggebrochen. „Kneipen, Bars, Diskotheken, Theater, Kino – alles dicht.“ Fehlen würden auch Anrufe aus Spielhallen. „Tagsüber laufen deshalb nur noch elf statt 15 Wagen, abends sieben statt 13. Und mein Acht-Personen-Fahrzeug steht seit Anfang November zum zweiten Mal still, während die Kosten weiterlaufen“, erklärt der Nordbremer. Autoruf Günther habe bei den Nachtfahrten deshalb Kurzarbeit angemeldet. „Und ich fahre selbst sehr viel, weil ich mich durchboxen muss, um die Kosten abzudecken.“

Für gewöhnlich sei der Dezember ein besonders umsatzstarker Monat, so Özdemir. „Fahrten zu Einkäufen, Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmärkten – wahrscheinlich fällt das alles weg.“ Zwar sei der aktuelle Lockdown nur bis zum 20. Dezember geplant, „aber auch zu Weihnachten und Silvester wird vermutlich nicht viel passieren“, ahnt der Unternehmer.

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Über Wasser hält sich die Branche derzeit mit den regelmäßigen Krankenfahrten zur Dialyse, Chemo- oder Strahlentherapie. „Aber diese Touren können gerade unsere Kosten überbrücken“, betont Özdemir. Zudem sei auch die Anzahl der Krankenfahrten gesunken, womöglich weil aktuell viele Menschen auf weniger dringliche Arztbesuche verzichteten oder Angst um ihre Sicherheit hätten. Dabei seien einige Wagen mit Trennwänden – sogenannten Spuckwänden – ausgerüstet.

Die Sicherheit sei gewährleistet, versichert auch Reinhold Wagner, Chef des Taxi- und Mietwagenunternehmens „Funkwagen Susi“. „Unsere Fahrer tragen Mund-Nasen-Schutz, und wir haben alle Fahrzeuge bis zur Decke mit Plexiglasscheiben zwischen den Vorder- und Rücksitzen ausgestattet.“ Aber auch Wagner hat weniger Fahrzeuge im Einsatz: 30 statt 35. Über Wasser hält sich auch seine Firma mit Touren zu Therapien oder Ärzten. Fahrten zu ambulanten Behandlungen im Zentrum für Geriatrie im Klinikum Bremen-Nord fallen dagegen derzeit weg. „Das ist nun schon zum zweiten Mal geschlossen“, erklärt Wagner.

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Weit massiver seien die finanziellen Einbußen jedoch nachts. „Da fällt fast alles flach, wir haben im Nachtgeschäft einen Rückgang um 90 Prozent.“ Im Einsatz seien deshalb gegenwärtig nur zehn Autos, aber selbst die haben nicht genügend zu tun, bedauert der 60-Jährige. Von ursprünglich 120 Frauen und Männern seien gegenwärtig nur noch 70 bis 80 seiner Taxifahrer im Einsatz. Einige Fahrer seien aktuell in Kurzarbeit, und Aushilfen könnten gar nicht mehr beschäftigt werden.

„Fördermittel des Staates haben wir beansprucht, um weitermachen zu können, aber das füllt die Lücke nicht“, sagt Reinhold Wagner. Schließlich seien die Versicherungsbeiträge für Taxen extrem hoch, und die Abtragskosten für die Fahrzeuge eine zusätzliche finanzielle Belastung. „Die Einnahmen brechen weg, aber die Kosten bleiben – auch für die Pacht des Geländes.“

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Die Lockerungen nach dem ersten Lockdown hat der Taxi-Unternehmer sofort gespürt. „Aber seit November geht es wieder rapide nach unten. Wenn das so weitergeht, kriegen wir massive Probleme. Deshalb hoffen wir auf die Impfung, damit alles wieder gelockert wird.“

Thomas Reichelt ist Inhaber der Firmen Autoruf Nord und Schwaneweder Taxiruf. „Bundesweit geht es der Branche ähnlich. Die Unternehmen, die es noch gibt, bewegen sich im Krankenwesen. Alle übrigen sind tot“, sagt der 37-Jährige Familienvater. „Hätte ich diese Kunden nicht, wäre ich schon längst weg vom Fenster.“ Hart getroffen habe die Krise jene Unternehmen, die sich immer nur am Hauptbahnhof oder Flughafen platziert hätten, um Geschäftskunden abzufangen. „Diese Rosinenpickerei ist jetzt vorbei. Den kleinen Krauter, der stattdessen auch normale Touren gefahren hat, so wie ich, den gibt es dagegen noch.“

Thomas Reichelt hat einen Fuhrpark mit 19 Fahrzeugen, von denen vor Corona stets 15 im Einsatz waren. Aktuell sind nur noch sechs bis sieben Fahrzeuge auf Tour, beispielsweise für feste Fahrten mit Schülern, die allerdings inzwischen auch nicht mehr verlässlich stattfinden. „Vor der Krise hatten wir 80 bis 85 Prozent feste Touren, unter anderen zum Martinshof. Aber die arbeiten derzeit auch nicht“, erklärt Reichelt und ergänzt: „Das alles muss ein Ende finden, das überlebt kein Unternehmen.“

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