Kommentar über den Stolberg-Prozess Tiefe Einblicke

Das Gerichtsverfahren hat tiefe Einblicke in eine Welt erlaubt, die sich sonst eher abschottet, kommentiert Jürgen Hinrichs zum Stolberg-Prozess.
15.03.2018, 20:28
Lesedauer: 2 Min
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Tiefe Einblicke
Von Jürgen Hinrichs

Es war zäh zuletzt. Der Prozess gegen Niels Stolberg und drei seiner früheren Angestellten wollte einfach kein Ende nehmen. Selbst bei denen, die am Donnerstag verurteilt wurden, dürfte sich Erleichterung darüber einstellen, dass die strafrechtliche Würdigung der Betrügereien bei Beluga nun abgeschlossen ist. Zumal die drei Männer aus dem Management Haftstrafen bekommen haben, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Ins Gefängnis muss allein Stolberg. Er trägt als ehemaliger Reeder von Beluga die Hauptverantwortung.

Das Gerichtsverfahren hat tiefe Einblicke in eine Welt erlaubt, die sich sonst eher abschottet. Wie ein Unternehmen wächst und wächst, so schnell, dass die internen Strukturen nicht nachkommen und Chaos herrscht. Das war bei Beluga so. Wie alles auf eine Person zugeschnitten ist, auf Stolberg, der nicht delegieren kann, seinen Führungskräften letztlich kein Vertrauen schenkt, ins Trudeln gerät und sich irgendwann nur noch mit Betrug zu helfen weiß. Wie in Bremen aus der anfänglichen Distanz zu dem hemdsärmeligen Unternehmer zuletzt Bewunderung wurde, die keine Kritik mehr zuließ. Stolberg wurde hofiert. Er war Bremer Unternehmer des Jahres, Genosse bei der Eiswette und Schaffer bei der Schaffermahlzeit. Mehr geht nicht für einen Kaufmann in Bremen. Jetzt ist er ein Betrüger.

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Spannend auch, Einzelheiten über das Gebaren der Banken und Wirtschaftsprüfer zu erfahren. Sie tragen einen Teil der Verantwortung für das Beluga-Desaster, werden dafür aber nicht bestraft. Die Banken haben mindestens nachlässig gehandelt, wenn sie nicht gar gewusst haben, dass die Darlehen für Beluga nicht an genügend Eigenkapital gekoppelt waren. Vor allem die damalige Bremer Landesbank hat sich nicht mit Ruhm bekleckert und im Übrigen völlig falsch eingeschätzt, wie sehr sie vom Beluga-Prozess betroffen ist.

Die Wirtschaftsprüfer sind noch ein ganz anderes Kapitel. Sie haben vor dem Verkauf von Anteilen der Reederei an einen Hedgefonds aus den USA intensiv die Bilanzen des Unternehmens studiert, wollten aber nichts von den Unregelmäßigkeiten bemerkt haben. Das stinkt zum Himmel. Wirkliche Aufklärung gab es darüber vor Gericht nicht, nur Hinweise, doch das genügte schon.

Beluga ist Geschichte. Stolberg mit seinen Geschäften nicht unbedingt, er ist trotz seiner Privatinsolvenz in den vergangenen Jahren wieder sehr rührig gewesen. Was Bremen auf jeden Fall von ihm und seinem früheren Unternehmen bleibt, ist das schöne Gebäude auf dem Teerhof.

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