Tierschutz in Bremen

Amtstierärztin: Diese Probleme gibt es fast täglich bei der Tierhaltung

Viele Menschen haben Haustiere. Doch nicht alle wissen auch, mit ihnen umzugehen. Diana Scheffter, Tierärztin des Bremer Veterinäramts, erklärt, mit welchen Haltungsproblemen sie täglich konfrontiert ist.
24.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Simon Wilke
Amtstierärztin: Diese Probleme gibt es fast täglich bei der Tierhaltung

Hunde brauchen laut der Amtstierärztin Auslauf. Ein Balkon reicht dafür nicht.

Veterinäramt Bremen

Ein Haustier ist schnell angeschafft, doch ein Nachweis darüber, dass das neue Herrchen oder Frauchen mit den Bedürfnissen und Anforderungen des Tieres vertraut ist, wird in Bremen nicht gefordert. Oft überraschen schon anfallende Tierarztkosten oder der Pflegeaufwand unerfahrene Tierbesitzer. Wird deshalb der Arztbesuch verschoben oder die Hygiene vernachlässigt, leiden die Tiere. Dann ist es die Aufgabe von Diana Scheffter und ihren Kollegen, zu reagieren.

Die Tierärztin beim Bremer Veterinäramt unterstützt überforderte Hundehalter, beschlagnahmt verwahrloste Katzen und ist Sachverständige vor Gericht, wenn Angler ihren Fang verbotenerweise zurück ins Wasser werfen. Scheffter erklärt, welche Verstößen gegen den Tierschutz in der Hansestadt an der Tagesordnung sind.

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Hunde: „Ein großes Thema ist, der tägliche Auslauf. Seine Bedeutung wird oft völlig unterschätzt“, sagt die Tierärztin. Hunde hätten einen Bewegungs- und Erkundungsdrang, sie arbeiteten viel über die Nase. „Dazu müssen sie Reize aufnehmen. Sie brauchen die Gerüche und Botschaften anderer Hunde und auch den direkten sozialen Kontakt zu ihnen“, so Scheffter weiter. Es ginge nicht, dass Hunde nur im Garten oder Hof gehalten werden – womöglich noch angeleint. „Sie brauchen viel Auslauf und auch mal die Möglichkeit zu toben.“

Die Tierärztin verweist des weiteren auf die sogenannten Sinushaare von Hunden, die hauptsächlich an der Schnauze und über den Augen sitzen und wichtige Tastorgane für die Tiere sind. Scheffter: „Was aber viele tun: Sie bringen ihre Hunde zum Tierfrisör, wo die Tiere in der Regel auch im Gesicht geschoren werden. Da geht es oft nur um die Optik, aber jedes Abschneiden oder Kürzen dieser Haare stört massiv die Orientierung und die Erfassung wichtiger Einflüsse aus der Umgebung.“ Die Amtstierärztin hebt hervor, dass es eben keine normalen Haare, sondern Sinnesorgane seien. „Da darf man gar nicht ran. Viele wissen das nicht, aber eigentlich darf nur um diese Haare herum geschnitten werden.“

Risiko Auslandhund

Auch vor dem Risiko eines Auslandhundes warnt Scheffter, denn viele Tiere kämen aus Gebieten, in denen es noch Tollwut gebe. Gegen die Krankheit könnten Hunde jedoch erst mit zwölf Wochen geimpft werden und danach dauere es drei Wochen bis der Impfstoff wirke. "Alle Auslands-Hunde, die vor der 16. Woche hierher kommen, müssen in Quarantäne", sagt die Tierärztin. "Wir holen sie dann aus den Wohnungen und bringen sie ins Tierheim.

Die Besitzer sind oft ahnungslos, und die Hunde leiden, weil ihre Isolation mitten in eine starke Sozialisations- und Prägephase fällt." Den Verkäufern geht es laut Scheffter oft nur um schnelles Geld. "Für ehemalige Straßenhunde gilt grundsätzlich: Es kann gut gehen, aber es kann auch richtig schief gehen." Viele Hunde, die vorher freien Auslauf gewöhnt gewesen seien, seien nun plötzlich in einer Wohnung gefangen. "Wer zusätzlich an einen Angsthund gerät, kann eigentlich nur noch zum Hundeprofi werden", so die Tierärztin.

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Pferde: „Als Pferdehalter in Bremen muss man wissen: Auf unserem Marschboden ist eine ganzjährige Weidehaltung schlicht nicht möglich“, sagt Scheffter. Pferde benötigten genau wie wir Menschen Tiefschlafphasen, und in denen funktioniere der Muskeltonus nicht. Daher müssten sich Pferde hinlegen können. „Aber im Herbst und Winter entsteht aus grünen Weideflächen tiefgründiger Morast“, sagt die Tierärztin weiter, „und ist der Boden morastig legen sich die Pferde nicht ab.“

In der Folge würden die Tiere so lange stehen, bis sie irgendwann so übermüdet seien, dass sie zusammenbrechen und sich verletzen. Die Halter wüssten dann oft gar nicht, woher die Verletzungen stammen. Auch vor hartem Untergrund wie Pflastersteinen warnt die Tierärztin. „Pferde brauchen einen ausreichend großen, trockenen Unterstand und eine weiche, verformbare Liegefläche“, so Scheffter weiter. Manche Pferdehalter in Bremen hätten das gar nicht.

Pferde mit einer relativ kleinen Weide.

Pferde mit einer relativ kleinen Weide.

Foto: Veterinäramt Bremen

Pferde sind Fluchttiere

Ein anderes Problem sind nach Angaben von Scheffter Zäune. „Pferde sind Fluchttiere und haben ein sehr eingeschränktes Sichtfeld“, begründet sie. „Drahtzäune, die häufig auch für die Einzäunung von Rindern verwendet werden, können sie nur schwer wahrnehmen, wenn sie sich erschrecken und plötzlich loslaufen.“ Es brauche also entweder Holzbalken oder eine sichtbare sogenannte Litze, die vor den Zaun gespannt werde.

Auch beim Füttern von Heu und Silage aus einem Rundballen passieren laut Scheffter Fehler. Oft werde der Ballen auf die Weide gestellt, ohne vorher die Ummantelung aus Netz und Kunststoff zu entfernen. Dann bestünde die Gefahr, dass Pferde die sich beim Fressen die Zunge abschnüren oder der Kunststoff in den empfindlichen Magen-Darmtrakt des Pferdes gelangt.

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Papageien: „Wer Papageien halten will, braucht mindestens zwei von ihnen und muss sich bewusst sein, dass die Tiere bis zu 50 Jahre alt werden können“, sagt die Amtstierärztin. Mit Katzen oder Hunden könne man sie nicht halten: „Sie werden keine Freunde.“ Die Vögel hätten oft nur keine andere Möglichkeit zur Interaktion. „Es ist die bloße Not, auch wenn viele Halter überzeugt sind, dass alles gut ist.“

Papageien werden viele Jahrzehnte alt.

Papageien werden viele Jahrzehnte alt.

Foto: Veterinäramt Bremen

Vögel müssen fliegen können

Außerdem brauchen große Vögel laut Scheffter ein eigenes Vogelzimmer, in dem nicht geraucht werden dürfe. „Sie müssen fliegen können, knabbern, interagieren“, so die Tierärztin weiter. Bloß ein großer Käfig reiche nicht aus. „Papageien sind intelligent und brauchen Beschäftigungsmaterial, das der Natur nachempfunden ist“, so Scheffter weiter. Äste würden immer nachgeben, doch in vielen Käfigen sprängen die Vögel stattdessen immer auf feste Stangen, die überall gleich dick sind.

Die Amtstierärztin weist zudem darauf hin, dass Papageien ein UV-sensibles Sehvermögen haben. „Sie brauchen Licht, das für Vogelhaltung geeignet ist. Fernseher oder Computerbildschirme im gleichen Raum gehen gar nicht“, empfiehlt sie.

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Kaninchen: „Man muss es immer wieder sagen: Kaninchen sind keine Schmusetiere, auch wenn viele Leute sie für ihre Kinder anschaffen“, sagt Scheffter. Kaninchen und auch Meerschweinchen wollten aber nicht gestreichelt werden, es sei denn, sie suchten die Nähe zum Menschen freiwillig. „Sie wollen hoppeln, Männchen machen und Mulden scharren“, so die Amtstierärztin.

Kaninchen brauchen mindestens sechs Quadratmeter Platz.

Kaninchen brauchen mindestens sechs Quadratmeter Platz.

Foto: Veterinäramt Bremen

Zudem brauchen sie den Angaben zufolge ständig Raufutter zur Verdauung, Stroh und Heu und eine Gelegenheit sich zurückzuziehen und zu schlafen. Entsprechend groß und ausgestattet müsse ihr Gehege sein – zwei Kaninchen brauchen laut Scheffter mindestens sechs Quadratmeter. „Viele Halter, auf die wir treffen, sind im guten Glauben, dass sie alles richtig machen – und dann stimmt da gar nichts“, so die Expertin. Man solle außerdem immer den Versuch starten, sie mit anderen Kaninchen zu vergesellschaften. „Kaninchen, denen es schlecht geht, leiden still“, sagt sie weiter. Sie seien klassische Beutetiere, und sie würden nie Laut geben, um mögliche Räuber nicht auf sich aufmerksam zu machen.

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