Kundschaft bleibt zurückhaltend

Tourismusbranche setzt auf den Sommerurlaub 2021

Die Deutschen halten sich beim Buchen ihres Sommerurlaubs für 2021 noch sehr zurück. Wenn sie schon buchen, dann Urlaub im eigenen Land. Damit setzt sich ein Trend aus diesem Sommer fort.
05.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Tourismusbranche setzt auf den Sommerurlaub 2021
Von Marc Hagedorn

Die Reiseveranstalter versuchen, Optimismus zu verbreiten. Viele Kunden zögern aber nach wie vor mit Neubuchungen. Und die Reisebüros fürchten mehr denn je um ihre Existenz. Die Corona-Krise mit all ihren Einschränkungen und Ungewissheiten wirkt sich auch auf die Urlaubsplanungen der Deutschen für den kommenden Sommer aus. Wenn schon gebucht wird, stehen vor allem Ziele innerhalb Deutschlands und im benachbarten Ausland hoch im Kurs.

„Die Vorausbuchungen sind vielversprechend und liegen aktuell deutlich über den vergleichbaren Vorjahreswerten“, sagt Anja Braun, Sprecherin von Branchenprimus Tui. „Reisen bleibt für die Deutschen auch in Zeiten von Corona eine Herzensangelegenheit.“ Spanien, Griechenland, die Türkei und Italien werden nach Einschätzung des Reiseveranstalters aus Hannover weiterhin zu den Top-Zielen zählen, Corona zum Trotz.

Lesen Sie auch

Der Tourismusforscher Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen glaubt, dass bei solchen Aussagen „auch eine Portion Zweckoptimismus“ im Spiel ist. Tatsächlich tragen zu den positiven Zahlen Buchungen für Reisen aus diesem Sommer bei, die nicht angetreten wurden, sondern ins kommende Jahr verschoben worden sind.

Frank Brakebusch hat noch nicht feststellen können, dass die Zahlen bei den Vorausbuchungen über den Vorjahreswerten liegen. Der Inhaber des Bremer Reisebüros Cockpit sagt: „Die Kunden halten sich zurück. Die Verunsicherung ist einfach zu groß. Die Leute wollen gerne Urlaub machen, das stimmt, das Fernweh ist da. Aber die Lage ändert sich im Moment ja ständig. Wie geht's mit Corona weiter? Welche Quarantäne-Regeln gelten gerade? Wie sicher ist der Arbeitsplatz? Wie lan­ge herrscht in meinem Betrieb noch Kurzarbeit? Wer sich solche Fragen stellen muss, ist bei der Urlaubsplanung sehr vorsichtig.“

Lieber Selbstversorger an der Ostsee

Was die Erfahrungen des Corona-Sommers 2020 und erste Ergebnisse aus der Marktforschung gezeigt haben, scheint auch der Trend für 2021 zu sein: Die Deutschen haben ihr eigenes Land als Urlaubsziel für sich entdeckt, und zwar nicht nur für drei- oder viertägige Kurzreisen, sondern als vollwertigen Ersatz für den mehrwöchigen Jahresurlaub. Johann Taddigs, Kurdirektor des Nordseebades Dangast, sagt: „Die Orte an der Küste sind für viele Gäste vom Zweiturlaubsziel zum Ersturlaubsziel geworden.“ Reisebüro-Betreiber Brakebusch drückt es so aus: „Man ist während Corona lieber Selbstversorger an der Ostsee als All-inclusive-Urlauber im Süden.“

Tourismusforscher Hartmann kann das bestätigen: „Die Hälfte derjenigen, die überhaupt noch Urlaub gemacht haben, hat ihn in Deutschland verbracht, ein weiteres Viertel in den Nachbarländern.“ Das ist ein anderes Bild als vor Corona. Sonst lag der Anteil derjenigen, die im Land geblieben sind, deutlich niedriger, etwa bei einem Drittel.

Lesen Sie auch

Und an der Nachfrage für die deutsche Küste wird sich wohl auch im nächsten Sommer nichts ändern. Zwar liegen Armin Kanning keine genauen Zahlen vor, aber aus Abfragen bei Hoteliers und Vermietern von Ferienwohnungen weiß der Geschäftsführer der Wangerland Touristik GmbH: „Es wird schon seit geraumer Zeit und deutlich mehr als sonst für den nächsten Sommerurlaub bei uns gebucht.“

Deutliche Buchungszuwächse

Die Reiseveranstalter haben auf diesen Trend verstärkt reagiert, sie haben ihre Reiseziele entsprechend angepasst. „Aktuell ist das Angebot so groß wie nie zuvor“, sagt Tui-­Sprecherin Braun. 25 Prozent aller Deutschlandurlauber, die mit Tui reisen, verbringen ihre Ferien an der Ostseeküste. „Tendenz ­steigend“, sagt Braun. „Von deutlichen Buchungszuwächsen“ spricht auch der Reiseanbieter FTI.

Die Tourismusbranche leidet trotzdem nach wie vor unter Corona, „so stark wie nur wenige andere Branchen“, sagt Forscher Hartmann. Die Pandemie hat Reiseanbieter, Fluggesellschaften, Hotelbetreiber und Reisebüros in eine tiefe Krise mit teils hohen Verlusten gestürzt. Das Neugeschäft brach mit Corona-Beginn ein, bereits gebuchte Trips wurden abgesagt. Anzahlungen mussten zurückgezahlt werden, wenn Urlauber nicht umbuchten oder Gutscheine akzeptierten.

Lesen Sie auch

Besonders hart trifft es die Reisebüros. „Bei ihnen wird es eine große Welle an Geschäftsaufgaben geben“, prognostiziert Hartmann. Aber auch Veranstalter und Fluggesellschaften, die Staatshilfen in Milliardenhöhe erhalten haben, kämpfen um ihre Existenz.

Reiseveranstalter wie Tui und FTI versuchen, die Kunden mit besonders flexiblen, kostenlos umbuchbaren und günstigen Angeboten zu locken. „An der Preisschraube zu drehen, ist eine mögliche Maßnahme“, sagt Tourismus-Professor Hartmann, „aber ich erwarte nicht, dass die Rabatte über das normale Maß hinaus gehen.“ Aus der FTI-Zentrale in München heißt es: „Wir gehen davon aus, dass die Preise im Durchschnitt sehr stabil bleiben, für einige Zielgebiete sogar eher sinken werden.“

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+