Urlaub in Corona-Zeiten

Das Fernweh bleibt auch in den Herbstferien

Das Auswärtige Amt hat für viele europäische Länder eine coronabedingte Reisewarnung ausgesprochen. Urlaubsreisen ins Ausland könnten also auch in den Herbstferien nur schwer möglich sein.
28.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Heike Jahberg

Selbst für Royals sieht der Herbsturlaub in diesem Jahr anders aus: Statt wie sonst im schottischen Balmoral Moorhühner zu schießen, hat sich die Queen nach Ostengland zurückgezogen. Auf der abgelegenen Wood Farm in der Nähe des Dorfes Wolverton sind sie und ihr Mann Philipp vor störenden Besuchern und Paparazzi sicher. Und vor unliebsamen Hinterlassenschaften der Touristen. In der Nähe des schottischen Schlosses sammelt sich nämlich inzwischen das Klopapier von Wanderern. Wegen der Corona-Pandemie sind in Großbritannien viele öffentlichen Toiletten geschlossen.

Nicht nur die britische Königin leidet unter der Covid-Pandemie. Auch Zehntausende deutsche Urlauber müssen sich für die Herbstferien wohl ein anderes Ziel suchen, seitdem das Robert-Koch-Institut (RKI) kürzlich die Hälfte der europäischen Länder ganz oder teilweise zu Risikogebieten erklärt und das Auswärtige Amt entsprechende Reisewarnungen nachgeschoben hat. Sollte sich die Lage nicht schnellstens entspannen, fallen Pauschalurlaube in Lissabon, Bornholm und Vorarlberg im Herbst genauso aus wie der Mallorca-Trip.

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Wer Flug und Ferienwohnung in Wien oder Dublin auf eigene Faust gebucht hat, kann zwar reisen, muss aber anschließend einen negativen Corona-Test vorlegen, um nicht in Quarantäne zu landen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant bereits eine Verschärfung. Er will eine Zwangsquarantäne für Reiserückkehrer aus Risikogebieten, unklar ist nur, ob diese noch im Oktober eingeführt wird oder erst im November.

Die Reisebranche hofft, zumindest für diese Herbstferien noch einmal davonzukommen. Denn eine Zwangsquarantäne würde wohl auch die letzten Unerschrockenen von Auslandsreisen abhalten. Die Zeit läuft für die Veranstalter: Am 5. Oktober beginnen bereits die ersten Ferien in Hamburg, Hessen und Schleswig-Holstein, Bremen , Niedersachsen und das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen folgen eine Woche später.

Liste der Risikogebiete wird länger

Viele Menschen haben ihren Sommerurlaub wegen Corona verschoben und wollten im Herbst Sonne tanken. Die Hoffnung, dass sich die Lage entspannt, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil. Die Liste der Risikogebiete wird länger. Auch Fernreisen bleiben ein frommer Wunsch, obwohl die pauschale Reisewarnung für Drittstaaten am 30. September ausläuft. „Voraussichtlich wird sich nicht viel ändern“, warnt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband (DRV). Denn statt der pauschalen Warnung wird es länderspezifische Einschränkungen geben. Wahrscheinlich würden dann wieder Pauschalreisen nach Tunesien und Georgien möglich sein, glaubt Schäfer. Doch wichtiger wäre für die Reisebranche, dass Spanien – das beliebteste Auslandsziel der Bundesbürger – wieder für Urlauber geöffnet wird.

Auf Lanzarote, Formentera und Menorca gebe es keinen Corona-Hotspot, gibt DRV-Präsident Norbert Fiebig zu bedenken. Anders als in Bayern. Dennoch empfehle Spahn, den Herbsturlaub in Deutschland zu verbringen. „Absurd“ sei das, ärgert sich Fiebig. Doch die Menschen sind verunsichert, verständlicherweise. Sie buchen ihren Urlaub daher derzeit extrem kurz- oder sehr langfristig. Drei Viertel aller Buchungen im September betrafen Reisen im selben Monat oder im Oktober, heißt es beim DRV. Europas größter Reiseveranstalter Tui hat für das Winterprogramm ein Fünftel der Angebote gestrichen. Griechenland gehe derzeit gut, Zypern, Italien, Portugal und auch die Türkei, berichtet ein Tui-Sprecher. Doch die Lage ist fragil. Seit Mittwoch steht Lissabon auf der RKI-Liste der Risikoländer.

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Und auch ein Türkei-Urlaub ist nicht ohne Risiken. Zwar hat Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) die Reisewarnung für Badeorte an der türkischen Küste aufgehoben, die Türkei ist aber weiterhin Risikogebiet. Reisende müssen vor ihrem Heimflug noch in der Türkei einen Corona-Test machen. Das Problem: Zeigt der Test eine Infektion an, muss man in Quarantäne. In der Türkei.

Lust auf Urlaub kommt da nicht auf. Das gilt auch für die Kreuzfahrten. Das Geschäft ist praktisch tot. Wochenlang schipperten Tui-Schiffe auf der Nord- und Ostsee herum, Landgänge waren verboten. Seit Kurzem gibt es erste Trips nach Griechenland, bei denen die Urlauber auch mal aussteigen können.

Gegen Partytourismus vorgehen

„Kreuzfahrten ohne Landgang sind nur etwas für die harte Klientel“, sagt Karl Born. „Die Masse will auch Spaß haben“. Dennoch will der Tourismusexperte den Urlaub, wie wir ihn vor Corona kannten, nicht abschreiben. Die Menschen wollen reisen, davon ist Born überzeugt. „Fernweh ist so etwas wie ein Grundrecht, das kann man nicht unterdrücken“, meint er. Born hat für Condor gearbeitet und war lange im Vorstand der Tui, bis er Professor für Tourismusmarketing wurde. In diesem Jahr sieht auch er schwarz für den Auslandsurlaub, aber für die Saison 2021/2022 ist er optimistisch. In Deutschland, sagt Born, seien die Menschen doch auch nicht sicherer. „Es wird sich eine Portion Fatalimus breitmachen“, glaubt der Experte. Allerdings müssten die Behörden entschieden gegen den Partytourismus vorgehen.

Auch der Reiseverband hofft auf eine Trendwende und warnt vor einer Pleitewelle, falls sie nicht kommt. Bis Ende August haben Reiseveranstalter und -büros ein Umsatzminus von 20 Milliarden Euro verkraften müssen. Die Tui hat Ende August einen weiteren Staatskredit von 1,2 Milliarden Euro bekommen, nachdem der Konzern bereits im Frühjahr von der Staatsbank KfW ein Darlehen von 1,8 Milliarden Euro zugesichert worden war.

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Wenn die Lage unübersichtlich ist, bleibt man lieber zu Hause, wo weder Corona-Test noch Quarantäne drohen. Doch Schäfer hält das für trügerisch. „Deutschland-Urlaub ist nicht per se sicherer, wenn man an die vollen Strände an Nord- und Ostsee in diesem Sommer denkt“, gibt er zu bedenken. „In vielen Auslandsregionen war es leerer.“ Weil sich die Besucher zu sehr ballten, mussten Urlauber in Büsum, St. Peter Ording und auf Helgoland im Sommer in den Fußgängerzonen Masken tragen, für den Wochenmarkt in Büsum und die Straße an der Therme in St. Peter Ording gilt das noch heute.

Auch für den Herbst sind die Ferienregionen an der deutschen Küste gut gebucht. Wer jetzt noch eine Ferienwohnung auf Sylt oder Amrum reservieren will, tut sich schwer. „Es gibt jetzt schon eine feststellbare Verlängerung der Saison“, berichtet Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein. „Die Tourismusbetriebe im Land konnten jetzt schon viele Buchungen für September, Oktober und das Restjahr verzeichnen.“ Das hilft, die Zeit des Lockdowns im Frühling auszugleichen, als gar keine Urlauber ins Land durften.

Kurzfristig eine gute und bezahlbare Unterkunft finden

Doch obwohl die Touristen dann im Sommer die Küstenorte belagerten, wird das Urlaubsland Schleswig-Holstein in diesem Jahr insgesamt weniger Buchungen haben als im Vorjahr. Denn Deutschland-Urlaub war schon vor Corona gefragt, und in den Sommerferien war es auch in normalen Jahren schwer, kurzfristig eine gute und bezahlbare Unterkunft zu finden. Mehr als ausgebucht, kann ein Quartier nun einmal naturgemäß nicht sein.

Wie verrückt dieses Jahr ist, zeigt auch Venedig. Die Lagunenstadt kann sich normalerweise vor Touristen nicht retten und wollte sogar ein Eintrittsgeld einführen. Jetzt sind nur wenige Urlauber da. „Wir sind wieder geöffnet“, verkündete Bürgermeister Luigi Brugnaro der Welt. Auch für Venedig sieht der Urlaub 2020 anders aus.

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