Aktivisten appellieren an Politik

Trauermarsch durch die Bremer Innenstadt

Bremer Aktivisten der Ortsgruppe Extinction Rebellion haben am Erdüberlastungstag eine klare Botschaft an die Politik: Handelt jetzt!
29.07.2019, 06:50
Lesedauer: 4 Min
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Trauermarsch durch die Bremer Innenstadt
Von Elena Matera
Trauermarsch durch die Bremer Innenstadt

Aktivisten demonstrieren in Bremen.

Patrick Reichelt

Menschen lassen sich auf dem Hanseatenhof auf den Boden fallen. Still liegen sie dort, die Augen geschlossen, regungslos. Nebenbei wird eine Trauerrede gehalten. Es ist Montag, der 29. Juli, Earth Overshoot Day 2019 – Erdüberlastungstag. Das bedeutet: Alle natürlichen Ressourcen, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren und nachhaltig zur Verfügung stellen kann, sind an diesem Tag aufgebraucht – so früh wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr fiel der Tag noch auf den 1. August. Zuletzt lebten die Menschen vor rund 50 Jahren ressourcenschonend.

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Ein Grund zu trauern, finden die Mitglieder der Bremer Ortsgruppe Extinction Rebellion, übersetzt: Rebellion gegen das Aussterben. Die Aktivisten haben den Trauermarsch durch die Bremer Innenstadt organisiert. Von der Wachtstraße geht es über den Marktplatz durch die Obernstraße und die Llyod-Passage bis zur Sögestraße. An mehreren Orten, unter anderem auf dem Marktplatz, lassen sich die Aktivisten für einige Minuten wie tot auf den Boden fallen – ein Symbol für das Artensterben.

„Wir wollen friedlich rebellieren“, sagt Melanie Bergmann. Sie ist Meeresbiologin am Alfred-Wegener Institut in Bremerhaven und blickt besorgt in die Zukunft. „Der Klimawandel, das Artensterben – wir sind da mittendrin. Wir müssen endlich etwas unternehmen.“ Wenn Bergmann ihre Expeditionen in die Arktis unternimmt, erlebt sie hautnah, wie das Eis schmilzt, wie sich ein gesamter Lebensraum verändert. „Was in der Arktis passiert, betrifft letztendlich auch uns“, sagt sie.

Melanie Bergmann

Melanie Bergmann

Foto: Elena Matera

Viele Menschen würden das nicht begreifen wollen und die Wissenschaft gar anzweifeln. „Alle Arten hängen miteinander zusammen. Stirbt eine Art aus, betrifft es unmittelbar auch eine andere Art – und letztendlich auch uns Menschen.“ Mit Petitionen und Demonstrationen dringe man schon längst nicht mehr durch. „In den letzten Jahren hat sich einfach zu wenig getan.“ Es bedarf laut Bergmann daher mehr. Ziviler Ungehorsam sei das passende Stichwort, „damit die Regierungen weltweit endlich etwas unternehmen.“

"Regierung hat ihre Legitimität verwirkt"

Aus diesem Grund wurde die Bewegung Extinction Rebellion im Herbst 2018 von Wissenschaftlern in Großbritannien ins Leben gerufen. Das Ziel: die Regierungen dazu bewegen, den ökologischen Notstand zu erklären. Außerdem sollen die Forderungen von Extinction Rebellion umgesetzt werden, dazu gehört unter anderem eine gesetzliche Regelung zur drastischen Reduzierung von Treibhausgasen, aber auch die Einberufung einer Bürgerversammlung.

„Das unterscheidet uns auch von den anderen Gruppen, wie Fridays for Future“, sagt Hans-Alexander Meyer. Er ist Student und Aktivist bei Extinction Rebellion. „Die Regierung hat ihre Legitimität verwirkt. Es hat sich nichts verändert in den vergangenen Jahren – und die Erde leidet.“ Eine sogenannte Bürgerversammlung solle Maßnahmen für Klimagerechtigkeit und gegen die ökologische Katastrophe erarbeiten. „Irgendjemand muss es ja machen“, sagt Meyer.

Hans-Alexander Meyer

Hans-Alexander Meyer

Foto: Elena Matera

„Extinction Rebellion setzt auf den friedlichen Widerstand, zivilen Ungehorsam.“ Das bedeutet: Besetzung von Plätzen, Bahngleisen, Straßen. In London legten Mitglieder von Extinction Rebellion im vergangenen Jahr die Innenstadt eine Woche lang komplett lahm. Rund 6000 Menschen sind für den Protest aus ganz Großbritannien nach London gereist. Etwa tausend von ihnen wurden festgenommen. „Es gab keine Ausschreitungen, keine Gewalt,“ sagt Meyer. Die Bewegung werde durch eben solche Aktionen des zivilen Widerstands präsent. Aufgrund der Festnahmen müssten sich die Regierungen positionieren. Ein Positiv-Beispiel für gewaltfreien Widerstand ist laut Meyer etwa der Niedergang der DDR. „Wären da nicht jeden Tag Menschen auf die Straße gegangen, hätte es keinen zivilen Ungehorsam gegeben, dann hätte sich rein gar nichts geändert“, sagt Meyer. Er selbst würde das Opfer bringen, sich festnehmen zu lassen.

Henning von Freeden

Henning von Freeden

Foto: Elena Matera

"Keine reine Klimabewegung"

„Wir sind keine reine Klimabewegung“, sagt Henning von Freeden, ein Bremer Unternehmer und ebenfalls Aktivist bei Extinction Rebellion. Die Gruppe weise auf zahlreiche Phänomene hin: Überfischung, Glyphosateinsatz, Vermüllung, Abholzung, Artensterben. „Unser Konsumverhalten und unsere Wirtschaft sind grundlegend falsch, wir leben auf Kosten des Planeten.“ Das zeige gerade auch der Erdüberlastungstag. Von Freeden ist besorgt und ärgert sich vor allem über die kritischen Stimmen, die Klimabewegungen, wie Fridays for Future, aber auch die Gruppe Extinction Rebellion als linksradikal beschimpfen. Der Unternehmer ist selbst Parteimitglied bei der FDP. „Das Klima macht vor keiner Partei halt“, sagt er. „Die Natur, der Planet betrifft uns alle, egal ob man eher links oder konservativ eingestellt ist.“ Die deutsche Regierung müsse endlich harte Maßnahmen ergreifen. „Deutschland ist eines der Länder mit den höchsten Treibhausgasemissionen, wir haben noch immer kein Glyphosatverbot, wir tragen zu einer extremen Vermüllung bei, holzen Wälder ab“, sagt von Freeden. Wenn das Konsumverhalten nicht verändert werde, könnte es dramatische Folgen haben. „Für die Wirtschaft, für Landwirte, für alle Menschen“, sagt von Freeden.

Der Trauermarsch in der Innenstadt soll auf eben jene Thematiken aufmerksam machen. Er soll aber vor allem eine Botschaft für die Politik sein. „Es wird viel in der Politik geredet“, sagt von Freeden. „Doch Entscheidungen werden nicht getroffen.“ Eine Form der friedlichen Rebellion sei daher der einzige Schritt, „damit wir überhaupt noch zu der Regierung vordringen und etwas verändern können.“

Aktivisten in der Bremer Innenstadt.

Aktivisten in der Bremer Innenstadt.

Foto: Patrick Reichelt

Im Oktober soll eine Protestaktion der Bewegung Extinction Rebellion in verschiedenen Hauptstädten weltweit stattfinden – auch in Berlin. Bergmann, Freeden und Meyer wollen daran teilnehmen. „Wir müssen handeln“, sagt Bergmann. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder.“

Proteste auch in Hamburg

Bis zu tausend vor allem junge Menschen haben auch in Hamburg für einen nachhaltigeren Umgang mit den natürlichen Ressourcen demonstriert. Hinter einem Banner mit der Aufschrift „Endliche Ressourcen - Unendliche Ignoranz“ zogen die Demonstranten am Montag durch die Hamburger Innenstadt und forderten die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auf, wirksame Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung zu ergreifen.

Zu dem Protest aufgerufen hatten unter anderem die Schülerbewegung Fridays for Future, Greenpeace, BUND sowie das Zentrum für Mission und Ökumene. Während die Polizei von anfänglich 800 Teilnehmern sprach, schätzte eine Vertreterin von Fridays for Future die Zahl auf bis zu tausend.

Demonstration zum Earth Overshoot Day in Hamburg

Protestierende in Hamburg.

Foto: Markus Scholz/dpa
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