Aktionsbündnis „Kulturgesichter“

Bremer Veranstaltungsbranche macht Schicksale sichtbar

Die Veranstaltungsbranche ist seit dem Lockdown im März quasi mit einem Berufsverbot belegt. Die Bremer Kampagne „Kulturgesichter“ will nun auf die vielen verschiedenen Schicksale aufmerksam machen.
02.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Veranstaltungsbranche macht Schicksale sichtbar
Von Sigrid Schuer

Hinter jedem der insgesamt 120 sogenannten Kulturgesichter, die stellvertretend für viele Tausend Beschäftigte in der Bremer Kultur- und Veranstaltungsbranche stehen, verbirgt sich ein anderes Einzelschicksal. Sie arbeiten in einer Vielzahl unterschiedlicher Berufsbilder, vor und hinter den Kulissen. Seit dem Wochenende hängen die Plakate des Aktionsbündnisses „Kulturgesichter 0421“ an den Stellen, an denen sonst auf Konzerte und andere Veranstaltungen hingewiesen wird. „Ohne uns ist's still“ ist auf den Plakaten zu lesen.

Seit Mitte März hat es bundesweit keine Großveranstaltungen mehr gegeben. Daran wird sich auch bis zum Jahresende nichts ändern. Zwar tasten sich Theater und Konzerthäuser wie die Glocke vorsichtig zurück ins Kulturleben. Rentabel spielen können sie jedoch nicht unter den strikten Auflagen.

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Doppelt schwer trifft es den Kultur- und Veranstaltungssektor, der nicht subventioniert wird, sowie die vielen Einzelkämpfer, die sich als Solo-Selbstständige von Projekt zu Projekt durchschlagen müssen. Und die oft durch alle Förderraster fallen würden, sodass sie nicht mehr wüssten, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, sagt Oliver Mücke von Koopmann Concerts, einer der Sprecher des Aktionsbündnisses. „Gut möglich, dass die in andere Branchen abwandern“, sagt er.

Denn immer noch wird bundesweit über die Frage diskutiert: Was ist überhaupt eine Großveranstaltung? In Bremen bedeutet das: In geschlossenen Räumen sind 250 Menschen erlaubt, draußen 400. Auch diese Vorgaben seien wirtschaftlich kaum darstellbar, sagt Mücke. Dennoch sagt er: „Wir sind in sehr guten Gesprächen mit den Parteien in Bremen. Gemeinsam sind wir sehr bemüht, gute Lösungen zu finden.“

Alarmstufe Rot

Was aus seiner Sicht das Wichtigste ist: „Wir werden gehört“. Diesen Eindruck hat Mücke auch nach der Protestkundgebung des bundesweiten Aktionsbündnisses „Alarmstufe Rot“, zu der Anfang September Zehntausende Beschäftigte aus der Veranstaltungsbranche in Berlin zusammenkamen. In Bremen hatten sich unter der Flagge „Alarmstufe Rot“ zuletzt jeden Mittwoch Repräsentanten der Branche für ihre Anliegen stark gemacht.

„Seit dem 12. März sind wir als private Unternehmer quasi mit einem Berufsverbot belegt“, sagt Mücke. „Wir haben immer auf unser eigenes Risiko gearbeitet und sind von jetzt auf gleich unverschuldet in diese Situation geraten.“ Noch so ein Jahr wie dieses könne die Branche nicht verkraften. Zumal sie wohl eine der letzten sein werde, die unter normalen Vorzeichen wieder an den Start gehen könne. Aber was heißt das schon: Normalität in Zeiten wieder ansteigender Infektionszahlen in ganz Europa?

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Als Hotspots für Corona-Erkrankungen hätten sich private Feiern erwiesen, dort habe es in letzter Zeit viele Infektionen gegeben, sagt Mücke. Die Veranstaltungsbranche habe dagegen für das Management von Hochzeiten und ähnliche Veranstaltungen das Wissen in puncto Sicherheit und Hygiene: „Sie können uns ruhig machen lassen“, sagt Mücke.

Erst Mitte September habe es ein Treffen zwischen den Aktivisten der Kulturgesichter mit Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) gegeben. Im Mai habe es erste, konstruktive Gespräche mit Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) gegeben. Nun gelte es, kreative Lösungen zu finden. „Wir brauchen dringend Planungssicherheit und Stufenpläne“, sagt Mücke.

Finanzielle Unterstützung seitens des Senates im Gespräch

So soll das Pier 2 noch vor Jahresende als Ort für die Bremer Veranstaltungsbranche unter Corona-Bedingungen genutzt werden, mit einer Auslastung von bis zu 260 Plätzen. „Das ist für uns eine Möglichkeit, langsam wieder aus der Frustration herauszukommen“, sagt Mücke. Auch eine finanzielle Unterstützung seitens des Senates sei im Gespräch. Nicht nur bei Dienstleistern wie Technikern und Caterern sehe es böse aus, sondern auch bei denjenigen, die Infrastruktur wie Bühnen- und Lichtanlagen vermieteten. „Und wenn es die nicht mehr gibt, haben wir ein großes Problem“, sagt Mücke.

Alles in allem habe man bei Koopmann Concerts viel Rückenwind und Aufmunterungen, beispielsweise durch Mails, erfahren. „Das ist schon toll gewesen“, sagt er. Allerdings hätten seine Kollegen und er auch so manche negative Erfahrung einstecken müssen. So habe es auch genügend Konzertbesucher gegeben, die auf einer sofortigen Erstattung des Ticketpreises beharrt hätten, manchmal sogar inklusive der Reisekosten. Wie habe es Helmut Schmidt einmal so schön formuliert: „In der Krise zeigt sich der wahre Charakter.“ Mücke sagt: „Da waren wir froh, dass im Mai von der Bundesregierung die Gutscheinlösung beschlossen wurde, die bis 31. Dezember 2021 gilt.“

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