Nachbarn in Sorge um Erholungsgebiet

Streit über Videowand am Bremer Weserstadion

Die Anwohnerinitiative „Leben im Viertel“ ist in Sorge um das Naherholungsgebiet Pauliner Marsch und greift Bausenatorin Schaefer an. Anlass ist eine geplante Videowand.
07.08.2020, 04:54
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Sigrid Schuer und Mathias Sonnenberg
Streit über Videowand am Bremer Weserstadion

Nahe der Ostkurve wird am Weserstadion eine LED-Videowand installiert. Die sorgt für Ärger bei den Nachbarn des Naherholungsgebietes Pauliner Marsch.

nph / Stoever

Verträgt sich eine fast 28 Meter breite und acht Meter hohe Videowand am Weserstadion mit dem Naherholungsgebiet Pauliner Marsch? Stefan Schafheitlin, Mitglied des Beirates Östliche Vorstadt für die Anwohnerinitiative „Leben im Viertel“ (LIV), hat da so seine Zweifel.

In einem Protestschreiben kritisiert er massiv den Präsidenten von Werder Bremen, Hubertus Hess-Grunewald, und Bausenatorin Maike Schaefer. Schafheitlin fordert die Senatorin auf, die Bewilligung des Bauantrages zurückzunehmen und sich stattdessen für den Erhalt des Naherholungsgebietes Pauliner Marsch einzusetzen. Das heißt auch: jegliche weitere Bebauung in dem Gebiet abzulehnen. Das betreffe im übrigen auch den geplanten Bau eine neuen Leistungszentrums durch den SV Werder.

Aber um was geht es eigentlich? Die Initiative glaubt, dass die Videowand störend für die Nachbarschaft ist. Stefan Schafheitlin wörtlich in dem Schreiben: „Insbesondere bei Dunkelheit (in den Wintermonaten bis zu acht Stunden) bedeutet der Betrieb durch seine Lichtimmissionen eine massive Belästigung und Beeinträchtigung der Wohn- und Lebensqualität der Anwohnerschaft am Osterdeich.“ Werder will auf der Videowand den Stadionnamen „Wohnivest Weserstadion“ zeigen, bei Heimspielen sollen dort Besucherinformationen und Sicherheitshinweise eingeblendet werden. Befürchtungen, der Bundesligist würde über die Wand auch Werbung abspielen, widerspricht Werder. Das sei nicht geplant, heißt es.

Anwohnerschaft wurde nicht vom Bau informiert

Aber auch die Tatsache, dass die Bremer Weserstadion GmbH den Bau der Videowand am 12. Dezember 2019 bei der Bauaufsicht beantragt habe, ohne zuvor den Beirat oder die betroffene Anwohnerschaft am Osterdeich von dem Vorhaben zu informieren, ärgert die Anwohnerinitiative LIV. Das mag von Werder vielleicht unsensibel gewesen sein, aber war kein unkorrektes Vorgehen. Denn über Bauakten wird grundsätzlich nicht in öffentlichen Sitzungen debattiert. Der Beirat Östliche Vorstadt erfuhr erst von den Werder-Plänen, als der Bauantrag im Ortsamt landete. Und erteilte im Rahmen seines Beteiligungsrechtes dem Plan eine Absage, sagt Ortsamtsleiterin Hellena Harttung. Sie folgte dabei der Argumentation von LIV, dass die Videowand mit dem Charakter eines Naherholungsgebietes nicht vereinbar sei.

Weil die Baubehörde aber die Leinwand am Stadion genehmigt hatte, entstand nun eine Pattsituation. Wie in solchen Fällen üblich, folgte ein verpflichtendes Schiedsverfahren, in dem Fachleute sitzen und ein endgültiges Urteil fällen. Der Bauantrag von der Behörde sei von allen Seiten kritisch beleuchtet worden, versichert Jens Tittmann, Sprecher der Bausenatorin Maike Schaefer. Es habe sogar ein Imissions-Gutachten gegeben, um die Leuchtintensität der Leinwand zu messen. Beteiligte an diesem Gutachten behaupten, dass die Straßenbeleuchtung am Osterdeich heller sei als das Licht der Leinwand.

Lesen Sie auch

Jedenfalls hat das Gutachten belegt, dass die Leinwand eben nicht so hell ist, dass die Installation nicht genehmigt werden darf. Aber es wurde immerhin veranlasst, die Helligkeit der Lichtanlage herunterzudimmen. Zudem sei der Betrieb bis Mitternacht untersagt worden, sagt Tittmann. Die Videowand darf nun von 6 Uhr bis 22 Uhr betrieben werden. Für LIV ist das indessen schon zu viel: Die Betriebsdauer der Videowand von mindestens 16 Stunden täglich sei faktisch ein ganztägiger Störfaktor für das Naherholungsgebiet Pauliner Marsch.

Die Anwohnerinitiative argumentiert zudem, dass die Wand für die Eingangssituation in der Pauliner Marsch einschneidend sei. Denn durch die Videowand werde die einheitliche Fassadengestaltung zerstört, die seinerzeit eine wesentliche Grundlage für die Akzeptanz des Stadionneubaus in der Pauliner Marsch gewesen sei. Ein Punkt, den auch der Beirat Östliche Vorstadt so sieht.

Behördensprecher weist Unterstellung zurück

In der Baubehörde ist man über das Schreiben der Initiative alles andere als glücklich. Besonders die Behauptung, dass weiterhin mit „der willfährigen Unterstützung durch Politik und Verwaltung“ zu rechnen sei, nennt Behördensprecher Jens Tittmann eine Unterstellung und weist sie zurück. „Die Senatorin hat den Antrag nicht persönlich genehmigt. Sie ist keinesfalls involviert gewesen“, betont er und entgegnet damit dem von LIV geäußerten Vorwurf, „die Senatorin trage die Verantwortung für die Verunstaltung des Eingangsbereiches in die Pauliner Marsch“.

Die Fach-Juristen der oberen Baubehörde hätten sich vielmehr mit dem Gutachten auseinandergesetzt, Basis für die folgende Stellungnahme des Fach-Referats, so Jens Tittmann. Nach der korrekten Bearbeitung sei man dort zu dem Schluss gekommen, dass der Bauantrag genehmigungsfähig sei. Zudem sei es dem SV Werder ausdrücklich untersagt worden, die Videowand zu Werbezwecken zu nutzen. Das sei die Rechtsgrundlage für die Erteilung der Baugenehmigung gewesen. Den Beschwerdeführern bleibt es indes unbenommen, einen Verwaltungsgerichtsprozess gegen die Baugenehmigung anzustrengen.

Werder Bremen hat von dem erbosten Schreiben der Anwohner nichts mitbekommen. Nachdem der Bauantrag in der vergangenen Woche durchgewunken worden war, wurde die Leinwand bestellt und soll jetzt so schnell wie möglich installiert werden. Denn man finde, so der Verein am Mittwoch auf Anfrage, dass die Leinwand wirklich niemanden störe und sehr modern sei.

Lesen Sie auch

Info

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+