Tierschützer fordern bessern Schutz Wegen Corona: Stadttauben könnten verhungern

Taubenfutter auf Straßen und Plätzen stößt bei Anwohnern und Geschäftsleuten auf Unverständnis. Tierschutzverbände und -vereine fürchten, die Vögel könnten in Corona-Zeiten verhungern.
17.04.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Wegen Corona: Stadttauben könnten verhungern
Von Justus Randt

Das ausgestreute Körnerfutter, der Vogeldreck – vieles, was mit Tauben zu tun hat, geht vielen Bremern zunehmend auf die Nerven. In Zeiten wie diesen, in denen das Coronavirus grassiert, gilt eine wachsende Sorge Hygieneaspekten: „Eine Infektionsgefahr geht von diesen Tieren auch aus“, schreibt ­WESER-KURIER-Leser Gerd Christiansen an die Redaktion. Und Leserin Krista Specht findet „das haufenweise Füttern lästig und gefährlich“, zumal jetzt, „wo unbekannte Viren entstehen und zur Bedrohung werden”. Als gefährlich hat die Gesundheitsbehörde, die vollauf mit dem Coronavirus und seinen Folgen beschäftigt ist, die Tauben bisher nicht eingestuft. Im Umweltressort wird die Einschätzung aktuell geteilt. Einzig die Tauben selbst scheinen ein bedrohliches Problem zu haben – auch wegen der Corona-Pandemie.

Lesen Sie auch

So hat kürzlich der Tierschutzbund Städte aufgefordert, „die noch kein wirksames Taubenmanagement haben, kontrollierte Fütterungsstellen mit artgerechtem Futter einzurichten“. Bremen gehört zu den Adressaten. Weil Restaurants, Cafés und Imbissbuden geschlossen seien, fänden die Tauben viel weniger Essensreste – ihre übliche Nahrung in den Städten. Es sei zu „befürchten, dass Tausende Tiere elend verhungern werden“. Auch die Tierschutzorganisation Peta appelliert an Bremen und 76 weitere Städte, ihren „Schutzauftrag“ für die Tauben zu erfüllen: „Das sind Nachkommen domestizierter Tiere, die zum Nahrungserwerb komplett auf den Menschen angewiesen sind.“ Es dürfe „kein isoliertes Fütterungsverbot ohne Taubenhäuser“ geben.

Taubenhäuser bald in der Nähe des Bahnhofs Vegesack?

Solche Häuser soll es künftig auch an in Bremen geben, so steht es bereits in der rot-grün-roten Koalitionsvereinbarung. Die grüne Umweltsenatorin Maike Schaefer sei „eine erklärte Befürworterin der Taubenhäuser nach Augsburger Modell“, sagt ihr Sprecher Jens Tittmann. Im Bereich des Bahnhofs Vegesack werde aktuell ein Standort gesucht. Im Frühjahr 2021 solle es losgehen – später dann auch in Bremens Innenstadt. Aktuell solle eine Stelle im Naturschutzbereich ausgeschrieben werden, und „zu einem Drittel etwa geht es dabei auch um den Taubenbereich“.

Das Augsburger Modell sieht vor, den Tauben Zuflucht zu bieten, sie mit artgerechtem Körnerfutter, also keine Pommes frites, Brot- oder andere Essensreste, sondern mit Weizen, Mais, Hanf oder Hirse zu versorgen und gleichzeitig die Population zu kontrollieren, indem Gelege gegen Gipseier ausgetauscht werden. Erste positive Erfahrungen damit gibt es in Bremen bereits. Seit knapp einem Jahr kooperieren am Müllheizkraftwerk die Stadtwerke und das Tierheim beim Betrieb eines Taubenhotels.

Lesen Sie auch

Vorerst wäre Gerd Christiansen ein Fütterungsverbot wie in Bremerhaven am liebsten. Aber das gibt es nicht in Bremen. Momentan würden „so viele Verordnungen unbürokratisch erlassen“, da wäre „das doch eine Gelegenheit“, überlegt der Leser. Als Hausmeister eines Gebäudekomplexes am Hillmannplatz müsse er regelmäßig Taubenkot durch eine Fachfirma entfernen lassen. „Mit den Tauben wird es immer problematischer“, klagt er. Auch wegen der Fütterungen.

Dafür sind unter anderem Mitglieder des Vereins Stadttauben Bremen verantwortlich, der sich ebenfalls für das Taubenhauskonzept stark macht. „Bis es so weit ist, müssen wir füttern.“ Die Vorsitzende, Christine Dittmann, weiß von eskalierten Konflikten am Hillmannplatz, „da haben wir Anzeige erstattet“, und am Nelson-Mandela-Platz, beim Antikolonialdenkmal. Dort habe sich ein Anwohner darauf verlegt, die Tauben mit einer Pfeife von der Futterstelle zu vertreiben. „Das ist natürlich kontraproduktiv. Die Tauben werden nicht satt, und das Futter ist verloren.“ Deshalb werde dort auch nicht mehr gefüttert, sagt Christine Dittmann. „Wir haben Absprachen mit der Stadtreinigung, dass sie wegfegt, was liegenbleibt.“

Anwohner fordern Ende der Fütterungen

Geschäftsleute, die im unmittelbaren Innenstadtbereich wie am Liebfrauenkirchhof und am Katharinenklosterhof ansässig sind, beschweren sich schon länger und fordern, das Füttern müsse ein Ende haben. Anwohner hatten beklagt, das Futter ziehe Mäuse und Ratten an. Dem könnte die Vorsitzende von Stadttauben Bremen entgegensetzen, dass es nach trockenen Sommern und milden Wintern ohnedies viele Mäuse und Ratten gebe. Was an der Contrescarpe natürlich besonders augenfällig sei.

Aber sie konzentriert sich lieber auf die Tauben und hat damit alle Hände voll zu tun. Etwa vier Leute aus dem Verein seien regelmäßig zum Füttern unterwegs, schätzt sie. Etwa 40 Gramm Körnerfutter fresse eine Taube am Tag. Rund 1500 Euro koste das jeden Monat. „Das Geld bringen alle privat auf – aber jetzt sind manche von uns auch in Kurzarbeit. Trotzdem, wir füttern weiter wie vorher.“ Umso mehr freut sich Christine Dittmann über Unterstützung: „Viele Leute haben jetzt angefangen, Tauben zu füttern“, hat sie festgestellt. Und: „Das Tierheim Hemmstraße kommt uns diesen Monat mit einer Futterspende entgegen: 50 Sack.“

Die Sprecherin des Bremer Tierschutzvereins, der das Tierheim betreibt und dem Deutschen Tierschutzbund angehört, bestätigt das. „Die Taubenhilfe macht das ganz toll“, lobt Gaby Schwab die Ehrenamtlichen. „Die Tauben haben wirklich ein Problem. Und wir sind für alle Tiere da.“

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+